Name Evremont aber traf wie ein Blitzstrahl seinen Geist , die Blätter entfielen seiner Hand , und die Erzählung des General Clairmont gewann in diesem Augenblicke ein furchtbares Licht . Er sah seinen unglücklichen Freund auf dem Schaffot ; er erblickte seine Gemahlin im Gedränge des Volks ; er sah sie die weißen Arme erheben , sah den wahnsinnigen Ausdruck des Gesichts , er hörte innerlich ihren lauten durchdringenden Schrei und verhüllte , vor entsetzlichem Schmerze laut weinend , sein Gesicht , und , so wunderbar ist des Menschen Gemüth , in diesem ungeheuern Schmerze beklemmte doch zugleich die Beschämung seine Seele , sich seine Gemahlin so tief erniedrigt , vermischt mit dem Volke , als die Wittwe eines Hingerichteten zu denken . Er bedurfte eines langen Kampfes mit sich selber , ehe er so viel Fassung gewann , daß er die Blätter wieder ergreifen und diese unglückliche Geschichte weiter verfolgen konnte . Die Erinnerung , mit welcher Pein seine Gemahlin ihn erwarten würde , gab ihm endlich den Muth dazu , und er kehrte zu dem Inhalte der verhängnißvollen Blätter zurück und las , wie die Gräfin den Fortgang ihrer Geschichte folgendermaßen berichtete : Mein Schwiegervater führte mich als die Gemahlin seines Sohnes in sein Haus und benutzte die erste ruhige Stunde , mir die Nothwendigkeit zu zeigen , seinen Namen zu verschweigen . Er hatte beschlossen , seinen Sohn keiner Gefahr mehr auszusetzen , sondern , sobald es sich thun ließe , selbst nach Frankreich zurückzukehren , um seine Tochter und sein Vermögen in Sicherheit zu bringen , und er glaubte , er würde diesen Plan um so gefahrloser ausführen können , wenn Niemand seinen Tod bezweifelte . Ob ich gleich sehr jung war , sah ich die Wichtigkeit des Geheimnisses doch ein und begriff die Nothwendigkeit , alle unsicheren Zeugen bei meiner Trauung zu entfernen . Der alte Geistliche , welcher uns eingesegnet hatte , war der Beichtvater und Freund meines Schwiegervaters , also war auch auf dessen Verschwiegenheit zu zählen . Ich war dem Herzen meiner Mutter niemals theuer gewesen , aber seit meiner Verheirathung behandelte sie mich völlig wie eine Fremde und richtete jeden zärtlichen , liebevollen Gedanken ohne Hehl auf meinen Bruder , dessen Mündigkeit sie sehnsüchtig herbeiwünschte , denn sie zweifelte nicht , daß er dann sein Versprechen erfüllen und seine Seele , wie sie es nannte , in Sicherheit bringen würde . Mich kränkte diese unverdiente Kälte , und dieß war der einzige Kummer , der damals wie ein Schatten zuweilen den hellen Glanz meines Glückes verdunkelte . Ich empfand es eine kurze Zeit , wie glücklich der Mensch sein kann , um bald mit desto heftigerem Schmerz zu erfahren , welch furchtbares Leid das menschliche Herz zu ertragen vermag . Mein Schwiegervater liebte mich zärtlich und äußerte oft , wenn ein Franzose Frankreich vergessen könne , so würde er sich hier , umgeben von unserer Liebe , vollkommen glücklich fühlen , besonders wenn er die Tochter erst mit uns vereinigt habe ; aber ach ! geliebte Kinder , seufzte er dann , der Himmel gewährt kein reines Glück , wir sind doch immer aus unserm Vaterlande verbannt . Der Sohn suchte ihn in solchen Stunden mit der Möglichkeit der Rückkehr zu trösten . Es wird die Zeit einmal kommen , erwiederte er dann wohl , Frankreich wird feine Kinder wieder zu sich rufen , aber ich werde diese Zeit nicht mehr erleben . Unser stilles Glück wurde durch den Tod meiner trefflichen Großtante getrübt ; sie endigte nach einer Krankheit von wenigen Stunden wie im sanften Schlummer ein wahrhaft frommes Leben . Gleich bei unserer Ankunft hatte sie meine Mutter für ihre einzige Erbin erklärt und , wie sie es versprochen hatte , ihr Testament diesem Zwecke gemäß eingerichtet . Später , als die treffliche Frau die ungerechte Vorliebe meiner Mutter für meinen Bruder bemerkte , wollte sie zu meinem Vortheile eine Aenderung treffen , die jedoch immer verschoben wurde , und so geschah es , daß der Tod sie überraschte und die frühere Anordnung in Kraft blieb . Ich beweinte die geliebte Frau , die mir mehr Mutterliebe erwiesen hatte , als die Mutter , die mich geboren hatte ; aber das zärtliche Flehen meines Gemahls schmeichelte meinen Kummer hinweg , er erinnerte mich an die Pflichten gegen ihn , gegen seinen Vater , und ach ! an das Pfand unserer Zärtlichkeit , das noch unter meinem Herzen ruhte und dem sich meine Seele mit dunkler , ahnungsvoller Liebe zuneigte . Meine Mutter meldete meinem Bruder den Tod der Tante und forderte ihn auf , zu kommen und ihr bei den nun eingetretenen Geschäften beizustehen . Wie wir es erwartet hatten , folgte er bereitwillig diesem Rufe , um für meine Mutter die Erbschaft in Empfang zu nehmen , und diese erstaunte , als dieß Geschäft nach einigen Wochen beendigt war , den Nachlaß ihrer Tante so gering zu finden , daß sie nicht auf das ihr von meinem Vater ausgesetzte Einkommen , wie es ihr Vorsatz war , zu Gunsten meines Bruders Verzicht leisten konnte . Nachdem mein Bruder die Geschäfte meiner Mutter geordnet hatte , verließ er uns , um ein Jahr in Paris zuzubringen , und dann nach seiner Rückkehr wollte er sein Vermögen aus den Händen seines Vormundes empfangen und , wie meine Mutter hoffte , den lang genährten Vorsatz ausführen , sich in den Schooß der katholischen Kirche aufnehmen zu lassen . Wir alle sahen ihn mit Vergnügen nach dem Lande seiner Sehnsucht abreisen , denn Paris war ihm der Mittelpunkt der Welt , das Ziel seiner glühenden Wünsche , und er hatte es bis jetzt nicht erreichen können , weil ihm sein Vormund standhaft die Mittel dazu verweigerte . Wenige Wochen nach der Abreise meines Bruders wurde unser aller Glück erhöht , denn der Himmel schenkte mir einen Sohn , den der Großvater mit dankbaren Thränen gen Himmel hob , der Vater mit trunkenem Entzücken betrachtete und den ich , in selige Freude verloren