die einander nicht kennten , sie hätten sich nicht so angesehen , da muß etwas sein . So kriegt er lauter Stiche ins Herz , daß wenn dasselbe nicht wäre wie altes Händscheleder , dasselbe ganz verlöchert würde . Geht er aber ohne sie , so stechen ihn seine eigenen Gedanken , und alle Augenblicke muß er denken : Was macht sie jetzt ? Wen sieht sie jetzt ? Wer ist wohl bei ihr , der Tüfels Täsche ? So wird er gestochen , er mag mit ihr fahren oder sie daheim sitzen lassen ; geschieht ihm aber recht , ist Strafe für den Glust . Anne Mareili freute sich gar unbeschreiblich , je unverhoffter und wie ausgemacht sein Glück , wie ein Engelein aus dem Himmel , ihm vor den Füßen stund . Es hürschete in der Küche herum , daß die Mutter es daraus schicken mußte ; es kehrte in seinem Stübchen das Oberste zu unterst , und als es den Schaden umsah , hatte es lauter alte Rustig für morgen zweggelegt und alles , was es wollte , wieder in den Schaft getan . Es wollte nicht gäuggelhaft erscheinen , sondern so recht ehrbar und anständig , wie es sich ziemt . Das ist aber für ein Meitschi ein schwer Ersinnen , wenn es dieses nicht von Jugend auf seiner Mutter absehen kann . Es ist wohl nicht bald etwas so schwer , besonders wenn es ersinnet werden muß und nicht angewohnt ist , als sich immer so zu kleiden , daß weder etwas Nachlässiges noch etwas Narrochtiges zum Vorschein kommt , daß jedermann sagen muß : » Das kömmt doch tusigs brav daher , geng wie us eme Druckli use , nüt zviel , nüt zwenig . « Gäb wie leicht ein Bändeli zviel , eins zu wenig , etwas Schmutziges oder etwas Glariges , etwas Zerrissenes oder Überflüssiges , so ist alle Mühe und Arbeit umsonst und man wird Schlärpli oder Gäuggel tituliert , und diese Titel werden weit häufiger ausgeteilt , als man glaubt , und an Mädchen , die sich das nicht träumen ließen . Es ist aber auch wirklich schön , ein himmelschreiend seiden Fürtuch und kuderige Strümpfe dazu , oder ein schöner weißer Lampihut mit Federn oder Lätschen vom Tüfel und ein blau oder weiß Band daran , das man mit keinem Stecklein anrühren möchte , oder schöne schwarzseidene à jour-Handschuhe bis an die halbe Hand , hinten an den Fingern goldene Ringe und vornendran Klauen wie ein Habch , oder eine goldene ( wenigstens gelbe ) Kette um den Hals und Dreck hinter den Ohren , oder á jour-Strümpfe und verkniepete Schuhe und gwunderige Ferseren . Es ist wirklich eine strenge Sache für ein Meitschi , eben recht in allem zu sein , zu machen , daß alles nicht bloß zusammen , sondern auch zu Zeit und Ort paßt , daß es nicht zum Nachtmahl geht zum Beispiel wie ein Pfau , der zHimmel fliegen will , oder im Winter wie ein Sommervogel und schön himmelblau und schnadelig im Gesichte . Aber am allerschwersten mag es doch sein , sich recht zu kleiden , wenn man auf die Gschaui reitet ; wenn je , so paßt hier ein alt Sprichwort : Zu wenig und zu viel verhöhnt alle Spiel . Eine alte Frau sieht scharf , sieht , was hinter den Ohren ist oder hier oder dort , was man nicht sehen soll , und eine alte Frau ist oft wunderlich , und wenns der einen recht wäre , ist es der andern nicht . Anne Mareili hatte einen natürlichen Sinn für das Rechte und die nicht zu kaufende Gabe der Nettigkeit ; es stund ihm alles wohl , es strahlte so gleichsam aus den Kleidern heraus , und doch sah man gar nicht , daß es angewendet , daß es gedacht : Helf , was helfen mag ! Es war meist alles so , daß man meinte , es müsse so sein und nicht anders , es hätte gleichsam gerade so von selbst sich verstanden . Was ihm aber die Sache sehr erschwerte , war , daß es nicht kaufen konnte was es wollte , sondern daß ihm sehr viel Kleider kramsweise zukamen , bald vom Vater , bald von der Mutter ; manchmal war es dabei , manchmal nicht , und weder der Vater noch die Mutter hatten je von Geschmack gehört , sie wußten nur , was steych und was wohl schmöck , und meinten , was sie schön düech , sei schön , und schön düechte sie , was himmelschreiend war oder was wohlfeil war und doch , wie sie sagten , in die Augen schien . So krameten sie manchmal , daß es Anne Mareili das Wasser in die Augen trieb , während es schön danken mußte . Und was sie gekramet , das mußte es auch tragen , sie zürnten es sonst an ihm . Das Dümmste mußte es einige Male tragen , daß die Eltern es sahen . Das tat es denn auch etwa als Gotte an einem Nebenausort oder in der Nähe herum , wo es wohl bekannt war , oder in der Familie , wenn es an irgend ein Mahl mußte . Hatten sie es so gesehen , so vergaßen sie es und es konnte sich desselben wie , der entledigen auf beliebige Weise . Man kann sich daher denken , daß die Wahl Mühe kostete , besonders da die Toilette eines Bernermädchens da anfängt , wo eine vornehme Dame noch gar nicht daran denkt , beim Hemde nämlich ; das Hemd bildet eine der köstlichsten Zierden . Ich weiß nicht , wie Königinnen Hemder tragen ; selbst von der Viktoria ihrem , von der sonst allerlei in den Zeitungen stand , habe ich nie etwas gesehen oder gehört , aber ich bin überzeugt , sie würde es kaum merken , dem Stoffe nach , wenn man ihr eins von einer Berner Bauerntochter leihen würde , eins nämlich , wo Ärmel