Volk : je geringer seine Bildung ist , desto sicherer führt der Instinkt es seinen Weg . Und solch ein Schwachsinn wie der Giovannis ist vielleicht nur die Entwicklung eines höheren Sinns ! « » Du würdest ihn auch nicht um unseres Kindes willen fürchten ? « Sie lachte hell auf , ihre Arme zärtlich um seinen Hals legend . » O du aufgeklärter Deutscher ! « rief sie , » was bist du töricht ! Keinen besseren Schutz wüßt ' ich für mein Kind als ihn ! « Und nun läuteten vom Domturm zu Bamberg auch ihnen die Glocken - die kleinen mit den hellen Kinderstimmen , die großen mit dem Posaunenton . Sie waren schon in vielen deutschen Kirchen miteinander gewesen . Nirgends hatte Norina zu beten vermocht , wie sie es in Florenz täglich zu tun gewohnt war . » So düster sind eure Kirchen - als wäre Religion nur für Büßer und Leidtragende , « hatte sie erklärt , » sie drücken nieder , und dann am meisten , wenn ihre Spitzbögen alle Schwere des Steins aufgelöst zu haben scheinen . Sie machen es genau wie eure spitzen Kirchtürme - die wir auch nicht kennen - sie weisen alle nach oben , von der Erde fort , als hätten wir hier unten nichts zu suchen . « » Und ist nicht der Inhalt und Sinn aller Religion ein Führen und Weisen nach oben , über uns hinaus ? « hatte Konrad gefragt . » Nein , nein , « hatte sie erwidert , um dann nachdenklich , die Augen ins Weite gerichtet , fortzufahren : » Wie der Mann sich ein Haus baut , wenn er eine Familie gründet , Mauern um sein Leben errichtet , seinem Umherschweifen ein Ende bereitend , seiner Arbeit einen bestimmten Kreis anweisend , seine Freiheit , die ihn vielleicht bisher über alle Grenzen hinweg , ziellos umhertrieb , freiwillig beschränkend , so bauen wir wohl auch ein Haus für unsere Seele , die sich im Weiten verlor , denn was sie fand , wenn sie suchte , das waren doch immer nur neue Weiten gewesen . Ein Haus zur Ruhe , zur Sammlung - eins der bewußten Beschränkung vielleicht auch hier - eines , in dem jeder die Symbole dessen errichtet , was seinen Hoffnungen und Sehnsüchten als das Höchste erschien . Meinst du nicht - « und sie hatte dabei jenes demütige Lächeln , das ihr , seitdem sie sich Mutter fühlte , einen so wundervollen neuen Reiz verlieh - » daß dies Religion ist ? « Er hatte ihr damals , betroffen von einer Auffassung , die ihn um so schmerzvoller berührte , als sie ihm richtig erschien , nur ausweichend geantwortet . Heute war ihm als sängen die Glocken , was sie gesprochen hatte , aber es klang ihm nicht wie Unterwerfung , sondern wie Sieg und Jubel . Posaunen der Erzengel am Tore der Ewigkeit - - Ewigkeit - ein Geheimnis , dessen dunkle Pforte er nie zu berühren gewagt hatte , aus Angst , nur eine Spalte könne sich öffnen und der Blick durch sie ihn zerschmettern . » Sind wir nicht selber ewig ? « dachte er jetzt . Und mit einem seligen Blick umfaßte er seines Weibes Gestalt , während sie an ihm vorüber durch das offne Portal des Domes schritt . Sie traten leise zwischen die große Menge der Betenden , hinter den Sarkophag , der Kaiser Heinrichs II. , des letzten und größten Sachsenkaisers , und seiner Gemahlin , der heiligen Kunigunde , Gebeine trug . Rechts und links von ihnen knieten in Reihen betende Nonnen . Über sehr jungen , unschuldigen Gesichtern trugen die einen große , weiße Flügelhauben ; mit schwarzen Schleiern deckten die anderen ihre grauen Scheitel ; und goldene Kreuze glänzten über den breiten , schneeigen Schulterkragen . Auf den Gesichtern aber lag ein Frieden , der sich bei den einen als ein Auslöschen alles Lebens , bei den anderen als ein Erwachen tieferen und reicheren Lebens offenbarte . Die Litaneien wechselten mit dem Gesang . Viele Priester standen droben auf dem hohen Chor , fernab der Gemeinde , so daß nur das Weiß und das Rot und das Gelb ihrer Gewänder erkennbar war und ihr feierliches Hin- und Wiederschreiten , Beugen und Aufrichten . Einer trat in ihre Mitte mit weißem Haar ; Chorknaben trugen seinen schweren , goldgestickten Mantel , andere schwangen Weihrauchfässer , so daß sein ehrwürdiges Haupt aus lichten Wolken hervorschien . Und er trat weit vor auf der höchsten Stufe des Altars und hob die goldene Monstranz . In breiten Strahlen leuchtete in diesem Augenblick die Morgensonne durch die Fenster über ihm . Zu einem lichten Schleier wurde der Weihrauch , des Priesters weiße Haare zu einem Heiligenschein , zu einer Flamme die Monstranz ; niedergezwungen von frommem Entzücken und heiliger Scheu sanken die Andächtigen in die Knie . Norina mit ihnen ; und tief , ganz tief , als könne sie sich an der Gebärde vollkommener Hingabe nicht genug tun , beugte sie noch den Kopf auf die gefalteten Hände . Eine Flut weißen Lichtes füllte das Schiff der Kirche , streckte ihre mächtigen grauen Pfeiler , weitete ihre Wölbung . War ' s nicht , als zuckten die Lider des schlummernden Kaiserpaars ? Reckte der steinerne Reiter drüben sich nicht im Sattel ? Groß und staunend , die Unterlippe mißbilligend vorgeschoben , richtete sich der Blick des ritterlichen Königs auf sein Ebenbild , das da unten allein noch aufrecht stand . In Konrads Stirn stieg die Glut der Beschämung . Sie alle hatten die Mauer um sich gebaut und ihr Allerheiligstes hineingetragen . Brausend setzte die Orgel ein . Der Gesang der Frauen mischte sich in ihre vollen Akkorde . Eine Stimme darunter - es war die der jüngsten der Nonnen mit den Flügelhauben - erhob sich jauchzend wie ein Lerchenlied über allen : » Jungfrau Maria , wir grüßen dich , Heilige , gnadenreiche - « Und Konrad Hochseß