Trost suchte und fand , „ entschließe Dich doch , das Stück Deinen Bekannten vorzulesen . Es sind ja so viele geistreiche Leute hier , die auch ehrenhaft genug sind , Dir offen ihre Meinung zu sagen ; da kannst Du dann beobachten , welchen Eindruck das Ganze macht , und vielleicht auf die Urteile der Zuhörer hin etwas verbessern ! “ „ Ich brauche keines Menschen Urteil ! Was mein Stück wert ist , weiß ich selbst . Soll ich mir noch nachsagen lassen , ich bedürfte der Hilfe Anderer bei meinen Arbeiten . Das fehlte nur , daß es noch ruchbar würde , ich schriebe unbrauchbare Dramen . Nein , zu einem Werke , das keinen äußeren Erfolg erzielte , mag ich mich nicht bekennen , ich darf mir weder vor meinen Kollegen , noch vor meinen Schü ­ lern eine solche Blöße geben . “ Die Tür öffnete sich ein wenig und durch die Spalte lächelte eine zweite Spalte , der große Mund Elsas , herein . Als sie aber das düstere Verhängnis auf den Mienen ihres Bruders sah , rückte auch das breite Stumpfnäschen und endlich das ganze holde Wesen nach . Sie trug eine weiße Schürze mit einem Brustlatz , einen Überärmel von Kattun am rechten Arm und in der Hand einen Pinsel , desgleichen einen über dem rechten Ohr . „ Euere Stimmen störten mich in meiner Arbeit . Warum zanktet Ihr Euch schon wieder ? Ihr wißt doch , daß meine Phantasien durch das leiseste Ge ­ räusch wie scheue Koboldchen verjagt sind . “ „ Jetzt ist wohl Zeit , an Deine Allotria zu denken , wenn ein Werk wie meine Penthesilea als „ unausführbar “ zu seinem Dichter zurückkehrt “ , don ­ nerte sie der Bruder an . „ Gott ! “ rief Elsa bestürzt : „ die Penthesilea — auch von W ..... verworfen — o wer hätte das ge ­ dacht ! Ich verehrte diesen Mann so sehr ! — Mein armer Bruder — das ist hart ! Brüderchen , — Edmündchen , sieh nicht so finster drein ! O ich fühle ganz mit Dir . Wem schon so viele Werke zurückge ­ wiesen wurden , wie mir , der kennt diesen Schmerz ! Und was sagt meine arme Ulrike ? Sie ist auch so niedergeschlagen . “ „ O sie brauchst Du nicht zu bedauern “ , bemerkte Herbert bitter , „ sie hat nur Klagen über die Unfä ­ higkeit des Gatten , nicht über sein Unglück . “ Frau Herbert wandte das Gesicht nach dem Fen ­ ster , als habe sie die boshafte Rüge nicht gehört . „ Du mußt ihr das nicht so übel nehmen , Brü ­ derchen . Sie hat ja nie etwas Anderes als Übersetzungen gemacht , — sie weiß nicht , was sich be ­ wegt in eines Dichters Brust . “ Frau Herbert sah Elsa bei diesen geringschätzi ­ gen Worten ernst und ruhig an . „ Und dennoch ge ­ währen uns meine anspruchslosen Übersetzungen für die Unterhaltungsblätter die einzige feste Einnahme , die wir außer Edmunds Gehalt und meinen Zinsen haben . Das kommt daher , weil ich nicht leisten will , was über meine Kräfte geht . Einem bescheidenen Wollen , das mit dem Können gleichen Schritt hält , wird ein kleiner , aber sicherer Erfolg nie fehlen . “ Elsa wendete sich etwas verblüfft über die un ­ verkennbare Anspielung von ihr ab und zu dem Bru ­ der , der höhnisch murmelte : „ Natürlich , das ist der Endreim zu dem vorhin schon angestimmten Liede vom , Wollen und Nichtkönnen ! ‘ “ Elsa warf sich kosend , wie Klärchen vor Egmont , 46 auf einen Schemel zu seinen Füßen nieder , streichelte seine glattrasierten Wangen , nahm ihm das dicke Manuskript aus der Hand und drückte es an ihren Busen : „ Tröste Dich , mein Dichter ! Deine Penthesilea wird dennoch leben ! Hier , hier — in diesem und in Aller Herzen ! Laß sie nur drucken und gib sie als dramatisches Gedicht heraus , — dann findet sie einen Leserkreis unter den Besten Deines Volkes . “ „ Du bist eine gute Schwester “ — sagte Her ­ bert geschmeichelt , „ aber Du weißt , daß ich bisher nicht einmal einen Verleger fand , der genial genug gewesen wäre , es mit meinen Tragödien zu wagen . Und das Werk selbst drucken zu lassen , dazu fehlen mir die Mittel . “ „ Brüderchen — nein , ich kann nicht glauben , daß die Penthesilea keinen Unternehmer fände . Sie ist das Größte , was Du geschrieben . Auch der roheste Mensch muß von dieser Erhabenheit ergriffen werden ! Ich glaube noch eher , daß die gewaltigen Kampfszenen zwischen Trojanern , Amazonen und Griechen auf der Bühne schwer darstellbar sind , namentlich die mit dem Riesenpferde . Aber daß sich Jemand weigern sollte , eine solche Dichtung zu drucken — nein — nimmermehr . Wenn aber auch das Undenkbare geschähe , so verzweifle nicht . Soviel wird mir mein Kochbuch schon tragen , daß ich Dir die Mittel zum Selbstverlag geben kann ! O — welch wunderbare Fügung des Schicksals , wenn es mir vergönnt wäre , durch ein Kochbuch der deutschen Nation die Kenntnis ihres schönsten Werkes zu verschaffen . Die Wege des Genius sind unerforschlich und so wird vielleicht Penthesilea aus dem Schaume des Suppentopfes er ­ stehen , wie einst Aphrodite aus dem Schaume des Meeres . — Nun siehst Du , da lächelst Du ja . Nicht wahr — Dein Schwesterchen weiß immer , wie sie ihr geniales Brüderchen vergnügen kann ? “ „ Du bist ein liebes , poetisches Kind ; wenn ich auch Deine Hoffnungen nicht teile , so tut mir doch Dein Verständnis und Deine Bewunderung wohl , ich danke Dir ! “ Und Edmündchen legte die Hand auf das ihm zärtlich zugeneigte Lockenhaupt seines Schwesterchens . Sechstes Kapitel .