dieses Elend nicht unterblieben ; Hans hätte doch einen Ersatzmann gekauft und vermutlich das Lebensglück eines anderen zerstört . Sie und die Ihrigen trugen nur am Elend , an der Not der ganzen Klasse . Arme Leute mußten sich eben verkaufen lassen auf die oder auf jene Art ; drum war ' s , wenn auch nicht recht , so doch erklärlich , daß der Vater , der das wohl oft im Leben erfuhr , den höchsten Preis aus ihr lösen wollte . Lange stand Dorothee auf der Brücke , die über die Ach führt , und beschäftigte sich mit diesen neuen Gedanken , bis sie trotz Sonnenschein und warmer Herbstluft wie im strengsten Winter zu frieren begann . Nur schon weil sie arm war , mußte sie für eine listige Verführerin gelten , die den reichen Burschen um jeden Preis in ihr Netz zu bringen suche ; der Besuch daheim und was sie da zu erleben hatte , bewies deutlich genug , daß dieses Vorurteil gegen die Armen auch nicht ganz unbegründet war . » Macht denn das Geld auch tugendhaft ? « fragte sich das Mädchen , blickte aber dabei nicht mehr zum Himmel empor , sondern nieder in den Strom , der unter der Brücke dahinbrauste . Wenn jetzt die Brücke zusammengebrochen wäre - dann hätte doch alle Not ein Ende gehabt ... für sie wenigstens ; die Ihrigen freilich ... » Du wirst dir da nicht etwa gar noch ein Leid antun wollen ? « fragte die helle , klangvolle Stimme der Kronenwirtin das Mädchen , welches über dieses Erraten seiner Gedanken noch mehr als über die unvermutete Anrede der Frau erschrak , die , ohne bemerkt zu werden , bis hart neben Dorotheen herangetreten war . » Ich wollte nur - ich komm ' eben vom Vater herüber « , stammelte die Verlegene . » Ich glaub ' schon , daß es nicht so weit mit dir ist , aber eben drum solltest du dich auch nicht öffentlich in so einen Verdacht bringen . Die Kirche ist aus , und mehr als hundert Augen blicken von allen Seiten auf dich . Was man dabei denkt , kann ich , die sonst doch nicht eben zu den Bösdenkenden gehört , mir selber abnehmen . « Dorothee schloß unwillkürlich die Augen . » Ich hab ' dich von meinem Haus aus gesehen und bin geschwind herüber , um dich zu holen , denn mir fiel etwas Schlimmes ein . Jetzt aber seh ' ich , daß dir gar nicht wohl ist . Du zitterst , als ob es Winter wär ' , und dabei glühen deine Wangen wie im Fieber . Komm nur mit mir und trink vor allem ein kräftiges Glas Wein ; das wird dir wohltun an Leib und Seele . Unterdessen verlaufen sich dann die Leute wieder ein wenig . Es wird dir lieb sein , nicht gar so vielen Blicken zu begegnen . « » Ich bin ein armes Mädchen « , sagte Dorothee , » das ist das einzige , dessen ich mich zu schämen hätte . « » Vor mir nicht « , sagte die freundliche Wirtin . » Wenn das das Ärgste ist , so richte dein Köpflein nur wieder auf und denke , du seiest noch lange nicht am schlimmsten dran . « » Aber schlimm genug « , meinte Dorothee , welche der Wirtin langsam folgte . » Du hast recht - wenigstens zum Teil . Nennt man doch im gewöhnlichen Leben das Betragen eines liederlichen , streitsüchtigen und unredlichen Menschen ein ärmliches . Er tut ärmlich ! Damit ist einem sein Urteil gesprochen . « » Ja « , fiel Dorothee leidenschaftlich ein , » und wenn man es anders will und nicht sein Herz und die Ruhe des Gewissens ums Geld verkauft , so handelt man gegen die Ordnung und mag es büßen . Nirgends wird man verstanden , nirgends mehr geschätzt . « » Ach , Mädchen , was mußt du gelitten haben , daß du so urteilen lerntest ! Aber gar so arg ist es denn doch nicht . Zwar niemand hat die ganze Welt und kann allem das Rechte treffen ; aber liebe , gute Menschen , denen man ganz trauen kann und darf , solche findet jeder , der ihrer wert ist . Hast du denn keine mehr ? « Dorotheen traf der Wirtin vorwurfsvoller Blick . » Kann und darf ! « wiederholte sie . » Noch vor fünf Minuten hab ' ich niemand gehabt , jetzt aber ... « Tränen erstickten ihre Stimme . Unterdessen waren sie vor dem Wirtshaus angelangt . Die Frau führte Dorotheen am Arme die steinerne Stiege hinauf und durch die geräumige Küche ins Herrenstüble , um den Blicken der im Gastzimmer Anwesenden zu entgehen . Es war Dorotheen ganz wunderbar zumute , als sie einige Minuten später im sauber getäfelten Zimmer mit den wunderbar schönen Bildern und dem großen Spiegel vor einem guten Schoppen saß und durch die halboffene Türe die in dem vollen Gastzimmer geführten Gespräche hörte . Viele suchten für die nächsten Tage Arbeit und Brot , boten ihre Arbeitskraft öffentlich an und trieben sich dabei die Löhne herunter . Nun wurde die Waldung versteigert , welche der Krämer unter dem Gottesdienst mit dem bisherigen Besitzer besichtigt hatte . Der Krämer bot etwas über den verhältnismäßig sehr niedrigen Anschlag , und nun wartete der Ausrufer vergebens auf ein höheres Angebot . Endlich schrie man ihm von allen Seiten zu , er solle doch der langweiligen Geschichte ein Ende machen , da ja der Krämer schon mit allen eins sei , welche die Mittel hätten , den Wald zu kaufen . » Nicht wahr , da geht ' s wunderbar zu ? « fragte die Wirtin , als sie endlich wieder etwas freie Zeit für ihren Gast im Herrenstüble gewann . » Es tut einem weh und wohl zugleich , das Durcheinander zu hören « , antwortete Dorothee . » Weh , so viele