die Treppen hinauf schlich , sei mindestens um zehn Jahre älter als jener , der dort die Stufen so flüchtig hinabgesprungen . Wir können aber dem geneigten Leser nicht verschweigen , daß der Baron Brand zuweilen solche fürchterliche Augenblicke hatte , wo ihn ein entsetzliches Seelenleiden befiel und dahin warf , wie Jemand , den eine tödtliche Krankheit erfaßt . Sein alter Kammerdiener kannte diesen Zustand , und er führte alsdann seinen Herrn langsam zu einem weichen Fauteuil , mischte ihm ein niederschlagendes Pulver , verdüsterte das Zimmer , indem er die Vorhänge zuzog , und überließ ihn dann seinen finsteren Träumereien . So geschah auch heute , und dann schlich der Kammerdiener leise auf den Zehen gehend zum Zimmer hinaus und trat in das anstoßende Gemach , wo er einen großen Schrank von geschnitztem Eichenholze sorgfältig abschloß und den Schlüssel zu sich steckte . In diesem Schranke aber befanden sich die Pistolen und sonstigen Waffen des Barons . Fünfundzwanzigstes Kapitel . Das Siegel des Herrn von Brand . Der Maler Arthur Erichsen hatte unterdessen in dem Arbeitszimmer des Grafen Fohrbach das Aquarell beendigt , von dem Zeichenbrette herabgeschnitten , auf einen großen weißen Carton befestigt , und dann neben dem Original im günstigsten Lichte aufgestellt . Hierauf nahm er das Billet , welches neben ihm lag , betrachtete einen Augenblick das Siegel und las die Adresse : » An Madame Becker , Kanalstraße Nr. 8. « » Kanalstraße Nr. 8 , « sagte Arthur , » das muß in einem der sehr alten Häuser sein mit den langen unheimlichen Gängen . Nun , es bringt mich nicht gerade übermäßig weit von meinem Wege ab , und da dem Grafen viel daran gelegen zu sein scheint , daß der Brief bald besorgt wird , so will ich den Gang selbst unternehmen . Ich treibe mich überdies gern in so einem alten Gebäude herum . « Arthur steckte das Billet in die Tasche und ging durch den Salon in ' s Vorzimmer , wo er seinen Ueberrock fand , und wo der alte Kammerdiener neben einem Lehnstuhle stand und mit dem bisherigen Jäger des Grafen verkehrte . Dieser schien sich mit Mühe aufrecht zu halten , während seine Finger krampfhaft mit den glänzenden Knöpfen seiner Uniform spielten , und während sein Gesicht erschrocken und bleich aus dem schwarzen Bart hervorleuchtete . » Das ist hart , Herr Kammerdiener , « hörte ihn Arthur sagen , » wenn man so plötzlich fortgeschickt wird . Sie haben gut reden von einem Zeugnisse ; alle Welt kennt den Herrn Grafen Fohrbach und weiß , daß er nicht leicht Jemand wegschicke . Da werden alle Herrschaften die Achseln zucken und Wunder meinen , was ich begangen hätte . - Und was habe ich denn begangen ? - Ich weiß es nicht und Sie sagen es ja nicht . « » Von einem Vergehen wird ja auch nicht gesprochen , « antwortete der alte Mann , indem er seine Blicke auf die Schnupftabaksdose , die er in der Hand hielt , heftete . » Der Herr ist einmal der Herr , und wenn ihm unsere Nase nicht mehr gefällt , so hat er das Recht , uns aus dem Dienst zu schicken . « » Und vielleicht für Zeit Lebens unglücklich zu machen ! - O ! das ist ja entsetzlich ! Ich habe meinen Dienst gethan , wie Jeder , das müssen Sie mir bezeugen ; ich war der Erste und der Letzte auf dem Platze , denn ich hoffte hier ein dauerndes Brod zu finden . - Haben Sie mir je ein böses Wort gesagt , Herr Kammerdiener ? - Gewiß nicht ! Ich nahm mich zusammen , denn ich dachte an Weib und Kind . Bei Unsereinem geht es bitter zu , wenn man eine Zeit lang keine Condition hat . - Was werden sie daheim sagen , wenn ich so plötzlich fortgeschickt bin ! « Der Kammerdiener zuckte die Achseln und entgegnete : » Ich kann darin Nichts machen ; der Herr Graf haben befohlen und ich darf der Sache nicht einmal mehr erwähnen . Doch will ich Ihnen im Vertrauen einen guten Rath geben ; daß er hilft , glaube ich kaum : Wenden Sie sich an einen der Freunde des Herrn , daß er ein gutes Wort für Sie bei dem Grafen einlegt . « Das war ein sogenannter Kanzleitrost und als solchen schien ihn auch der verabschiedete Jäger aufzunehmen . Er seufzte tief auf , fuhr sich mit der Hand über die Augen und ging in sein Zimmer . Dort legte er wahrscheinlich seine glänzende Uniform ab , zog einen ärmlichen Rock an und ging nach seiner Wohnung , wo er der Frau und vier Kindern , die um eine Schüssel mit Kartoffeln saßen , die Kunde von seiner unverhofften Entlassung zum Nachtisch brachte . Arthur ging unangenehm erregt seines Weges und nahm an der nächsten Ecke eine Droschke , die ihn in kurzer Zeit nach der Kanalstraße brachte . Hier stieg er aus und schritt über den öden Hof , den wir dem geneigten Leser in einem der vorigen Kapitel geschildert , nach dem Hintergebäude mit der steinernen Wendeltreppe ; diese stieg er hinauf und befand sich nun in einem der langen Gänge , wo er ungewiß war , an welche Thüre er klopfen sollte . Der Zufall führte ihn übrigens ziemlich glücklich , denn nachdem er zwei Thüren vergeblich geöffnet und in zwei Zimmer geblickt , aus denen ihm eine warme , unangenehme Atmosphäre entgegen drang , wo er zerlumpte und schlecht genährte Kinder auf dem Boden sitzen und scheltende , schmierige Weiber am Kochfeuer stehen sah , welche ihn ziemlich unfreundlich hinaus wiesen , kam er endlich an die Wohnung , die er suchte . Es war die dritte Thüre , an welche er klopfte ; von innen rief man » Herein ! « und als Arthur in das Gemach trat , sah er am Fenster eine Frau stehen , die ihm augenblicklich ein paar Schritte