reichem Blondhaar und märchenhaft blauen Augen . Das Gesichtchen war von zartester Schönheit , der Körper von zartestem Bau . » Wer ist das Kind ? Wem gehört es ? « fragte Daniel . » Es ist dein eigenes Kind , Daniel , « antwortete seine Mutter . » Mein eigenes Kind ? Ja um Gott - ! « Errötend und erblassend schaute er von der Mutter zu Lenore . » Dein Fleisch und Blut . Gedenkst du an Meta nicht mehr ? « » An Meta ... Also das . Und ihr , ihr habt ' s genommen ? Und du , Lenore , hast darum gewußt ? Und du , Mutter , hast ' s genommen ? « Er setzte sich an den Tisch und verbarg sein Gesicht . » Das also war drin in dem Extratopf , « murmelte er scheu vor sich hin ; » es heißt wohl am Ende gar Eva ... ? « » Ja , Eva heißt es , « flüsterte Lenore bewegt . » Geh hin zu deinem Vater , Eva , und gib ihm die Hand . « Das Kind tat , wie ihm befohlen worden . Dann erzählte Marianne ihrem Sohn , daß Lenore es gewesen , die die Magd nach Eschenbach gebracht und daß Meta später geheiratet habe und mit ihrem Mann nach Amerika gegangen sei . Jeder Blick und jede Miene Mariannes verriet , mit wie großer Liebe sie an dem Kind hing und daß sie es wie ihren Augapfel hütete . Der Ring des wunderbaren Geschehens umschnürte Daniels Herz . Wo Verantwortung lag und wo Schuld , wo der Wille endete und die Fügung begann , konnte er nicht entscheiden . Dank zu äußern , war gemein ; die innere Wallung zu verhehlen , schwer . Er schämte sich vor beiden Frauen ; als er aber das lebendige Geschöpf anschaute , verlor die Scham ihren Sinn . Und wie hoch Lenore emporwuchs in seinen Augen , als tätiges wie als empfindendes Wesen schien sie ihm gleich verehrenswert . Beinah schauderte ihn davor , sie so nah zu wissen , und daß das , was sie getan , für ihn getan worden , erfüllte ihn mit Demut . Am allerseltsamsten aber war die kleine Eva . Er wurde nicht satt , sie zu betrachten und staunte über das Spiel der Natur , die sich darin gefallen hatte , aus einer plumpen Magd ein Menschenbild von adeligster Prägung entstehen zu lassen . Es war etwas himmlich Leichtes an dem Kind . Es hatte feine Hände , feine Gelenke und eine durchsichtige Stirn , deren bläuliches Geäder sich nach verschiedenen Richtungen verzweigte . Sein Lachen war die reinste Musik , und in Gang und Gebärden hatte es einen Rhythmus , der hohe Versprechungen auf künftige Freiheit und Anmut gab . Daniel führte Lenore durch das Städtchen , dann vors Tor . Es war Jahrmarkt , und es herrschte großes Gedränge . Sie kehrten daher wieder in die stillen Gassen zurück und gingen schließlich in die Kirche . Der Meßner kam ; er erkannte Daniel noch und sperrte ihm den Chor auf . Daniel setzte sich an die Orgel , der Meßner trat die Bälge , Lenore nahm auf einem Bänkchen an der Wand Platz . Daniels Augen blickten fest , die Finger griffen mit Geistergewalt in die Tasten . Es waren zwei Motive , die in freien Quinten gegeneinander drängten , sich dann vereinigten und , zu einem geworden , von den tiefen in die hohen Register zogen , von der Hölle durch die Welt zum Himmel . Ein Hymnus krönte das improvisierte Gebilde . Lange stand er noch mit Lenore in der Stille . Unter der gewölbten Höhe atmeten die Gesänge weiter . Es dünkte beide , als fließe das Blut des einen in den Körper des andern hinüber . Früher Erlebtes schwand aus dem Gedächtnis , eine weite Reise schien hinter ihnen zu liegen , keine Stimme mahnte an die Rückkehr , sie waren von Pflicht und Angst erlöst . 4 Lenore sollte bei Marianne und Eva schlafen , Daniel in seinem alten Zimmer . Er zeigte es Lenore , und sie traten aus Fenster und schauten hinaus . Da gewahrten sie Eva , die drunten im Hof auf einem Holzgeländer barfüßig hintänzelte . Mit ausgestreckten Ärmchen hielt sie sich im Gleichgewicht , und die Grazie ihrer Bewegungen war so elfenhaft , daß sich Daniel und Lenore einander verwundert zulächelten . Nach dem Abendessen ging Daniel vors Haus . Marianne und Lenore saßen eine Weile beim Fenster , hinter ihnen glomm der Lampenschein . Später kamen sie ebenfalls auf die Straße und gesellten sich zu Daniel . Marianne war aber des Kindes wegen unruhig ; sie meinte , es sei heute erregt gewesen und könne nach ihr rufen . » Bleibt nur draußen solang ihr wollt , ich laß die Tür halt offen , « sagte sie und kehrte um . Da gingen Daniel und Lenore wieder auf den Jahrmarkt . Es war noch früh am Abend , doch das Gedränge war nicht mehr so dicht . Sie wanderten langsam durch die Budengasse , blieben stehen , um den Tiraden eines Ausrufers zu lauschen , oder um zuzuschauen , wie die Bauernburschen nach Figuren schossen und nach einer Glaskugel , die auf einem Wasserstrahl tanzte . Allenthalben brannten grüne und rote Lampen , vom Wall droben zischten Raketen in die Nacht , in den Wirtschaften spielten Musikanten und johlten betrunkene Zecher . Dann kamen sie auf einen Rasenplatz , der nur durch das Licht aus einem Zirkuswägelchen beleuchtet war . Auf der Treppe des Wagens saß ein Mann in Trikot und hielt den Kopf eines schwarzen Pudels auf den Knien . » Das waren die letzten Bewohner der Erde , « sagte Daniel , als sie den Platz überschritten hatten . Der Lärm erstarb , die bunten Lichter verschwanden . » Wie weit willst du noch gehen ? « fragte Lenore , ohne Furcht in der Stimme .