ist dieselbe geblieben , und sie ist alt und grau geworden in diesem Stübchen . Ich habe hier meiner alten Freundin nach langer Krankheit die Augen zugedrückt und habe versucht , ihr den Lebensabend heiter zu gestalten durch freundliche Pflege und herzliches Eingehen auf ihre Interessen und Freuden . Ich habe mich auch nach ihrem Tode noch immer gefreut , wie zu ihren Lebzeiten , wenn die Kinder und die blühenden Enkel aus dem stillen Dorfe kamen . Sonst habe ich keine Bekanntschaften geschlossen – auch keine gesucht in der Stadt . Zum Kirchhof bin ich seither jeden Tag gegangen . An schönen Sommerabenden nehme ich meine Arbeit mit und sitze an seinem Grabe auf der kleinen Bank , die ich dorthin stellen ließ . Wenn der Flieder duftet und die Rosen blühen , bleibe ich lange Stunden dort und kann mich kaum trennen von dem liebsten Platze auf der Welt . So ist mein Leben hingegangen , einförmig , freudenarm , und – nutzlos werden Sie sagen , mein liebes Kind . Sie haben recht , mir ist der Wirkungskreis einer Frau und Mutter versagt geblieben . Ich habe mich weder an öffentlichen Vereinen beteiligt , noch an irgendwelchen Werken des allgemeinen Wohles , wo ich hätte an die Öffentlichkeit treten müssen . – Ich bin kein neidisches Gemüt , aber wenn ich ein fremdes herzliches Glück sehe , so tut es mir weh , und es ist mir am wohlsten zu Hause in meiner Einsamkeit und Stille . Ich habe mir auch im stillen einen kleinen Wirkungskreis geschaffen , und ich weiß , es gibt Menschen , arme Menschen , die mit Liebe und Dankbarkeit an mir hängen . Bedauern Sie mich aber nicht , mein liebes Frauchen , ich habe auch schöne Stunden . Wenn ich an dem kleinen Klavier sitze und die Lieder spiele , die ich einst gesungen in der fernen , schönen Jugendzeit , dann taucht sie lebendig vor mir auf , so zauberhaft , so schön wie damals . Dann reite ich wieder auf feurigem Pferde neben ihm durch den Wald , dann sieht wieder der Mond hernieder und zeigt mir sein liebes , dunkles Auge , und in mein Ohr tönen jene herzlichen Worte , die das Herz nie vergessen kann . Wohl mir , daß ich sie einmal durchleben durfte , jene berauschende Zeit , nicht jede hat solche Erinnerungen in ihrem Unglück . Und jetzt sind sie alle tot die anderen , tot die stolze Frau v. Bendeleben , tot auch die schöne gefeierte Fürstin Ruth , tot des Pfarrers sorgliche Hausfrau und der bravste Freund , Heinrich v. Bergen – die einen noch jung , die anderen schon müde vom Leben . Nur der Pastor Renner lebt noch und Ihre alte Freundin mit den weißen Haaren . Uns beide wird Gott auch bald abrufen . Und wenn erst ein grüner Hügel über dem Sarge sich wölbt , dann wird niemand ahnen , welche Freude und welcher Kummer einst die Herzen bewegte , die nun so still geworden sind . Ach , ich wünschte mir nur eines , aber das kann ja nicht in Erfüllung gehen : ich möchte einst neben Eberhardt auf dem stillen Kirchhofe liegen ; doch – es ist ja nicht möglich . Und nun verzeihen Sie mir , daß diese meine Erzählung so lang , so ausführlich geworden – ich kam wieder hinein in die alten Erinnerungen , möchten sie doch nicht zu langweilig sein für Sie . Leben Sie wohl , herzlich wohl . Ich wünsche , daß die milde Luft Italiens Ihre Frau Mutter stärke und kräftige . Bleiben Sie nicht zu lange mehr aus und denken Sie manchmal an Ihre einsame alte Freundin . Gott befohlen und auf Wiedersehen in herzlicher Liebe Ihre Margarete Siegismund . Ich habe sie nicht wieder gesehen , meine alte Freundin , deren rührende Geschichte die vorstehenden Blätter enthalten . Mein Aufenthalt in Italien dehnte sich über den ganzen Winter ans . Mein Mann nahm später Urlaub und kam uns nach , er brachte mir Grüße und einen Brief von der lieben Nachbarin . Es sollte der letzte sein , den ich von ihr empfing . Ich bekam keine Antwort auf meine verschiedenen Schreiben , und dann im März von fremder Hand einige Zeilen , denen man es ansah , daß sie beim Schreiben gezittert hatte . Sie meldete mir , daß meine gute , alte Freundin dieses unvollkommene Leben mit dem besseren Jenseits vertauscht habe – sie habe noch herzlich meiner gedacht und den Schreiber dieser Zeilen beauftragt , mir ihre letzten Grüße zu überbringen und den Dank für manche heitere Stunde , die sie durch mich an ihrem stillen Lebensabend genossen habe . Sie ruhe auf dem Gottesacker zu Weltzendorf – war noch hinzugefügt – neben ihren Eltern und Kathrin . Unterzeichnet war der Brief : Friedrich Renner , Pastor emer . Weltzendorf , den 26. März 1875 . Meine Tränen fielen auf die unsicheren Schriftzüge , und aufrichtig war meine Trauer . Ich hatte sie recht von Herzen liebgehabt , die einsame alte Dame , die so viel Trübes erlebte in der Welt . Möge sie ruhen in Gottes Frieden ! – Frühling war es , als wir wieder in unsere Heimat einkehrten , und was für ein Frühling ! Die ganze Atmosphäre war erfüllt von Blütenduft , die Sträucher und Bäume schimmerten im hellsten Grün und die Festungswälle sahen ganz blau aus von all dem Flieder , der dort blühte . Uns gegenüber in der Wohnung , wo sonst das alte liebe Gesicht herausschaute , stand ein junges Mädchen mit langen , goldblonden Zöpfen und putzte die Fensterscheiben spiegelblank , während sie vergnügt und unbekümmert um die Leute in die warme Luft hinaussang : Mein Herz , tu dich auf , laß den Frühling herein ! Es wohnten schon wieder andere Menschen drüben . Es bleibt eben kein Fleckchen leer , und wenn einer geht aus diesem Leben , wie bald ist keine Lücke