gewesen war . Die klösterliche Abgeschiedenheit , ihre Einsamkeit mit traurigen Erinnerungen voll Reue und Leid , das ewig wache Liebesbedürfniß einer zärtlichen Seele , das heiße Verlangen zur innersten Versöhnung mit Gott und ihrem Gewissen zu gelangen , das eben so heiße ihr Kind gerettet zu sehen vor den , wie es ihr schien , unwiderstehlichen Verlockungen - dies Alles ungestört durch lange Jahre mit Thränen , Gebeten , Buß- und Andachtsübungen genährt , hatte meine Mutter in jene tiefe religiöse Schwärmerei versetzt , in welcher Wesen wie sie vielleicht einzig und allein ihre Befriedigung finden können , weil sie zu schwach für den Kampf mit der Versuchung - und zu rein sind um ihr ohne Verzweiflung zu unterliegen . Für solche Wesen ist mit tiefsinniger Kenntniß des Menschenherzens die Freistatt des Klosters geöfnet , und diese Kenntniß ist es eben , welche unsrer Kirche den Stempel einer ganz göttlichen Liebe aufprägt , denn man kann den Menschen nicht kennen wenn man ihn trotz seiner Sünden , seiner Fehler , seiner Schwächen nicht liebt . Ihre Kirche , Sibylle , belehrt den Menschen , die unsre liebt ihn . Ihre Kirche stellt ihn auf seine Füße , giebt ihm die Bibel die Tausende nicht lesen und Zehntausende nicht verstehen , und spricht : nun mache deinen Weg . Die unsre behält ihn an der Hand sorgsam warnend und beschirmend , tröstend und erquickend , durch das Bewußtsein der Gemeinschaft ihn rettend von dem trostlosen Verzagen , das für Manchen aus dem Gefühl seiner Vereinzelung und Nichtigkeit quillt . - - Aber eben weil jenes Bewußtsein damals so lebendig in mir war , konnte ich mich nicht auf den Standpunkt meiner Mutter stellen . Mir war die Welt ein Tempel , und rein aber frei und ohne Priesteramt wollte ich in ihm dienen . » Fidelis ! sagte meine Mutter , unsre erste Liebe ist Gott und unsre letzte Liebe ist auch Gott - allein .... die Liebe für die Götzen liegt zwischen beiden . Ich hatte mich früh dem Herrn gewidmet , war im Kloster erzogen und wollte den Schleier nehmen . Da riefen mich weltliche Feste ins Haus meiner Eltern . Den Vater ängstigte mein früher Entschluß ; ob er wolüberlegt sei sollte sich erproben bei den Freuden und Feierlichkeiten , die zur Vermälung meiner beiden Brüder statt fanden . Dieser Glanz , dieser Jubel , dieser Reichthum , diese Schönheit , diese Weltherrlichkeit betäubten mich . Ihre trügerischen Wellen von Goldschaum und Blumenstaub schlugen über mein bethörtes Herz und mein besinnungsloses Haupt zusammen . Es giebt immer Menschen welche unsre Schwäche zu benutzen wissen . Der Versucher fehlte auch mir nicht .... und meine Schwäche nicht ihm ! - Er war gefesselt durch unzerreißbare Bande .... und meine Seele , von der Liebe zu Gott zur Anbetung des Götzen hingerissen - ward vergiftet ! - Sieh , Fidelis ! so bist Du geboren ! - und daß ich es Dir sage und vor Deinem unschuldigen Auge mich mit unabwaschbarer Schmach bedecke , geschieht um Dir ein Beispiel zu geben , welche unwiderstehliche Bethörung in dem Anhauch des üppigen Weltlebens liegt , weil es zu keiner höheren Richtung Deines Wesens als zu Deinen Sinnen und Deiner Eitelkeit spricht . Die priesterlichen Gelübde sind Helm , Panzer und Schild gegen sie : der Gehorsam giebt dem übermüthigen Sinn die heilsame Demuth ; die Armuth erhält den Leib in Nüchternheit und Abhärtung ; die Keuschheit giebt ihm eine heilige Kraft - denn , wer sich selbst bei dem Reiz der Sinne überwinden kann , der kann die ganze Welt überwinden , und die Engel dienen ihm , mein Sohn . « Langsam glitt sie hinter dem Gitter auf ihre Knie und hob die Hände gefaltet zu mir empor . » Meine Mutter ! entgegnete ich feierlich , steh ' auf . Ich will Dir die Gelübde thun in denen Du eine Rüstung meiner Seele zu ihrem ewigen Heil erblickst . Ich gelobe Gehorsam gegen göttliche Gebote ; Armuth .... und wenn ich von den Schätzen der Könige umgeben wäre ; und Keuschheit . Ich gelobe es Dir feierlich vor dem Angesicht Gottes ! .... aber Priester werd ' ich nicht ! ich muß frei sein . Mit einem Lächeln voll seliger Beruhigung entgegnete sie : » Wen der Herr so weit geführt hat , den führt er auch noch einen Schritt weiter in das Tabernakel hinein ! - Sei gesegnet , Fidelis ! und nimm und trage dies zum Gedächtniß dieser Stunde . « Den Goldreif hieß sie mich an- und nie ablegen . » Der Karfunkel ist Dein Herz und der Saphir ist mein Auge ; es wacht darüber ! sprach sie . Und dies Bildchen zeigt mich Dir wie ich war vor achtzehn Jahren , ehe ich verlassen hatte meine erste Liebe . O Fidelis ! verlasse Du die Deine nicht . « Und abermals rauschte der Vorhang zusammen , und abermals kehrt ' ich aufgewühlt in den Grundtiefen meiner Seele zu meinen Pflegeltern zurück . Aber nun war es aus und vorbei . Nun hatte ich Alles gethan was ich für die Wünsche meiner Mutter thun konnte ; ferneren Bitten und Eindringen , deren Andeutung in manchem ihrer Worte lag , fühlte ich mich nicht gewachsen . Ich wollte fort - und ich ging fort ! ich floh , heimlich , ohne Abschied ! ich konnte nicht diese Herzzerreißungen des Abschieds ertragen . Ich fühlte unbestimmt das Bedürfniß mich zu sammeln und nicht zu zerfließen . Daß ich mir würde mein Brot verdienen können , davon war ich so fest überzeugt wie von meinem Leben . Nach England wollte ich über Hamburg . Dies Alles schrieb ich in einem zärtlichen dankbaren Brief an die Pflegeltern , versprach ihnen Nachricht und Wiedersehen , steckte meine 27 ersparten Gulden zu mir , packte mein Ränzelchen und ging in einer stillen Juliusnacht über die Berge meiner Heimat nach Sachsen hinaus . Da gab es Krieg und Krieg , Beängstigungen und