und wann noch in der Pfarre gesehen , um für ein paar Stunden fröhlich darin aufzuleben . In den Augen der gesamten Familie und zumeist in denen der kindlichen Mutter war Lydia an die Stelle des Vaters gerückt . Wie sie des Hauses Versorgerin geworden war , wurde sie bedingungslos dessen Autorität . Ein sonniger Frühlingstraum war verweht , ein düsterer Todesschatten vorübergezogen ; das Leben glitt hin in gewohntem , nur noch lautloserem Gleis . Die Mitteilung , welche Sidonie versprochen hatte , blieb aus ; monatelang wußte man weder auf dem Schloß noch in der Pfarre , was aus den Geschwistern geworden sei . Erst zu einer Zeit , die eigentlich bereits in den nächstfolgenden Abschnitt gehört , kam durch Martin - unter dem Siegel der Verschwiegenheit ! - eine bewegliche Kunde an seinen Freund Dezimus . Max hatte sich schon vor seiner Reise nach Rom zum Landwehroffizierexamen gemeldet , halb und halb wohl mit dem Vorbehalt eines eventuellen Übertritts zur Linie . Nun war kürzlich seine Wahl in eklatantester Weise von dem Offizierkorps abgelehnt worden . Als Anlaß vermutete man eine Reihe von Gedichten , welche unter seinem vollen Namen in einem neugegründeten freisinnigen rheinischen Zeitblatt erschienen waren und in den höchsten Regionen schweres Ärgernis hervorgerufen haben sollten . Der brave Martin war » ganz aus dem Häuschen « , wie er selber es nannte , über die Schande , welche der ganzen Familie angehängt worden sei und welche er selbst in seiner Karriere gehörig werde ausbaden müssen . Auch dauerte ihn sein Vetter , der , bisher ein Glückskind wie wenige , nun auf einmal aus einer Patsche in die andere gerate . » Und , « so schloß der Brave , » und alles um ein paar elender Verse willen , um die kein Hahn gekräht hätte , wenn man nicht solches Wesen davon gemacht . Und wenn ich ihrer ein dickes Buch voll gelesen hätte , mir wäre , als hätte ich Wasser getrunken . « Da die betreffenden Zeitungsnummern konfisziert worden waren , lag wenigstens eines der Gedichte dem Briefe bei . Pastor Blümel - für welchen das Siegel nicht unerbrochen blieb - nannte es eine gereimte Umschreibung der zweiten Prometheusstrophe ; nur daß der nicht mehr Zeus hieße , » dessen Majestät sich kümmerlich von dem Gebetshauch hoffnungsvoller Toren nährte . « Indessen wollte auch dem guten Blümel das ehrenkränkende Verdikt gegen den » Zornesausbruch eines heilig glühenden Herzens , dem die ersten Blütenträume nicht gereift waren « wenig einleuchten . Er sah in der Offiziersuniform das sicherste Korrektiv aller Titanengelüste und fürchtete die Früchte , welche die Erbitterung zeitigt . Pastor Blümel seufzte viel an diesem Tage und rauchte stark . Als Lydia zum ersten Male die Einkünfte der Werbenschen Stiftung bezog , sendete sie die Hälfte des Betrags durch Pastor Blümels Vermittlung an Sidonien , unter der Adresse ihrer Mutter . Umgehend erhielt sie die Summe auf gleichem Umwege zurück . Die Professorin behandelte , ohne jegliche Spur von Enttäuschung oder Verletztsein , die Angelegenheit rein als Geschäft . Ihre Tochter , so meinte sie , habe für einen derartigen Ausgleich nicht einmal den Anspruch der Billigkeit , da es keinem Zweifel unterliegen könne , daß Fräulein von Werben bei Abfassung ihres letzten Willens an die aussichtslose Familie ihrer Nichte Ottilie gedacht habe und nicht an Sidonie , die weder zurzeit noch , soweit sich voraussehen ließe , in Zukunft einer solchen Zuwendung bedürftig sei oder sein werde . Im übrigen scheine ihre Tochter sich im mütterlichen Hause heimisch einzugewöhnen , und sie sende den Pfarrfreunden ihre besten Grüße . Des Sohnes wurde nicht erwähnt . Lydia vermochte mit dieser Abweisung sich nicht zufrieden zu geben . Es widerstand ihr , auf Kosten der Verwandten , die sich - und wie Lydia glaubte mit gutem Grund - für die Nächstberechtigte gehalten hatte , ein mehreres in Anspruch zu nehmen , als zur Versorgung ihrer Familie erforderlich war , und sie ersehnte den Zeitpunkt , wo sie auf das Ganze verzichten durfte . Wie tiefes Elend war um dieses leidigen Mammons willen über sie gekommen ! - Durch Pastor Blümels , des zeitweiligen Kurators der Stiftung , Hand legte sie daher die Teilsumme bei jedem Termine hypothekarisch nieder , sei es zur späteren Verfügung ihrer Verwandten , sei es zu einem von diesen zu bestimmenden wohltätigen Zwecke . Der Herbst war gekommen , ein milder , gedeihlicher Weinherbst ; aber keiner im Pfarrhause freute sich wie sonst auf die Lese , da der Sohn sie heuer nicht mitfeiern durfte . Das liebe Röschen war , wie es sagte , ganz desperat . Es stellte in seiner Desperation allen Ernstes den Antrag , mit seinem alten Dezem auf die hohe Schule zu ziehen , ihm den Haushalt zu führen , wie schon manche Pfarrtochter es ihren studierenden Brüdern getan , und nebenbei in einer Fabrik das Blumenmachen zu erlernen . Und während dieses Antrags streichelte das liebe Röschen seinem alten Dezem die Backen , kniff ihm zärtlich die Ohrläppchen und zupfte ihn an seinen langen , strohgelben Haaren . Der alte Dezem aber - ei nun , es war ein Vorschlag zur Güte - , und der alte Dezem hätte sich solch eine rosige Studentenwirtschaft mit tausend Freuden gefallen lassen . Zwei gewichtigere alte Leute ließen sie sich aber durchaus nicht gefallen , und diese gewichtigen alten Leute hießen Papa und Mama . Da schmollte das liebe Röschen ein Weilchen , lachte dann und flocht einen Asternkranz ; ihr alter Dezem dagegen schmollte nicht , sondern versank wiederum in sein Sternensehnen . An einem der letzten Nachmittage waren die beiden jungen Schloßfräulein gekommen , um mit Röschen im Pfarrberge Trauben zu naschen . Dezimus hatte den Vater auf seinem Vespergange durch das Dorf begleitet und saß nun mit ihm unter den rotbeerigen Ebereschenbäumen auf dem Hünengrabe , den Untergang der Sonne genießend . Solch ein himmelreines Schauspiel ist im späten Oktober eine seltene Gunst , und wenn es vielleicht das letzte ist