hielt sie , in Gedanken verloren , inne , als wollte sie sich auf das Weitere besinnen , und fing dann das Lied immer wieder vom Anfang an . - Mitten unter den Narren saß Rudolf auf einem umgefallenen Baumstamme , den Kopf vornhin in beide Arme auf die Knie gestützt . Er war ohne Hut und sah sehr blaß aus . Mit Verwunderung hörten sie , wie er mit ihnen allen in ein lebhaftes Gespräch vertieft war . Er wußte dem Wahnsinn eines jeden eine Tiefe und Bedeutung zu geben , über welche sie erstaunten , und je verrückter die Narren sprachen , je witziger und ausgelassener wurde er in seinem wunderlichen Humor . Aber sein Witz war scharf ohne Heiterkeit , wie Dissonanzen einer großen , zerstörten Musik , die keinen Einklang finden können oder mögen . Leontin , der aufmerksam zugehört hatte , war es durchaus unmöglich , das wilde Spiel länger zu ertragen . Er hielt sich nicht mehr , riß mit Gewalt durch das Dickicht und eilte auf Rudolf zu . Rudolf , durch sein Gespräch exaltiert , sprang über der plötzlichen , unerwarteten Erscheinung rasch auf , und riß dem verrückten Ritter , der neben ihm saß , den Degen aus der Scheide . So mit dem Degen aufgerichtet , sah der lange Mann mit seinen verworrenen Haaren und bleichem Gesichte fast gespensterartig aus . Beide hieben in demselben Augenblicke wütend aufeinander ein , denn Leontin ging unter diesen Verrückten nicht unbewaffnet aus . Ein Strom von Blut drang plötzlich aus Rudolfs Arme und machte der seltsamen Verblendung ein Ende . Alles dieses war das Werk eines Augenblicks . Friedrich war indes auch herbeigeeilt , und beide Freunde waren bemüht , das Blut des verwundeten Rudolfs mit ihren Tüchern zu stillen , worauf sie ihn näher an sein Schloß führten . Als er sich nach einiger Zeit wieder erholt hatte , und die Gemüter beruhigt waren , äußerte Friedrich seine Verwunderung , wie er so einsam in dieser Gesellschaft aushalten könne . » Und was ist es denn mehr und anders « , sagte Rudolf , » als in der andern gescheiten Welt ? Da steht auch jeder mit seinen besondern , eigenen Empfindungen , Gedanken , Ansichten und Wünschen neben dem andern wieder mit seinem besondern Wesen , und wie sie sich auch , gleichwie mit Polypenarmen , künstlich betasten und einander recht aus dem Grunde herauszufühlen trachten , es weiß ja doch am Ende keiner , was er selber ist oder was der andere eigentlich meint und haben will , und so muß jeder dem andern verrückt sein , wenn es übrigens Narren sind , die überhaupt noch etwas meinen oder wollen . Das einzige Tolle bei jenen Verrückten von Profession aber ist nur , daß sie dabei noch glücklich sind . « Bei diesen Worten erblickte er das vielerwähnte Medaillon von Erwin , das Friedrich nur halbverborgen unter dem Rocke trug . Er ging schnell auf Friedrich zu . » Woher hast du das ? « fragte er , und nahm das Bild zu sich . Er schien bewegt , als sie ihm erzählten , von wem sie es hatten und daß Erwin gestorben sei , doch konnte man nicht unterscheiden , ob es Zorn oder Rührung war . Er sah darauf das Bild lange Zeit an und sagte kein Wort . Durch die Ermattung von dem Blutverluste , sowie durch den unerwarteten Anblick des Portraits , schien seine Wildheit einigermaßen gebändigt . Die beiden Freunde drangen daher in ihn , ihnen endlich Aufschluß über das alles zu geben , und , wo möglich , seine Lebensgeschichte zu erzählen , auf welche sie beide sehr begierig waren , da sie wohl bemerkten , daß er mit diesem Mädchen und vielen andern Rätseln in einem nahen Zusammenhange stehen müsse . Er war heut wirklich ruhig genug dazu . Er setzte sich , ohne sich weiter nötigen zu lassen , neben ihnen auf den Rasen und begann sogleich folgendermaßen : Dreiundzwanzigstes Kapitel » Wenn ich mein Leben überdenke , ist mir so totenstill und nüchtern , wie nach einem Balle , wenn der Saal noch wüst und schwül qualmt und ein Licht nach dem andern verlöscht , weil andere Lichter durch die zerschlagenen Fenster hineinschielen , und man reißt die Kleider von der Brust und steigt draußen auf den höchsten Berg und sieht der Sonne entgegen , ob sie nicht bald aufgehn will - Doch ich will ruhig erzählen : Die erste Begebenheit meines Lebens , an die ich mich wie an einen Traum erinnere , war eine große Feuersbrunst . Es war in der Nacht , die Mutter fuhr mit uns und noch einigen fremden Leuten , auf die ich mich nicht mehr besinne , im Kahne über einen großen See . Mehrere Schlösser und Dörfer brannten ringsumher an den Ufern und der Widerschein von den Flammen spiegelte sich bis weit in den See hinein . Meine Wärterin hob mich aus dem Kahne hoch in die Höhe und ich langte mit beiden Armen nach dem Feuer . Alle die fremden Leute im Kahne waren still , meine Mutter weinte sehr ; man sagte mir , mein Vater sei tot . - Noch eines Umstandes muß ich dabei gedenken , weil er seltsam mit meinem übrigen Leben zusammenhängt . Als wir nämlich , soviel ich mich erinnere , gleichsam aus Flammen in den Kahn einstiegen , erblickte ich einen Knaben etwa von meinem Alter , den ich sonst nie gesehn hatte . Der lachte uns aus , tanzte an dem Feuer mit höhnenden Gebärden und schnitt mir Gesichter . Ich nahm schnell einen Stein und warf ihn ihm mit einer für mein Alter ungewöhnlichen Kraft an den Kopf , daß er umfiel . Sein Gesicht ist mir noch jetzt ganz deutlich und ich wurde den widrigen Eindruck dieser Begebenheit niemals wieder los . - Das ist alles , was mir von jener merkwürdigen Nacht übrigblieb , deren Stille , Wunderbilder und feurige Widerscheine