Schritt des jungen Mannes , und als das holde thränenfeuchte Antlitz sich so angstvoll stehend zu ihm emporhob , da wollte auch sein tief verletzter Stolz nicht mehr Stand halten . Er umfing die noch immer so leidenschaftlich Geliebte . „ Muß ich Dich denn verlieren ? “ fragte er in bebendem Tone . „ Besinne Dich , Gabriele ! Opfere nicht so schnell unser Glück und unsere Liebe ! Die Leidenschaft Raven ’ s hat Dich berückt , geblendet ; er versteht es , mit dämonischer Gewalt die Herzen an sich zu ketten , aber er wird nie und nimmermehr ein Weib beglücken können . Du mit Deiner klaren , sonnigen Natur wirst vergehen an der Seite dieses Mannes . Du kennst ihn noch nicht ; er verdient Deine Liebe nicht . “ Gabriele machte sich sanft aus seinen Armen los . „ Suche ich denn Glück an Arno ’ s Seite ? Ich will ja nur bei ihm sein , wenn Alles ihn verläßt . Ich will sein Schicksal theilen , will mit ihm untergehen , wenn es sein muß . Das ist das einzige Glück , das ich erwarte , und dies eine wenigstens will ich mir nicht nehmen lassen . “ Es lag eine hingebende Zärtlichkeit in diesen Worten , und Georg ’ s Blick ruhte mit düsterem Schmerze auf dem jugendlichen Wesen , das so schnell die volle aufopfernde Hingebung des Weibes gelernt hatte . So , gerade so hatte er sich seine Gabriele geträumt , als er das frohe , übermüthige Kind zum Ideale seines Lebens erhob , freilich nur geträumt ; er hoffte ja nie , daß sie sich zu jener Höhe emporschwingen werde . Jetzt stand dieses Ideal verkörpert vor ihm , und in demselben Augenblicke erfuhr er , daß es ihm auf immer verloren sei . „ So laß uns scheiden ! “ sagte er , seine ganze Fassung zusammenraffend . „ Du hast Recht , mit dieser Alles überfluthenden Leidenschaft für einen Anderen im Herzen kannst Du nicht die Meine werden . Auch ohne Deine Bitte hätte ich Dich freigegeben nach diesem Geständniß . Weine nicht , Gabriele ! Ich habe ja keinen Haß , keinen Vorwurf gegen Dich , nur gegen ihn , der Dich mir raubte . Du warst das Glück , der Inhalt meines Lebens . Wie ich es tragen werde , wenn Du darin fehlst , weiß ich nicht . Leb ’ wohl ! “ Er zog sie noch einmal an sich , drückte noch einmal seine Lippen auf die ihrigen und eilte dann fort aus dem Hause , das er mit so frohen Hoffnungen betreten hatte und nun mit einem vernichteten Lebensglücke verließ . Gabriele blieb allein zurück , sie weinte nicht mehr , aber es war ein unnennbares Weh , das jetzt ihr Inneres durchzuckte . Sie fühlte , daß mit der Liebe Georg ’ s das Beste und Edelste aus ihrem Leben geschieden war . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 31 , S. 512 – 514 Fortsetzungsroman – Teil 23 [ 512 ] „ Nun , Gott sei Dank , daß die unselige Geschichte ein so glückliches Ende genommen hat ! Es brachte mich fast zur Verzweiflung , daß ich die Veranlassung dazu sein mußte . Ich gratulire Dir von Herzen zu Deiner Befreiung , Papa . “ Mit diesen Worten umarmte Max Brunnow herzlich seinen Vater , der mit einem flüchtigen Lächeln erwiderte : „ Die Sache kam mir nicht ganz unerwartet . Ich hatte schon vor ewiger Zeit einen ziemlich deutliche Wink erhalten und zwar vom Polizeidirector selbst . “ „ Die Presse hat sich aber auch wacker Deiner angenommen . “ sagte Max . „ In allen Zeitungen wurde der Ruf nach Begnadigung laut und das Publicum hatte nun vollends vom ersten Tage an leidenschaftlich Partei für Dich genommen . “ Dieses Gespräch fand in der ehemaligen Wohnung des Assessor Winterfeld statt , die dieser bei der schnellen und unerwarteten Abreise von R. seinem Freunde überlassen hatte . Max war unmittelbar nach seiner Genesung wieder dorthin zurückgekehrt und hatte vor einigen Stunden den Vater bei dessen Entlassung aus der Haft abgeholt . Die von allen Seiten erwartete Begnadigung Brunnow ’ s war nun wirklich erfolgt und mit allgemeiner Genugthuung begrüßt worden . Man hatte schließlich über den Starrsinn des Doctors hinweggesehen , der sich zu keiner Bitte und keinem Schritte seinerseits verstehen wollte ; er war vollständig amnestirt worden . Trotzdem sah er düster und niedergeschlagen aus . Er war blaß und offenbar angegriffen . Max dagegen war völlig unverändert . Seine kräftige Natur hatte , wie er vorausgesehen , ungemein rasch die Folgen der Krankheit überwunden , nur die frische Narbe auf der Stirn erinnerte noch daran . Im Uebrigen aber war das sonst ziemlich rücksichtslose Benehmen des jungen Mannes der rücksichtsvollsten Herzlichkeit dem Vater gegenüber gewichen . Er empfand tief die Aufopferung desselben , und auch Brunnow fühlte jetzt erst , was der Sohn ihm werth war . Jene Stunde am Krankenbette hatte das einst so gespannte Verhältniß zwischen den Beiden in das innigste Einverständniß gewandelt . „ Nun aber zu andere Dingen ! “ sagte Max abbrechend . „ Ich habe Dir ein Geständniß zu machen . Sieh mich einmal an , Papa . Bemerkst Du gar nichts Außergewöhnliches an mir ? “ Brunnow musterte ihn etwas verwundert vom Kopfe bis zu den Füßen . „ Nein , Ich finde nur , daß Du Dich außerordentlich schnell erholt hast ; sonst bemerke ich nichts . “ Max richtete sich würdevoll empor , trat dicht vor seinen Vater hin und erklärte mit Selbstgefühl : „ Ich bin Bräutigam . “ „ Bräutigam – Du ? “ wiederholte der Doctor überrascht . „ Schon seit mehreren Wochen . Es stand in der letzten Zeit allzuviel für uns auf dem Spiele , als daß