, und wenn mit leerer Hand , dann bleibt es für alle Zeit ein ungelichtetes Dunkel ? ... Nein , dann soll sie wenigstens wissen , daß es ein rechtmäßiger Erbe ist , der ausgestoßen wird aus dem Hause seines Vaters , weil er nichts Schriftliches aufweisen kann ... Max ist so gut Ihr Bruder , wie der böse Gestrenge in der Schreibstube ! « sagte sie mit unerbittlicher Entschlossenheit zu der jungen Dame . » Blanka war für ein kurzes Jahr Ihre Mutter , sie war die zweite Frau Ihres verstorbenen Vaters . « Erschöpft sank ihr Kopf in die Kissen zurück ; Margarete aber stand einen Augenblick wie versteinert . Es war weniger die plötzliche rückhaltslose Entschleierung der Thatsache , vor welcher sie erstarrte , als das grelle Licht der Erkenntnis , das in einem einzigen Moment eine ganze Kette dunkler Vorgänge beleuchtete . Ja , diese heimliche Ehe war es gewesen , welche die letzten Lebensjahre ihres Vaters so furchtbar verdüstert hatte ! Sie wußte jetzt , daß er den Sohn dieser zweiten Ehe zärtlich geliebt und doch den Mut nicht gefunden hatte , ihn öffentlich anzuerkennen . Aber sie wußte auch , daß mit jenem entsetzlichen Moment , wo er fürchten mußte , dieses geliebte Kind läge erschlagen unter den herabgestürzten Dachtrümmern , der feste Entschluß in ihm gereift war , es nunmehr in alle seine Rechte einzusetzen . » Morgen wird es einen Sturm da oben geben , einen Sturm , so wild wie der , unter welchem eben unser altes Haus in seinen Fugen bebt , « hatte er unter Hinweis auf die obere Etage in jener Sturmnacht gesagt . Ja , heftigen Auftritten hatte er in der That entgegensehen müssen . Nun , der Tod hatte ihm diesen Zusammenstoß mit den Vorurteilen der von ihm so sehr gefürchteten vornehmen Welt erspart , aber um welchen Preis ! - » Sie haben keine schriftlichen Beweise in den Händen , sagten Sie nicht so ? « fragte sie mit halb erstickter Stimme . » Keine , « erwiderte der alte Maler tonlos , und eine bittere Enttäuschung sprach aus dem Blicke , den er auf die plötzliche Frage hin der jungen Dame hinwarf . » Wenigstens keine solchen , die vor dem Gesetz gelten . Diese hat der Verstorbene beim Tode meiner Tochter an sich genommen ; aber sie sind in seinem Nachlaß nicht zu finden gewesen , sie sind spurlos verschwunden . « » Sie müssen und werden sich finden , « sagte sie fest . Damit ging sie nach der Küche und kam gleich darauf , den kleinen Max an der Hand , wieder herein . » Er soll mir zeitlebens ein lieber Bruder sein , « sagte sie bewegt , indem sie den rechten Arm um den Knaben schlang und ihre Linke wie zum Schutz auf seinen Lockenkopf legte . » Das Kind ist ein Vermächtnis meines Vaters für mich - ein heiliges ! ... Niemand hat einen Einblick in das Geheimnis seiner letzten Lebensjahre gehabt ; nur seiner Aeltesten hat er zuletzt Andeutungen gemacht . Sie waren freilich rätselhaft für mich ; aber jetzt weiß ich die Lösung . Hätte mein Vater nur noch zwei Tage gelebt , dann trüge diese arme Waise hier längst unseren Namen ... Aber ich werde nicht ruhen noch rasten , bis sein entschiedener letzter Wille , der ihm vor seinem Tode ausschließlich Kopf und Herz erfüllt hat , zur Geltung kommt ... Nein , sprechen Sie nicht mehr ! « rief sie , die Hand abwehrend gegen die kranke Frau ausstreckend , die mit dem Ausdruck des Glückes in den Zügen die Lippen öffnen wollte . » Sie müssen jetzt ruhen ! Gelt , Max , die Großmama muß schlafen , damit sie bald wieder gesund wird ? « Der Knabe nickte und streichelte die Hand der Großmama . Er nahm seinen Platz am Fußende des Bettes wieder ein , während die junge Dame , gefolgt von Herrn Lenz , in die Wohnstube ging . Hier in dem tiefen Fensterbogen teilte er ihr zur Orientierung noch Näheres leise , in flüchtigen Umrissen mit , und sie weinte still dabei in ihr Taschentuch hinein . Die Nervenerschütterung war zu heftig gewesen , und um der Kranken willen hatte Margarete standhaft die innere Bewegung beherrscht ; nun aber kam die Reaktion , und die erleichternden Thränen ließen sich nicht mehr zurückdrängen . Ehe sie ging , sah sie noch einmal in die Schlafstube . Der kleine Max deutete auf die Kranke und legte den Finger auf den Mund - sie schlief augenscheinlich süß und fest ; sie hatte die Last von der Seele gewälzt , und eine Jüngere , Starke hatte sie auf ihre Schultern genommen . - - - Wenige Minuten später stieg Margarete die Bodentreppe im Packhause wieder hinauf . Sie ging wie im Traume , aber in einem sturmvollen . Es war nicht viel mehr als eine halbe Stunde vergangen , seit sie ahnungslos diese Stufen hinabgehuscht war , aber welchen Umschwung aller Verhältnisse schloß diese eine halbe Stunde in sich ! ... Nun war es ja klar geworden , weshalb der Papa an ihre Kraft und Treue appelliert hatte ! Einer unseligen Schwäche hatte er sich angeklagt - ja , diese Schwäche , die Furcht , daß ihn die vornehme Gesellschaft um seiner zweiten Heirat willen in Bann und Acht thun werde , sie war es gewesen , die ihm das Leben vergiftet hatte ! - Sie blieb unwillkürlich stehen und sah nach dem Vorderhause hinüber . Ein schneidender Wind pfiff durch die offene Dachluke , und glitzernde Eiszapfen umstarrten wie Drachenzähne den schmalen Rundbogen . Margarete schauerte in sich zusammen , aber nicht vor der Winterkälte , die kühlte ihr wohlthuend das glühende Gesicht - ihr traten die Kämpfe vor die Seele , die sich in dem alten Hause dort abspielen mußten , bis das Recht triumphieren und der Jüngstgeborene in das väterliche Haus einziehen durfte ... Und hatte die kranke Frau