Menschenauges kennt . Es ist , als ob diese Augen , welche nur Unbegrenztes schauen , noch immer nach der unsichtbaren Pforte jener Geheimnisse suchten , deren Schlüssel in der verschwiegenen Erde des Friedhofes vergraben liegt . Die Seele , welche sich von dem Körper trennen wollte , hat die Verbindung mit ihm noch nicht vollständig wieder hergestellt . Sie zieht den Blick hinaus , dorthin , wohin sie heimwärts gehen wollte , dem Taucher gleich , der nach vollbrachtem Tagewerke sich von der schweren , unbehilflichen Rüstung trennt und sie am Strande liegen läßt , um , wonnig atmend , wieder frei zu sein . - An dieses Bild dachte ich am heutigen Abend , was leicht erklärlich war . Auch ich stand im Genesen und fühlte jenen weichen , tief empfänglichen Ernst in mir , dem es ein Bedürfnis ist , über den Horizont der Endlichkeit hinauszuschreiten . Dort , jenseits dieser Grenze , giebt es dann ebenen Weg ; die Zeit der Schlagbäume ist überstanden , und kein niederes Interesse kann den Blick von jenen Höhen lenken , in denen nicht einmal die Sterne mehr die Namen tragen , die ihnen von den Menschen gegeben worden sind . Sie wandeln groß und erhaben über uns , und wer ihnen mit dem Herzen , nicht mit dem Rohre folgt , dem offenbaren sie viel mehr , viel mehr , als man durch dieses Rohr über sie erfahren kann . Keine noch so kunstvoll gearbeitete teleskopische Linse wird jemals an Schärfe das Auge der Seele erreichen ! Während ich mich bis fast Mitternacht im Freien befand , saß Schakara bei Halef . Der Pedehr war bei dem Ustad , in dessen Wohnung heut eine wichtige Beratung stattfand , welche nicht in der Halle abgehalten werden konnte , weil diese ja uns überlassen worden war . Der Scheik der Dschamikun kam grad , als ich mich wieder hinein nach meinem Lager bringen ließ . Er teilte mir mit , worüber verhandelt worden war . » Wir haben über das beabsichtigte Fest der fünfzig Jahre gesprochen , « sagte er . Ein persisches Fest dieses Namens war mir nicht bekannt . Darum sah ich ihn fragend an . » Hat dir noch niemand etwas hiervon gesagt ? « erkundigte er sich . » Nein . « » Auch Schakara nicht ? « » Nein . « » Sie hätte gewiß sehr gern davon gesprochen , denn dieses Fest beschäftigt uns alle schon seit längerer Zeit ; wahrscheinlich aber ist ihre Meinung gewesen , auch in diesem Punkte gehorsam sein zu müssen . Der Ustad hat nämlich befohlen , euch nicht mit fremden , also auch nicht mit unsern Angelegenheiten zu behelligen . Ihr mußtet unberührt von jeder innern Störung bleiben . Deine Genesung aber , Effendi , ist so weit vorgeschritten , daß ich nun unbedenklich zu dir von diesem Feste sprechen kann . Es gab einen Kampf zwischen dem Ustad und uns , der ein Kampf der Liebe war . Unser Herr wünschte nicht , daß dieses Fest gefeiert werde . Heut abend aber haben wir ihm die Erlaubnis durch unsere vereinten Bitten abgerungen . In zwei Wochen nämlich werden es fünfzig Jahre , daß er zum erstenmal in ein Zelt unseres Stammes trat , und die Dankbarkeit gebietet uns , diesen Tag feierlich zu begehen . Er hat sich bisher ablehnend verhalten ; heut aber ließ er sich überzeugen , daß es ein Herzensbedürfnis für uns sei , und hat uns die Genehmigung erteilt - nicht seinet- sondern unsertwegen , sagte er . Ihr seid zu dieser Zeit noch hier bei uns , ein Umstand , über den wir uns alle freuen - - - « » Wird euch diese Freude nicht vielleicht von Hadschi Halef getrübt werden ? « fiel ich ein . » Diese Frage war natürlich von dir zu erwarten . Ich möchte dir gern sagen , was ich denke , befürchte aber , daß du über mich lächeln wirst . « » Dann bin ich beruhigt ! Wenn es nichts Schlimmeres als nur ein Lächeln ist , was du von mir erwartest , mußt du in Beziehung auf ihn wohl gute Hoffnung hegen ! « » Ja , die habe ich . Mein Ausdruck Lächeln aber war anders gemeint . Ich bezog ihn nicht auf Halefs Genesung , sondern auf deine Gedanken . Ich habe als sein Arzt Ansichten , welche vielleicht sehr fern von den deinen liegen , das ist es , was ich meinte . « » Du bist der Hekim91 ; ich aber bin der Laie . Wie könnte es mir beikommen , über dich zu lächeln ! « » Und doch ! Denn was ich dir sage , wird nicht die Ansicht allein des Hekim sein . Ich habe es mit einem schwerkranken Menschen zu thun . Wer und was ist das Wesen dieses Menschen ? In welcher Beziehung stehen seine Teile zu einander ? Das muß ich wissen , wenn ich ihn richtig behandeln soll . Ich vermute aber , daß du über diese Fragen ganz anderer Meinung bist als ich . « » Vielleicht , vielleicht auch nicht . Keinesfalls aber werde ich für deine Gedanken nichts anderes als ein Lächeln haben . Ich bitte dich , sie auszusprechen ! « » So höre ! « Er sprach zwar diese beiden Worte , doch ließ er mich zunächst nichts weiter als nur sie hören . Er hatte sich an meinem Lager niedergesetzt , das Gesicht mir voll zugewendet . Jetzt hob er den Kopf und schaute in das stille , bescheidene Licht der Kerzen , welche in der Nische brannten . Es war , als ob er durch dieses Emporblicken ein ganz anderes Gesicht bekommen habe . Wie rein , wie edel erschienen mir die Linien desselben , die bei unserm ersten Zusammentreffen von häßlichem Schmutz bedeckt gewesen waren ! Die Kerzen sandten ihm ihre Flämmchen als winzig kleine und doch fast strahlend helle Punkte in die schönen Augen