allein noch rieselte . Sie begann einige Baßtöne anzuschlagen , die im Raume tief surrten . Alle horchten wie erstaunt und beglückt . Aber sie war unentschlossen . Dann begann sie ein Kinderlied . Einhart horchte . Der Klang der Stimme allein sang ihm schon ein Schicksal vor . Es klang nicht zerbrochen . Es hallte wie eine Überwindung . Der Ton war anfangs ängstlich und zögernd im Vorwärtsgange . Aber Verena sang durch die leisen Kümmernisse , die sie zurückhalten wollten , sich ganz und gar zu einer freien Feier . Einhart saß gleich und zerriß sich den Sinn nach diesem Klange , der ihn umspann , wie aus Harfenlauten und Vogelstimmen gemischt . Ein jeder Hall beladen mit einem frommen Geheimnis , das leise hinschwebt . Ein jeder auch ein Zauberstab , dem Auge Gärten voll Blumen zu wecken und seiner tiefsten Begehrung letztes Gefühl . Es däuchte auch Einhart , als kämen die Töne wie Friedenstauben , hinausgeflogen , zu suchen , wo sie in den weiten Wassern eine Stätte fänden . Wer Einhart kannte , mußte wissen , daß er allmählich dasaß , als wenn es seine Seele selber wäre , die den Raum mit tausend dunklen und hellen Gewalten ausfüllte . Manchmal schienen die Töne , wie wenn Sturmvögel ihr Lied schrieen im Gewitter . Manchmal schien der Raum sich tief zu verdunkeln vor Einharts Augen , daß er sich ermannen mußte . Große Rätselkelche graufleckiger Lilien ragten im Dämmer von einem blanken Marmortische , verbreiteten einen betäubenden Duft im Saale und schienen mit zu leben ein stummes , nieverratenes Lebensgeheimnis . Verena sang und sang mit einer zärtlichen , stillen , selbstvergessenen Leidenschaft . Sie sang Lied um Lied . Sie sah aus wie ein musizierender Engel , von Meisterhand hingebildet , aber mit einer Seele , die sich wirklich regte und mit einem roten Munde , der selber Musik war . Und Verena sang und sang . Und jemehr sie sang , desto reicher gewannen ihre Augen und Mienen den Ausdruck einer lichten , reifen Kraft , einer tiefen Zuneigung zu den Visionen ihrer Tongestalten . Daß sie allmählich völlig vergaß , wer um sie war . Daß nur ihr Blick manchmal noch den gütigen Blick Einharts berührte , wie wenn sie sein reiches Leben mit ihrer Seele flüchtig grüßen wollte , und auch wecken , und nicht binden . Ihre leisen Töne hauchten im Raume wie verwehende Gespinste . Ihre Tiefen klangen wie harte Sprüche der Parze manchmal . Oder wie ein Echo in Gründen . Ihre schluchzenden Melodiengänge waren Nachtigallen im südlichen Morgengeäst . Wie alle versunken waren und nicht erwachten ! Auch Verena erwachte nicht aus dem Fest der Seele . Zart ist das Zarte dieser Welt . Süß und köstlich . Es muß immer schweben . Es ist nie auf der Erde . Hat nicht Fuß und hat nur Halt in der eigenen Wonne . Verena hatte dann nach Santuzzas Liebesklage plötzlich geschwiegen . Sie stand da und sah sich scheu um . Sie lächelte zur alten Gräfin hinüber , die mit einer Träne im Auge zu ihr trat und ihr leise die heiße Wange strich . Verena sah in den Dämmerraum wie geblendet . Und sie errötete , weil alle noch wie im Banne gehalten sich nicht rührten . Und weil auch Einhart dasaß , die Hand auf die Augen gepreßt , und nicht zu erreichen war . An diesem Abend wagte Einhart nicht mehr , Verena sich zu nahen . 12 Wer die Steppe kennt , liebt sie wie das Meer . Das Meer - : ehern anrauschend , gewaltig wogend und schäumend , ewig in seiner Unruhe . Oder auch gebreitet wie ein seliger Garten für schöne Meerfrauen , wenn die Fluten im Sonnenglanze sich wärmen und mit den goldbraunen Tangen ihrer Leiber Glanz scherzend umspülen . So breitet sich der gewaltige Mantel der Wasserwogen in rastloser Unruh und macht das Menschenauge voll Schrecken oder voll Lachen . Aber die lautlose Schweigsamkeit ist der Steppe Geschenk , ewig quellend aus der niegestörten Stille grenzenloser Fluren . Wer nur am Berghange den Abendfrieden erhört , der mit sanften Glutfarben die Täler vergoldet , kennt nicht den Hymnus , den die Steppe schweigt aus unerwecklicher , ewiger Schweigsamkeit . Wer bloß Stummheit kennt , erhört noch keinen Ton jener ehernen Erdenruhe , darin der Ruf des Vogels untersinkt wie ein Ring in die Flut , kaum gehört , schon verloren . Siehe die Ruhe des lieblichen , roten Mundes , wenn Verena schweigt und kaum nickt , ob zwar schon aus ihrer Seele ein Wunsch aufsteigt , gegen die Ruhe der Schlafenden , deren Mienen in tiefer Verlorenheit schlummern und von milder Erquickung sprechen . Die Ruhe der Schlafenden ist tief . Aber die Schlafende wird die feinen Lippen regen und wird erwachen . Die Ruhe des tiefsten Schlummers ist lebendigstes Leben gegen die Ruhe des Toten , dessen Wesen vor unsern irdischen Augen erhaben eingesunken in die große Stillung , die sich ihm plötzlich weit und entbindend aufgetan . Trachten und Tun ist Schlummers Ruhe gegen die Totenruhe . Ein rastloses Zielsuchen gegen ein ewiges Gefunden . Ein Drängen und Tasten gegen eine nie ausgeträumte Vollendung . Und so summt die Steppe die letzte Stillung . So tut sich der ewige Abgrund Schweigen auf vor deinen Ohren . So kannst du lauschen und lauschen und erhörst dir das Lied , das in alle jache Unrast der Zeit zum Troste gesungen dem Ringen , dem Trotzen , dem letzten Sehnen der Liebe . Einhart pries es so . Einhart floh jetzt längst hier hinaus in das Schweigen . Einhart floh durch Busch und Dickicht und konnte nicht mehr Halt finden . Es war eine richtige Narrheit gekommen . Narrheit nannte er es , weil er jetzt zum ersten Male seine grauen Haare fühlte . Es geschah , daß er mit seinem Skizzenbuche ausging , weil er um jeden Preis allein sein mußte . Es war nur reine Vorgabe