allen Fingerspitzen . Kara schien ganz dieselbe Empfindung zu haben , denn er sagte : » Wer hier auf den Gedanken käme , eine Pistole abzufeuern , der wäre unrettbar verloren , denn der ganze Berg würde von dieser kleinen Erschütterung über ihm zusammenbrechen und ihn unter sich begraben ! Wollen uns beeilen , fortzukommen , Effendi ! Mir will fast bange werden ! « » Nur noch das hintere Becken ! « sagte ich . » Vermutlich ist es nicht so groß wie dieses , und wir werden also schneller mit ihm fertig . « » Aber , um Allahs willen , nur leise , leise ; das bitte ich dich ! Ich sehe Alles um und über uns wackeln ! « Daß dieses sein Gefühl kein falsches war , das sollte sich uns später mehr als deutlich zeigen ! Jetzt aber ruderten wir uns nach dem Hintergrunde , wo wir sonderbarer Weise wieder auf Menschenarbeit trafen . Es gab eine breite Mauer von gewaltigen , unbehauenen Blöcken , welche auf kompaktem Fels errichtet worden war . Es schien , als ob man durch diese Mauer das hintere Bassin habe vollständig verschließen und verbergen wollen . Warum wohl das ? Doch bestand dieser Fels aus Kalk . Das Wasser hatte auch hier so auflösend und zerstörend gewirkt , daß nur noch die allerhärtesten Teile von ihm vorhanden waren . Und auf diesen wenigen , leichten Ueberresten lag die ganze Wucht der Riesenmauer ! Wie war es doch nur möglich , daß nicht schon längst hier Alles , Alles zusammengebrochen war ! Ein Halt war hier nicht mehr zu suchen und zu finden . Er mußte anderswo liegen , seitwärts oder oben , in irgend einem an sich geringfügigen Gegendrucke . Hörte dieser auf , so stand die Katastrophe zu erwarten ! Ein Gewitter , ein kleiner Erdrutsch oder etwas dem Aehnliches konnte die letzte , wenn auch unbedeutende Veranlassung zu dem gewaltigen Zusammenbruche sein , welcher längst schon vorbereitet war . Einen längst entwurzelten Baum wirft , sei er noch so groß und stark , schließlich doch ein kleiner Druck schon um . Wir schlüpften an einer der Stellen , wo die Mauer frei in der Luft schwebte , unter ihr weg und befanden uns dann im hintern Becken . Es war , wie ich vermutet hatte , nicht so groß wie das vordere . Säulen schien es nicht zu geben . Wir umruderten es in kurzer Zeit . Es bildete einen Halbkreis , dessen schnurgerade gebauter Durchmesser die Mauer war . Der Bogen bestand aus lückenlosem Fels , der sich hoch oben nischenförmig zusammenzuneigen schien . Als ich dies bemerkte , fiel mir die Sage von » Chodeh , dem eingemauerten « ein , welche Schakara mir erzählt hatte . Fast unbegreiflicher Weise war dieser Fels fast glänzend schwarz , so ungefähr wie recht dunkler , polierter Serpentin . Wie das wohl kam ? Nachdem wir nun den Umfang dieses Innenbeckens kennengelernt hatten , beschlossen wir , es auch einmal zu durchqueren . Da stießen wir schon nach wenigen Ruderschlägen auf einen aus dem Wasser ragenden Riesenblock von genau rechteckiger Gestalt . Er war feucht , schlüpfrig , unten weiß überkalkt , je höher hinauf aber um so trockener und dunkler . Seine Kanten waren so geradlinig und scharf , daß ich diese Regelmäßigkeit für Menschenarbeit halten mußte . Seine oberen Linien lagen im Bereiche unserer Flammen . Auch sie waren genau wie nach Schnur oder Wasserwage gebildet . Das Ganze hatte so sehr das Aussehen eines allerdings gewaltigen Sockels oder Postamentes , daß ich eine der Fackeln nahm , mich aufrichtete und in die Höhe leuchtete , um zu sehen , ob sich Etwas darauf befinde , was seinen ganz ungewöhnlichen Dimensionen entsprechend war . Und richtig ! Fast glich meine Ueberraschung einem frohen Schrecke ! Das Licht fiel auf etwas wunderbar rein weiß Glitzerndes , etwas so schneeig Zartes und Unbeflecktes , daß ich zunächst meinen Augen gar nicht trauen wollte . Dieses lautere , keusche , unschuldige Weiß , auf welchem Millionen Flammenkörnchen brillierten , kam mir nach Allem , was wir hier unten bisher gesehen hatten , so heilig , so unbegreiflich vor , als ob mein Blick auf etwas Ueberirdisches , vollendet Seelisches gefallen sei ! » Siehst du Etwas , Effendi ? « fragte Kara unter mir . » Ja , « antwortete ich , noch immer staunend . » Was ? « » Etwas wie aus dem Paradiese ! Wir haben die Dschehenna51 hinter uns , den Ort des steingewordenen Erdenfluches . Hier aber ist es mir , als sei der Fluch in Segen umgewandelt , und was dort Kalk im Todeswasser war , das kniee hier erlöst im alabasternen Gebete ! « » Ich höre dich , aber ich verstehe dich nicht ! « » Das glaube ich ! Auch ich kann nicht verstehen , wie das , was ich jetzt sehe , hierher gekommen ist . Es kniet hier Jemand , den ich bloß nur ahne . Ein betender Gigant ! Mir leuchtet nur das Glied , das er vor Gott , dem Allerhöchsten beugt ; das Andre steigt empor in Nacht und Grauen . Hebt er die Hände fordernd auf zum Himmel ? Hält er sie still gefaltet in Ergebung ? Hebt kühn er seine Stirn ? Ist sie gesenkt zur Erde ? Wirft er den Blick vertrauensvoll ins Weite ? Bedeckt er zaghaft ihn mit demutsvollen Lidern ? Was frage ich ? Es sei genug , daß ich hier beten sehe ! « Ich ließ die Fackel sinken , steckte sie an ihren Ort und setzte mich wieder nieder . Es war mir , als müsse ich hier bleiben , bis irgend ein Ereignis nahe , diese » Anbetung in der Verborgenheit « nach Matthäus 6 Vers 6 zu beantworten . Aber ich nahm mir vor , recht bald zurückzukehren und diesen Ort so genügend zu beleuchten , daß ich die ganze Figur , die hoffentlich kein