grüßen solle oder nicht , wenn er mal , was selten genug geschah , über den Platz an ihren Fenstern vorbeiging . Ehemals , da wären sie gut genug für ihn gewesen ! Gottlob , an den dachte Aenne nicht mehr . Doktor Lehmann zuckte einfach die Schultern , wenn die Rede auf Heinz kam , er war jetzt Arzt bei dem kleinen Heini , und Frau Rat interessierte sich brennend für die alten Patienten ihres seligen Mannes , aber so zuvorkommend der Doktor auch sonst war , hierüber schwieg er wie ein Grab . Heinz lebte da oben mit seinem Kinde , weiter wußte Aenne nichts . Sie stand endlich auf , schloß das Fenster und das Klavier und schickte sich zum Heimweg an . Herrgott , drei Stunden hatte sie hier versäumt , und drunten wartete die Mutter und die Wäsche ! Sie reichte der Frau Försterin , die ihr vor der Thüre entgegenkam , die Hand , rief ein „ Auf Wiedersehen ! “ und lief davon wie gejagt . [ 293 ] Bei Frau Rat war bös Wetter ; heute ist der Donnerstag , der Tag , an dem ein für allemal Doktor Lehmann der Abendgast ist , und den hatte Aenne vergessen können ! Die Frau Rat , die aus Aennes Verhalten gegen den Doktor bisher durchaus nicht weder für noch gegen ihn herauszulesen vermocht hatte , mußte diese Nichtachtung durchweg als schlechtes Zeichen auffassen und das Barometer ihrer Laune war rapid gefallen . „ Fange mir nur um Gotteswillen nicht wieder das Umherstrolchen in den Wäldern an ! Du bist kein Backfisch mehr ! “ So ward sie empfangen . Aenne erwiderte : „ Solange werde ich nicht wieder ausbleiben , aber meine Spaziergänge , die lasse ich mir nicht nehmen . Du weißt , Vater hielt immer so sehr darauf ! “ Sie ward sehr rot , als sie das sagte , denn sie schämte sich ihrer Lüge und beeilte sich , durch doppelte Freundlichkeit alles wieder gutzumachen ; sie war sogar heute gesprächig dem Doktor gegenüber , und Frau Rat war zu Mute wie einem Fisch , der vom trockenen Ufer wieder ins klare , kühle Wasser gelangt ist . Man sprach über allerhand Alltagsdinge , wozu der Geruch der frisch abgenommenen Wäsche , der bis ins Eßzimmer gedrungen war , gut paßte . Es gab für die Damen Thee , den Frau Rat drei- bis viermal aufzubrühen pflegte , und für den Doktor goldklares [ 294 ] schäumendes Bier , ferner Soleier , Radieschen und Mettwurst , und das stand alles auf blendend weißem Tischtuch , und die beiden alten Damen hatten so blendend weiße Häubchen , und das junge Mädchen heute so rosenrote Wangen und blitzende Augen , daß einem heiratslustigen jungen Doktor , der ja nach der Meinung aller älteren Damen durchaus eine Frau haben muß , da unverheiratete Aerzte zu genierlich sind – daß einem solchen wohl das Herz aufgehen konnte , zumal wenn er so viel Sinn für Gemütlichkeit und häusliches Leben hatte wie Doktor Lehmann . Geld besaß sie freilich nicht , aber sie war herzig , und er durfte ja immerhin ’ mal ein nettes kleines Vermögen erwarten , er konnte sich den Luxus erlauben aus Liebe zu heiraten . Der Alte würde brummen – na , schadete nichts , er mußte sich ja aussöhnen , wenn er das Mädchen sah ! „ Sie waren doch heute auf dem Schloß ? “ fragte Frau Rat . Er zuckte heute nicht die Schultern , sondern erwiderte . „ Ja , ich war auf dem Schloß . “ „ Bei Kerkow ? “ „ Ja , bei Kerkow . “ „ Um den Jungen ? “ „ Um den Jungen . “ „ Steht ’ s schlecht ? “ Jetzt hielt er das Achselzucken für angebracht . „ Na , prosit , Frau Medizinalrat ! “ sagte er , sein Glas ergreifend . „ Prosit ! “ nickte Frau Rat , ihn ein bißchen schief ansehend , und dachte : warte – später will ich dir das Achselzucken schon abgewöhnen ! „ Ich glaubte nur , “ fügte sie hinzu , „ weil Sie so eilig geholt wurden . “ Das kleine Dienstmädchen erschien plötzlich und rief Frau Rätin hinaus ; nach einem Weilchen wurde auch Tante Emilie hinaus beordert und dann hörte man draußen etwas wie Schelten und Jammern . Aenne saß derweil höflich bei ihrem Gast , der sie mit seinen runden dunklen Augen durch den Kneifer in stiller Bewunderung betrachtete . „ Wollen Sie mir nicht verraten , wie es dem armen Kleinen droben geht ? “ fragte das junge Mädchen jetzt . „ Ach , Fräulein Aenne , das ist ein Trauerspiel , “ gab er zur Antwort , „ der Junge macht mir schon genug Sorge , aber der Vater noch mehr . “ „ Ist Herr von Kerkow krank ? “ fragte Aenne scheinbar obenhin , aber das Herz klopfte ihr mächtig . „ Vollständige Abulie . “ „ Was ist das ? “ „ Das ist eine Seelenkrankheit , Fräulein Aenne . “ Sie wechselte plötzlich die Farbe . „ Wie äußert sich das Leiden ? “ fragte sie . „ Das ist Willenlosigkeit in höchster Form , Gleichgültigkeit , Melancholie . “ „ Um Gottes willen , so helfen Sie ihm doch , Herr Doktor ! “ stieß sie hervor . „ Ich ? “ Er lachte kurz auf . „ Wissen Sie , der hört überhaupt nicht zu , wenn ich ihm etwas sage – da müssen andere Einflüsse kommen als der meine . In eine Nervenheilanstalt mit ihm und dort rücksichtslos ihm klar machen , was er für ein Jammermensch geworden ist , das wäre noch das einzige ! Uebrigens , ein Wunder ist ’ s nicht ! Sieben Jahre und mehr Schloßhauptmann von Breitenfels – der Teufel ! Ich wäre schon früher übergeschnappt . Und dann alle die sauberen Geschichten nebenher , die davongelaufene Frau ,