; ein Anderer darf dir näher treten ; der Freund deiner ersten Jugend weicht zurück . Lieber Otto ! erwiderte Anna , ich danke dir viel , am meisten aber , daß dein mit meiner ganzen Kinderzeit so eng und fest verwachsenes Bild in so ganz klaren lichten Zügen mir bleibt - zu meinem Trost ! - Kehre denn zu Vrenely zurück , sie wird sich um dich bangen . Ja , das wird sie , sagte er , trübe vor sich hinblickend ; denn ich habe ihr seit dem Unglück nicht wieder geschrieben , ich vergaß sie , mich , Alles , um dich ! und um ihn , setzte er hinzu , den du liebst . Den ich liebe ! - Anna erröthete heiß , dann kehrte sie den Kopf mit einer edeln , fast königlich stolzen Wendung ihm zu . Ja , Otto ! ich liebe ihn ! Ich werde ihn lieben , so lange ich lebe , aber - Sei recht glücklich , Anna ! sagte er gepreßt . Er wandte sich , um zu gehen . Sie ergriff leise seine Hand und zog ihn neben sich nieder auf das Sopha , dann sah sie ihn still mit ihren großen veilchenblauen Augen an und hielt ihn so einen kurzen Augenblick . Erinnerst du dich noch deutlich unserer ersten Jugend ? des dunkeln Hauses und der engen in stumpfen Winkeln ausbiegenden schiefen Gasse , in der gar nichts eine helle Farbe hatte ? - Als unser Herz , Anna ! als unser fröhlich schlagendes Herz ! - Weißt du noch , fuhr sie fort , wie wir oft Sonntag Nachmittags Stunden lang hinübersahen in des so nahen Nachbars blindgebrannte Fensterscheiben , ganz überzeugt , es müsse irgend etwas da geschehen , und du erzähltest mir lauter Märchenanfänge - Otto hatte sich zurückgelehnt in die Ecke , er hielt ihre Hand noch , aber sein Auge sah nur das damalige Kind , nicht sie . Drüben , sagte er langsam , wohnte der Mann , der die Electrisirmaschine hatte . Wir fingen der Tante alten schwarzen Kater ein und electrisirten erst ihn , dann die Thürklinke , die den Hausknecht die Treppe herabwarf , als er den Kater suchte . - Wie hieß doch nur Euer Hund , dessen Gebell ich nachmachte , damit du herunterkommen solltest , um ihm die Hausthür zu öffnen ? Maus , sagte Anna und lachte . Ein gar närrischer Name für einen Hund . Der Vater hatte ihn lieb , es war ein alter steifer Spitz . Ich seh ' ihn noch ! Und wie die Mutter böse wurde , wenn ich ihn Sonntags herausließ - Ja , er lief mit bis zur Kirche . Ach , Otto ! es ist , glaube ich , in der Welt nirgend mehr solch ein Sonntag ! Und Beide entwarfen sich das Bild eines Sonntags der kleinen Stadt , wie ihn nur die Jugend kennt , mit all seiner Poesie und all seinen Einschränkungen , seinen Freuden und seinem Sonnenglanz , den die enge Bürgerhaushaltung widerstrahlt - nichts hatten sie vergessen . Siehst du , Otto ! fuhr sie fort , wäre ich in der engen , grauen Straße geblieben , vielleicht wäre ich glücklich und frei , aber so ! - Freilich , nun bist du eine Gräfin . Aber was schadet das ? Ich bin eine arme , in einen andern Boden versetzte Pflanze , sagte sie träumerisch-wach , die im Heimatsgrunde nicht zur Blüte kam . Ich habe nicht fest anwurzeln können in der fremden Erde , so kunstvoll sie des Gärtners Hand um mich her gelockert und gehäuft . Ich habe mich immer gefürchtet vor meinen eigenen Verhältnissen , ich habe mich fremd gewußt , nicht gefühlt unter allen diesen Fürsten und Grafen , deren Wesen mir nie imponirte , deren Interessen mir oft eben so flach und erbärmlich vorkamen , wie die meiner ersten Umgebung . In meinem Vaterhause hatte mich die oft rohe Hand der Armuth , der Kleinlichkeit , der beklemmenden Sorgen kleinbürgerlicher Verhältnisse eingeängstet bis zum Hinüberflüchten in die mir neue , fernliegende große Welt ; aber die in stille Winkel verkrochene , unter grauer Alterthümlichkeit fortblühende Poesie jener Lebensmorgendämmerung ließ meine Seele nicht los . Unablässig zog sie mir nach , rief mir das Herz zurück zu sich , daß es mir hätte zerspringen mögen in der Brust . Mein ganzes Leben hindurch hat mir eine goldene , helle Mittelstraße des Geistes geahnt , eine freie Entwicklung höchster , ungekränkter Menschlichkeit . Als junges Mädchen , als Frau sogar , habe ich sie bald hier , bald dort geträumt ; jetzt träumen sie Millionen mit mir , die sie , leider ! eben so wenig finden werden wie ich , obschon Alle sie suchen . Otto drückte die liebe Hand , die er noch in der seinen hielt . So viel , so offen hatte Anna nie über sich gesprochen . Das waren meine Träume , Otto ! fuhr sie fort , das war meine Vergangenheit . Nun hat mich das Leben plötzlich von beiden abgeschnitten und mich in eine grelle , helle Gegenwart geschleudert ; Kronberg ist todt , die Gräfin Kronberg steht nun an seiner Stelle . Sie ist ihren beiden Söhnen einen makellosen Ruf und die Möglichkeit , sie unbegrenzt zu lieben , schuldig . Der Vater schläft den langen Todesschlaf , die Mutter muß für ihre Kinder wachen . - O , glaube mir , Otto ! sie sollen sich menschlichschön und frei entwickeln , jeden Vorzug ihres Geschicks und jede Gunst des Zufalls genießen , aber keine einzige der meistens diese Gunst , diese Vorzüge begleitenden , oft sie bedingenden Fesseln soll mir die frischen , schönen Knabenseelen drücken oder beengen . Sie sollen keine Schwächlinge , keine Charakter- oder Geisteskrüppel werden . Weder Viatti , noch Geiersperg sollen jemals einen entschiedenen Einfluß auf deren Lebensrichtung erhalten . - Es ist hart , denn jetzt kann und darf ich mein Geschick