der Consul . „ Ich werde mir die Freude des Wiedersehens dadurch nicht stören lassen , und mit Ihnen , Doctor , bin ich überhaupt ausgesöhnt , seit Sie in Ihrem , Morgenblatte ‘ eine solche Jubelhymne über Reinhold ’ s neuestes Werk anstimmten . “ „ Bitte , ich schreibe keine Jubelhymnen , “ sagte der Doctor etwas pikirt . „ Ich habe im Gegentheil nur zu oft die Erfahrung machen müssen , daß meine Kritiken von den Herren Künstlern mit weniger schmeichelhaften Namen belegt werden . Unser großer Mime und Heldentenor , der , wie Sie wissen , sein hochtragisches Bühnenpathos stets auch im wirklichen Lehen beibehält , nannte neulich erst mein Urtheil über eine seiner Hauptrollen , den Ausfluß der schwärzesten Bosheit , die je eine schwarze Menschenseele ausgebrütet ‘ . Wie finden Sie das ? “ „ Nun , Reinhold hatte auch genug von Ihrer Feder auszustehen , “ meinte Erlau . „ Ein Glück , daß er damals in Italien unser ‚ Morgenblatt ‘ nicht zu Gesichte bekam ; er hätte sonst sehr unliebsame Dinge lesen müssen , ‚ von der beklagenswerthen Richtung eines unleugbar großen Talentes , von unverzeihlicher Verschleuderung der kostbarsten Gaben , von der Verwirrung eines Genius , der zum Höchsten befähigt und dennoch auf dem Wege sei , sich und die Kunst zu ruiniren ‘ – und was dergleichen Artigkeiten mehr waren . “ „ Mit denen Sie damals doch völlig einverstanden waren , “ ergänzte Welding . „ Gewiß , ich bin ein offener Gegner Rinaldo ’ s gewesen . So unbedingt ich von jeher sein großes Talent anerkannte , so sehr ich ihn bei seinen ersten künstlerischen Versuchen ermuthigte , so entschieden verwarf ich jene Richtung , der er sich später in Italien zuwandte . Jetzt ist das anders geworden . Sein neuestes Werk zeugt von einer Umkehr , zu der man ihm und der Kunst nur Glück wünschen kann . Er hat sich durchgerungen durch die wilde Gährung zur vollsten Freiheit und Klarheit des künstlerischen Schaffens . Sein Genius scheint endlich die rechte Bahn gefunden zu haben – dieses Werk steht durchaus auf der Höhe seines Talentes . “ „ Natürlich – und das ist einzig Eleonorens Verdienst , “ sagte Erlau mit unerschütterlicher Zuversicht , während seine Cousine sehr andächtig den Worten des Doctors lauschte . „ Hilft Frau Almbach ihrem Gemahl bei seinen Compositionen ? “ fragte Welding boshaft . „ Lassen Sie die Malice , Doctor ! Sie wissen doch am besten , wie ich es meine , “ rief der Consul ärgerlich . „ Nun , Heinrich , was giebt es ? “ wandte er sich an den rasch eintretenden Diener , der berichtete , daß der Wagen soeben vorfahre . „ Cousin ! Um Gottes willen , langsamer ! Die ganze Dienerschaft steht ja draußen im Vestibül , “ rief die alte Dame , die sich bereit gemacht hatte , die Ankommenden feierlich und würdevoll zu empfangen , und die jetzt von dem Consul , der ihren Arm ergriff , so stürmisch fortgezogen wurde , daß die Majestät ihrer [ 642 ] Schleppe gar nicht zur Geltung kam . Erlau hörte nicht auf ihre Vorstellungen ; sie mußte im Sturmschritte mit ihm bis zur Treppe . Doctor Welding , der zufällig gekommen war , ohne die Stunde der Ankunft zu kennen , hielt sich als Hausfreund berechtigt , der Familienscene beizuwohnen . Er blieb deshalb im Salon , während draußen die ersten Empfangs- und Bewillkommnungsreden laut wurden . Der Consul begrüßte mit voller Zärtlichkeit seine Pflegetochter und den kleinen Reinhold , der in hellem Jubel an seinem Halse hing . Die Cousine dagegen schien sich des großen Reinhold bemächtigt zu haben , den sie mit einem Strome von Complimenten in den Saal geleitete , während die Uebrigen noch in dem vorderen Zimmer weilten . „ Ich freue mich unendlich , in dem Gatten meiner theuren Eleonore , den ich ja auch wohl als Verwandten begrüßen darf , zugleich den gefeierten Rinaldo kennen zu lernen , “ versicherte sie noch auf der Schwelle . „ Und unser H. wird stolz darauf sein , seinen berühmtem Sohn endlich einmal wieder in seinen Mauern zu sehen . Herr Almbach , man kann Ihnen und der Kunst nur Glück wünschen zu Ihrem neuen Werke ; es steht durchaus auf der Höhe Ihres Talentes . Ihr Genius hat endlich – ja endlich – “ „ Die rechte Bahn , “ half Doctor Welding , der in der Nähe stand , mit größter Artigkeit ein . „ Die rechte Bahn gefunden , “ fuhr die Dame begeistert fort . „ Sie haben sich durchgerungen durch die wilde Gährung zur vollsten Freiheit und zu höheren Sphären . “ „ Nicht ganz wortgetreu , aber es geht auch so , “ murmelte Welding vor sich hin , während Reinhold , etwas betreten über dieses Sturzbad von ästhetischen Redensarten , sich vor der Dame verneigte . Zum Glück sah diese jetzt Ella am Arme des Consuls eintreten und eilte , sie und ihren Knaben zu umarmen , während der Doctor zu Reinhold trat . „ Darf ein alter Bekannter sich Ihnen in das Gedächtniß zurückrufen , Herr Almbach ? Ich bin zwar nicht so kühn , Sie gleich mit kritischen Lobsprüchen zu empfangen , wie Ihnen eben geschah , aber ich heiße Sie deswegen nicht minder herzlich in der Heimath willkommen . “ „ Die Tante meint es gewiß sehr freundlich , “ sagte Reinhold halb entschuldigend . „ Es war mir nur im Augenblicke etwas befremdlich – “ er hielt inne . „ Mit einer meiner Recensionen empfangen zu werden , “ ergänzte der Doctor . „ O , Ihre Frau Tante erweist mir öfter die Ehre , meine Artikel zu reproduciren , wenn auch freilich bisweilen an etwas ungeeigneter Stelle und mit eigenen Variationen , für die ich die Verantwortung nicht übernehme . Mit den ‚ höheren Sphären ‘ zum Beispiel habe ich für gewöhnlich nichts zu thun . “