Zustande der Dinge nahte sich jetzt Leonin - diesem vergötterten Monarchen sollte er in kurzem vorgestellt werden , und zwar nicht , um ihn unter dem Gesichtspunkte zu betrachten , wie wir es jetzt thun , sondern unter dem , wie man ihn damals ansehen mußte , beschränkt von der Gegenwart und ihrem beengenden Einflusse , als eine sichtbare Gottheit , als eine Alles besiegende Autorität - als den Inbegriff aller Vollkommenheiten . Es war die natürliche Folge dieser Ansicht , daß Alle , die des Glückes theilhaftig wurden , seine Nähe zu erreichen , seine Worte zu hören , sich selbst dadurch zu größeren Ansprüchen berechtigt hielten , und als Geschöpfe seines Winkes , doch sich erhoben fühlten über die Masse , die diesen Vorzug nicht theilen durfte . - Die Majorennitäts-Erklärung des jungen Grafen war vorüber , und unaufgefordert strömten die höchsten Personen zusammen , ihre Glückwünsche zu diesem Akte darzubringen . Das Hotel Soubise konnte die Zahl der Gäste kaum fassen , und die Marschallin hatte nicht umsonst auf den Antheil des Königs gerechnet . Nur im Vorbeigehen fragte derselbe beim Lever seinen Bruder , ob er von dem Feste seines lieben Marschalls von Crecy gehört habe , und dies war hinreichend , damit Monsieur zur bestimmten Stunde in dem Hotel Soubise auf zwei Minuten erschien - und der Name Ludwig von Orleans prangte an der Spitze von Unterschriften , die fast alle erlauchte Namen Frankreichs enthielten . Denn das Land versammelte die lebenden Repräsentanten derselben an dem Hofe - und Ludwigs Wunsch , sie dort zu sehn , war der Magnet , dem Niemand sich entziehen konnte . Der Marschall war versöhnt mit den schlauen Einrichtungen einer Gemahlin , die endlich seine unvollkommenen Wünsche , die er nie ins Dasein zu rufen vermocht hätte , in die Erreichung ihrer eignen mit einzuschließen wußte . Der Glanz seines Hauses trat auf eine imponirende Weise hervor , und dem Herzen des Vaters ward in der schmeichelhaften Anerkennung des Sohnes das vollste Genügen . Wie sollen wir aber den innern Zustand dieses Sohnes schildern , der seit seinem Eintritt in dies Haus fast nicht zur Besinnung gekommen war ? Seit seiner Abwesenheit hatten sich alle Zustände so gesteigert - sein eignes Bewußtsein , sein Auge sich so dafür entwickelt , daß es ihm schien , er käme in eine vorher gar nicht gekannte Welt . Es war , als ob das Unglück aus den Kreisen der Menschen verschwunden sei . Jeder Tag schien ein Fest , das Allen gehörte . Witz , Laune , Leichtsinn und Heiterkeit durchdrang die Menge von der höchsten bis zur niedrigsten Klasse . Es war keine Zeit für irgend ein tiefer liegendes Gefühl , und der Rausch , der über Alle seine Zauberruthe schwang , hieß Ludwig - Versailles - Frankreichs Ruhm ! - Es trat ein Stolz , ein Selbstgefühl bei jedem Individuum hervor , das aber gerade so entwickelnd wirkte ; denn Niemand wollte nachbleiben , Alle strebten , rangen und erreichten in irgend einer Beziehung Etwas . Aber mitfliegen mußte man ; das galt mehr wie das Leben ; das galt , sich als Franzose zeigen ! Und in diesen rauschenden Massen , durfte sich Leonin eingestehn , als der Erbe eines so bedeutenden Namens und Ranges bemerkt zu werden , zu Ansprüchen erhoben zu sein , die mit dem edelsten Neide verfolgt wurden , mit dem Neide , dem Göttersitze des Königs nah ' und persönlich dienstbar sein zu können . Diese Tage mit ihren Anforderungen hatten eine Menge schlummernder Eigenschaften in ihm hervorgerufen . So ins Auge gefaßt von der hohen Aristokratie des Landes , fühlte er plötzlich den vollsten Trieb des Ehrgeizes , sich ihnen in allen Punkten gleich zu stellen und jede Unsicherheit des Betragens abzuwerfen , die einen Zweifel über die Befähigung zu dem hohen Standpunkte seiner Geburt aufkommen lassen könnte . Er wollte nichts sein , als eine neue Zierde dieses glänzenden Hofes . Man sollte dieses anerkennen müssen , und er hätte bei schärferem Nachdenken sich selbst in den Erscheinungen nicht wieder erkannt , die dieser Einfluß hervorrief ; denn er ward nun erst Franzose und rechtfertigte vollkommen den Zustand jener wunderbaren Zeit . Nur , wenn er in tiefer Nacht sein einsames Schlafgemach betrat , die Diener entlassen hatte , und lautlose Stille ihn umfing , blieb er wie ein Träumender stehen . Wo war Fennimor ' s Gatte , wo war der einsiedlerische Schloßherr von Ste . Roche und die patriarchalischen Vorstellungen , die alle seine Wünsche umschlossen hatten ? - Ob er sich diese Fragen wahrhaft beantwortete ? Wir fürchten , nein ! Aber noch war er innig überzeugt , was jetzt geschehe , was er thue und treibe , es sei nur die Brücke zu ihr zurück . Noch fühlte er ihre Schönheit , ihren Werth ; noch brauchte er nicht an seine Pflichten gegen sie zu denken . Aber schon gab es auf dem ganzen Schauplatze seiner jetzigen Existenz keinen Punkt , wo er sich ihrer erinnern konnte , ohne den stechenden Schmerz zu fühlen , der uns belehrt , daß wir in gefahrvollen Widerspruch gerathen sind , und Pflichten sich drohend berühren , denen wir gleiche Heiligkeit zugestanden . Er verschob selbst den Moment einer Eröffnung gegen seine Mutter , theils aus Scheu und Unentschlossenheit , theils weil er glaubte , erst diesen öffentlichen Pflichten genug thun zu müssen . Er ahnte nicht , wie seine Mutter Alles in ihm sah und vorher gewußt , und wie fest sie beschlossen hatte , ihm eine solche Erklärung unmöglich zu machen , bis die Verhältnisse ihn so umsponnen hätten , daß er sie ihr nicht mehr zu machen wagen würde . Sie hinderte es daher nicht durch die leiseste Bemerkung , wenn sie erfuhr , wie Boten mit Briefen und Gepäck den Weg nach Ste . Roche nahmen ; denn dies Alles , wie es auch dort Ansprüche und Neigung unterhalten , und gefährliche Gedanken in Leonin nähren mußte ,