auf das verwaiste Kind , welches Fräulein Hardine zum Schutz in ihre Reckenburg führte . August Müller endete glücklicher , als seine brave Lisette auf dem Sterbebett geahnt hatte . Wohl ihm ! Und wieder drei Tage später sehen wir Fräulein Hardine als einzige Leidtragende seinem Sarge folgen zu der Ruhestätte , die ihm an der Seite der » treuesten Dienerin « bereitet worden war . Es war dies eine letzte Ehre , welche die Herrin jedem ihrer Gemeindeglieder erwies , und wir , die wir ihre Bekenntnisse gelesen haben , wissen , welchen Erinnerungen sie durch dieselbe in diesem besonderen Falle gerecht ward , die Zeitgenossen aber , welche die Wahrheit erst aus diesen Blättern erfahren werden , die schrien im Chor : » Einem Fremden , einem bettelnden Tagedieb ! dem , der die schwerste Bezichtigung gegen sie verbreitet hat ? « So war es denn Fräulein Hardine selbst , die , schweigend und handelnd , dieser Bezichtigung Vorschub leistete , in einer Weise , daß ihr goldheller Namen dauernd dadurch geschwärzt werden sollte . Wir wollen uns nicht dabei aufhalten , wie dem starren Erstaunen die kleinlichsten Spürversuche folgten , wie der verbissene Neid triumphierte , Entrüstung , ja Empörung gegen die langjährige Heuchelei laut und öffentlich zur Schau getragen ward . Das Haus , zu welchem der Eintritt als hohe Gunstbezeigung erstrebt worden war , sah sich scheu gemieden , gleich einem , in welchem ein ansteckendes Fieber ausgebrochen ist ; der stolze Bau des Rechtes und der Ehre schien in seinem Fundament erschüttert ; keine Hand regte sich , ihn zu stützen , seitdem selber der Graf die Beziehungen zur Reckenburg und alle Zukunftsaussichten aufgab und , schweigend zwar , eben darum aber sprechend genug für die gespannten Lauscher , auf seinen neuen hohen Verwaltungsposten eilte . Wer hätte nicht in ähnlicher Weise eine wankende Autorität verlassen sehen ? Gleichwohl würde der geräuschvolle Eifer bei dieser Katastrophe nicht hinlänglich zu erklären sein , wenn der Zeitpunkt derselben außer acht gelassen würde . Der übermäßigen Anstrengung aller Lebenskräfte in Not und Kampf waren zehn Jahre einer apathischen Stille nachgeschlichen ; in beschränktem Kreise wiederherstellend und aufbauend , folgte jeder einem tiefen Ruhebedürfnis . Aller Abzug in weitere Gebiete war unterdrückt , die staatsbürgerlichen Interessen schwiegen , selbst unsere jüngsten großen Erinnerungen schienen wie mit dem Schwamme ausgelöscht . Mit dem patriarchalischen Behagen verbreitete sich patriarchalische Kleinsucht und Fraubaserei . Ein weniger bemerkenswertes Ereignis als der Sturz von Fräulein Hardines Ehrenkrone würde in einer solchen Epoche als eine Haupt- und Staatsaktion verhandelt worden sein , weit mehr als der Sturz von Königskronen in einer anderen . Ob Fräulein Hardine diesen Sturz bemerkte ? Ob sie ihn einer Beachtung würdigte ? Kein Zeichen deutete es an . Sie bewegte sich nach wie vor zuversichtlich in ihrem Tagewerk , und scheute sich nicht , das angezweifelte Wesen , das sie demselben eingefügt hatte , immer dichter in ihre Nähe zu ziehen . Unter allen Umständen tat sie keinen entgegenkommenden Schritt , der eine versöhnliche Stimmung eher als jener hochmütige Gleichsinn angebahnt haben würde . Wir aber , die sie die Ihren nannte , wir Reckenburger Leute , ei nun , wir kümmerten uns nicht um Klatsch und Matsch . Wir glaubtens nicht und wir bezweifeltens nicht . Wie Fräulein Hardine es uns gelehrt , sorgte ein jeder für das Seine . Indessen : das heftigste Unwetter verzieht , und auch die Windsbraut um Reckenburg legte sich ; nicht ganz so jählings , wie sie herangebraust war , aber hübsch sacht und gemütlich nach deutscher Stürme Art. Die Hand , die eine Reckenburg zu verschenken hat , behauptet ihre Anziehung ; die Standesgenossenschaft besann sich auf ihre alten Hoffnungen , auch die bürgerliche Klientel auf gelegentliche Berücksichtigung . Bald ersehnte jedermann nur einen Anlaß , um öffentlich zu verleugnen , was heimlich von keinem bezweifelt ward . Dieser Anlaß aber ließ nicht lange auf sich warten , und es war die Stelle , von welcher man im lieben Vaterlande alle Hilfe beanspruchte , zu der man sich selber nicht entschließen konnte , die allerhöchste , der man auch die Rettung von Fräulein Hardines Ehrenkrone zu verdanken hatte . Das Fräulein erhielt das Diplom einer Ehrenchanoinesse des vornehmsten Damenstiftes der Monarchie , und damit die Prärogative einer verheirateten Frau . Sie machte von dieser Sonderstellung keinen Gebrauch , nannte sich und ließ sich nennen Fräulein von Reckenburg . Man erzählte sich auch , daß sie eine gräfliche Erhebung ihres Wappenschildes dankbarlichst ausgeschlagen habe . Sie schien sich darauf zu steifen , als Freifräulein in die Grube zu fahren . Die königliche Gunstbezeigung wurde jedoch zum Signal , die Verunglimpfung zu bezweifeln oder großmütig zu decken . Ein tapferer Veteran der Befreiungskriege , von plötzlichem Fieberwahnsinn befallen , hatte auf Reckenburg eine Pflegestatt und ein ehrenvolles Grab , seine hilflose Waise hochherzige Versorgung gefunden . Wehe dem , der Jahr und Tag nach dem verhängnisvollen Königsfeste eine andere Version über die große Katastrophe hätte laut werden lassen ! Fräulein Hardine feierte weder heuer noch jemals später den 3. August mit einem patriotischen Mahl ; hätte sie ihn aber gefeiert , sie würde kein geladenes Haupt an ihrer Tafel vermißt haben . Indessen die Gäste stellten sich auch ungeladen wieder ein . Visiten , Ratsuchende , Huldigende , Hoffende meldeten sich , das Lächeln der Unschuld auf den Lippen , so als ob sie nimmer gewichen , und wurden empfangen , so als ob sie nimmer vermißt worden wären . Scheiden und Meiden schien auf beiden Seiten vergessen ; das alte Fahrgleis zur Reckenburg war wiederhergestellt , nur daß die Blicke sich je mehr und mehr zwischen der großen und der an ihrer Seite heranwachsenden kleinen Hardine teilten . Denn wie staunten die ersten Besucher , in der verwahrlosten Landstreicherin schon nach Jahresfrist ein Kind wiederzufinden , gesund und lieblich , wie man je eines gesehen . Fürwahr , Fräulein Hardine hatte eine glückliche Hand . Auch ihr trübseliger Schützling war gediehen in