man seine Mutter liebt , aber ich denke sie mir immer so jung und schön , wie Tante Berkow . Für die könnte ich Alles , Alles thun ! Ich wünschte manchmal : sie fiele vor meinen Augen in ' s Wasser , und ich könnte ihr nachspringen ; oder wie neulich : Brownlock bäumte sich , und ich faßte ihm in den Zügel und kämpfte mit ihm , und ließe nicht los , und wenn er mich auch mit seinen Hufen zerträte . - Warum kommen mir solche Wünsche nie , wenn ich in Deiner Nähe bin , Oswald , oder wenn ich , von Dir getrennt , an Dich denke ? Weil ich ein Mann bin , Bruno , und Du weißt , daß ich mir selbst helfen könnte und helfen würde . In die Liebe aber , die wir für eine Frau empfinden , mischt sich noch das Gefühl , daß wir sie , die sich selbst nicht schützen kann , mit unserer größeren Kraft und unserm kühneren Muthe schützen müssen , und das macht unsere Liebe zärtlicher , inniger , mitleidiger ; und dann noch ein Gefühl , von dem ich Dir jetzt nur so viel sagen will , daß es ein Ausfluß der ewigen Kraft ist , welche das Weltall schafft und trägt , ein Gefühl , welches rein ist , wie alle Natur , aber auch eben so keusch , und das deshalb , vor der Zeit wachgerufen , dem Voreiligen so verderblich werden kann , wie seine Kühnheit dem Jüngling , den des Wissens Drang nach Sais und in den Tempel trieb , wo sie in dichtem Schleier verhüllt thronte , Isis , die heilige , keusche Göttin der Natur . Ich verstehe Dich nicht ganz , Oswald . Die Welt und das Leben sind voller Räthsel , Bruno . Das Leben ist die Sphinx und wir sind der Oedipus . Und es ist der Fluch des Oedipus , daß er das Räthsel lösen muß , und ihn doch des Räthsels Lösung unglücklich macht . Du bist mir nicht böse , Oswald ? Ich Dir böse , liebes Herz ? weshalb ? Daß ich Dir mit solchen wunderlichen Fragen komme . Du sollst mich fragen , Bruno ; nach Allem fragen , was Dich in Erstaunen und in Verwirrung setzt . Deine Seele muß offen vor mir liegen , wie ein Buch , in dem ich blättern und immer wieder blättern kann . Wollte Gott , ich möchte nur Weises und Gutes auf die reinen Blätter schreiben . Du bist stets so gut , so unendlich gut gegen mich , Oswald ; und ich vergelte Dir all ' Deine Güte nur mit Undankbarkeit und Trotz . Das thust Du nicht - und dann : sind wir nicht Brüder ? Brüder müssen sich untereinander lieben und tragen und stützen , und dürfen nicht rechten um Mein und Dein . Sieh ' Bruno , wenn der fromme Glaube , der die Geister der Verstorbenen die auf Erden zurückgelassenen Lieben umschweben läßt , der meine wäre , so würde ich sagen : dort oben , von dem leuchtenden Sternenhimmel , schauen unsere Mütter auf uns hernieder und freuen sich der Vereinigung und Liebe ihrer Kinder . Laß uns zusammenstehen in diesem wirren Kampfe des Lebens zu Schutz und Trutz . Wie lange wird es dauern und Du bist ein Mann , wie ich , und wollte Gott , ein besserer Mann . Dann wird auch der letzte Unterschied , der Unterschied der Jahre von uns nicht mehr empfunden werden , wie ich ihn denn jetzt kaum noch empfinde . Dann werde ich vielleicht zu Dir aufschauen , wie Du jetzt zu mir ; dann wirst Du mir doppelt und dreifach das Wenige bezahlen , das ich jetzt für Dich thun kann ; dann werde ich - und wie gern ! - Dein Schuldner sein . O , das wird nie geschehen , sagte Bruno ; Du wirst immer unerreichbar weit von mir vorauseilen : ich werde nie auch nur das werden , was Du jetzt schon bist . Du Närrchen ! sagte Oswald und streichelte liebevoll Bruno ' s Haar ; Du sitzt jetzt im Parterre vor der Bühne des Lebens , und der Felsen von Pappe erscheint Deinem begeisterten Auge ein Urgebirge , und all ' die Trödlerwaare ächt . Wenn Du erst selbst auf die Bühne trittst , wird Dir der holde , rosige Schleier der Illusion von den Augen fallen und Du wirst Deinen Irrthum erkennen . Aber wenn auch ! Du wirst , wenn Du von Deinem ersten schmerzlichen Erstaunen Dich erholt hast , begreifen , daß es nicht anders sein kann , und Deinen Bruder nicht verachten , weil Du siehst , daß sein stolzer Rittermantel von verschossener Seide und arg geflickt ist , und seine Sporen eitel Messing - doch still ! da kommen uns Herr Timm und Mademoiselle entgegen . Es scheint , Herr Timm will die gute Gelegenheit , seine Aussprache des Französischen zu cultiviren , nicht unbenutzt lassen . Wir wollen ihn in diesem edeln Streben nicht stören . Laß uns in diesen Gang einbiegen . Herr Timm , der jetzt Arm in Arm mit Mademoiselle Marguerite , ohne Oswald und Bruno zu bemerken , eifrig sprechend und seine helle Stimme dabei sorgfältig dämpfend , vorüberstrich , hatte in der That » die gute Gelegenheit « , obgleich in etwas anderer , als in der von Oswald abgedeuteten Weise , zu nutzen verstanden . Auf seine Aussprache des Französischen legte der junge Mann sehr wenig Gewicht , desto mehr aber auf den soliden Vortheil , den ihm die Gunst der jungen Dame , welche dem innern Hauswesen des Schlosses vorzustehen schien , während eines , voraussichtlich mehrere Wochen lang dauernden Aufenthalts in Grenwitz gewähren mußte ; und sich diese Gunst , die auch vielleicht in anderer Weise die Monotonie des Landlebens in angemessener Weise mildern konnte , möglichst schnell zu erwerben , war Herr Albert Timm in