meiner Kräfte und Fähigkeiten , in und außer mir , schlechterdings unentbehrlich sey ? Ist diese Folgerung nicht von eben derselben Art , wie der Irrthum jenes Fußgängers , der den ersten Thessalischen Reiter , den er zu Gesichte bekam , für einen Centauren ansah , weil er sich nicht vorstellen konnte , daß der Reiter , sobald es ihm beliebe , absteigen und auf seinen eigenen Füßen gehen könne ? Und nun , liebe Laiska , dünkt dich nicht auch , wenn wir alle diese Betrachtungen mit der vorhin erwähnten Unmöglichkeit , uns selbst als nicht existirend zu denken , zusammennehmen , es entstehe daraus ein hinlänglicher Grund für uns , den Tod , den der Pöbel sich als das schrecklichste aller schrecklichen Dinge vorstellt , für den Uebergang zu einer höhern Art von Daseyn zu halten , und , ohne ihn zu wünschen oder zu beschleunigen , ihm , wenn er von selbst kommt , eben so ruhig ins Gesicht zu sehen , als Sokrates ? Was denkst du dazu , meine Freundin ? - Was mich betrifft , ich denke in diesem Augenblicke , daß ich vermuthlich der erste Mensch in der Welt bin , der sich einfallen ließ , eine Frau wie du - mit Todesbetrachtungen zu unterhalten , und , was noch sonderbarer ist , der gewiß seyn kann , die Grazien , Scherze und Freuden , die dich immer und überall umgeben , nicht dadurch verscheucht zu haben . 62. Lais an Aristipp . Ich bin eine zu große Liebhaberin vom Leben , mein lieber Aristipp , als daß ich mich nicht sehr gern überreden lassen sollte , daß ich immer leben werde . Ich rechne es dem spitzfindigen Plato ( der so viel dabei gewänne , wenn er es weniger wäre ) zu keinem geringen Verdienst an , daß er dir durch seinen Phädon Anlaß gegeben , mich über diesen Punkt ( der am Ende doch Alten und Jungen , Schönen und Häßlichen gleich angelegen seyn muß ) mit mir selbst ins Reine zu bringen . Indessen mag es wohl ganz gut für uns seyn , daß alles Gewicht der Gründe , die uns den Tod in einem so fröhlichen Lichte zeigen , dennoch keine völlige Gewißheit hervorbringt ; so daß ein Sokrates selbst nicht mehr dadurch gewinnt , als es zuletzt , mit einer gewissen zwischen Hoffnung und Gleichgültigkeit leise hin- und herschwebenden Ruhe , darauf ankommen zu lassen , was an der Sache seyn werde . Wären wir völlig gewiß , daß uns der Tod zu einer so großen Verbesserung unsrer Existenz befördern werde , wie ihr andern Philosophen uns so sinnreich vorzuspiegeln wißt , wer wollte in den nackten Felsen von Seriphos165 grau werden , wenn er nur seinen Kahn vom Ufer abzuschneiden brauchte , um in das zauberische Land der Hesperiden166 oder in Platons überirdische Erde hinüber zu fahren ? Denn was dieser seinen Sokrates über unsre vorgebliche Soldatenpflicht - » unsern Posten nicht eher zu verlassen bis wir abgelöst werden « - sagen läßt , überzeugt mich nicht ; und ich sehe nicht ein , was meine Freiheit über mich selbst zu gebieten beschränken sollte , sobald meine dermalige Existenz nicht anders als unter unerträglichen Bedingungen verlängert werden kann . Es ist sehr artig von dir , Lieber , daß du es in meine Wahl stellst , ob ich mit oder ohne Körper fortzuleben hoffen will . Als ich deinen Brief erhielt , saß ich eben einem großen Spiegel gegenüber , und ( ich gestehe dir meine Thorheit ) ich konnte mich nicht entschließen , bei meiner künftigen Reise in die Geisterwelt , nicht wenigstens die Gestalt , die mir entgegen sah , mitzunehmen , wenn ich auch allenfalls großmüthig genug seyn könnte , dem palpabeln167 Theil meines dermaligen Doppelwesens zu entsagen . Ob ich selbst ein zu materielles Wesen bin , oder woran es sonst liegen mag , genug ich kann mich mit der Vorstellung einer so ganz ausgezogenen splitternackten Seele nicht befreunden ; ein wenig Draperie muß um mich herfließen ; darauf habe ich , wie du weißt , nun einmal meinen Kopf gesetzt . Der subtile Leib , den du meiner Seele zugestehst , würde mir also seiner Leichtigkeit und Gewandtheit wegen nicht übel behagen ; aber die Unsichtbarkeit , die du ihm ( ich weiß nicht warum ) beizulegen beliebst , steht mir nicht an , und ich muß dich bitten , ihn mit so viel Lichtstoff zu durchweben , daß er wenigstens aus einem halbdurchsichtigen Rosenwölkchen gebildet zu seyn scheine , und von meinen guten Freunden in der andern Welt ohne Anstrengung ihrer Augen gesehen werden könne . Die sublime Gestalt , worin ich dir im Traume zu erscheinen pflege , gibt mir gute Hoffnung , daß es gerade dieselbe seyn könnte , in welcher ich mich ihnen zu zeigen wünsche . Indessen wittre ich doch einige Schwierigkeiten , und ich möchte wohl wissen , wie du es z.B. mit der Geschlechtsverschiedenheit zu halten gedenkst ? Ich gebe zu , daß ich bei der Umgestaltung in einen Adonis oder Nireus von Seiten der Schönheit mehr gewänne als verlöre ; aber man ist doch immer lieber was man ist , und wenn der ätherische Leib , den du den Leuten in der andern Welt allenfalls noch lassen willst , nichts , was vermuthlich keinen Gebrauch mehr in derselben haben wird , behalten soll , so muß eine Gestalt heraus kommen , gegen welche ich meine jetzige nicht vertauschen möchte . Wie viel fällt bloß deßwegen weg , weil wir ( denke ich ) nicht mehr essen und trinken , oder wenigstens , um uns von Nektar und Ambrosia zu nähren , keine so animalischen Verdauungs- und Absonderungswerkzeuge nöthig haben werden , wie dermalen ? Und was wollten wir mit Armen und Beinen machen , da vermuthlich alle die Bedürfnisse und Verrichtungen , wozu sie in diesem Leben nöthig sind , dort aufhören werden ? Kurz , ich sehe nicht , was von unsrer jetzigen