hörten Sie nie von jenem Baume , dessen beim ersten warmen Frühlingshauch erscheinende Blüthen mit allen Wundern des frühen Lenzes sich befreunden ? mit Schneeglöckchen und Krokus , mit Himmelsschlüsseln und Veilchen , und dann verschwinden , wenn die Sonne höher steigt ? Der Sommer findet von ihnen keine Spur mehr , aber neue Blüthen entstehen dann an der Stelle der Verschwundenen , sie sind weniger glänzend , werden aber zu Früchten , zu süßen oder herben , je nachdem Sonne und Zeit dem Baum es gewähren , der so , nach dem gauckelnden Spiele seines Frühlings , die Bestimmung seines Daseyns erreicht . « » Das Bild nimmt sich recht artig aus , « erwiderte Frau von Willnangen , » aber entweder ist das Gleichniß unpassend oder ich verstehe es eben so wenig als Ihre jetzige Sorge . Sie selbst verwiesen mich ja tröstend auf Gabrielens Liebe zu Ottokar , Sie nannten sie den Schutzgeist , welcher durch die Wüsten und Steppen ihres Lebenspfades sie begleiten würde . Wie haben Sie denn nun plötzlich diesen Glauben verloren ? Was fürchten Sie für Gabrielens Ruhe , selbst wenn Zeit und Entfernung ihr Gefühl für Ottokar gemildert hätten ? Kann man denn zweimal lieben , wie Ihr Gleichniß es andeuten zu wollen scheint ? und wenn Andere es könnten , kann es ein Wesen wie Gabriele ? « » Nein ! warlich nein ! « rief Ernesto . » Ward Ottokar einst wahrhaft geliebt von Gabrielen , so liebt sie ihn bis zum letzten Hauch ihres Lebens , und ist durch diese reine Liebe gesichert gegen Schmerz und Reue . Aber so sehr ich auch dagegen mich sträube , immer von neuem ergreift mich der Gedanke , den ich früher nur leise anzudeuten wagte , daß dieß Gefühl für Ottokar nur des erwachenden geistigen Lebens erstes jugendliches Sich-Loswinden aus den Banden der Kindheit war . Was wir in früher Jugend die erste Liebe nennen , ist es selten , oder nie . Ist doch auch die Morgenröthe , in aller ihrer Pracht , noch nicht die Sonne , welche unsern ganzen Lebenstag erleuchten und erwärmen soll . « Vergebens bestritt Frau von Willnangen diesen Gedanken Ernestos mit allen Gründen , welche ihr Herz und ihr Verstand ihr nur anzugeben vermochten . » Blicken Sie um sich « erwiderte er ihr , » wie viele der zum Glück nicht zahlreichen Ehen , welche einer sogenannten ersten Liebe ihr Daseyn verdankten , sind wahrhaft glücklich zu nennen ? Könnte dieß seyn , wie es denn unleugbar ist , wenn nicht hier Täuschung , Mißverstehen seiner selbst so leicht , ja fast unausweichbar wären ? Lassen Sie es uns zum trüben Trost dienen , daß Gabriele vielleicht in Zukunft nicht glücklicher geworden wäre als sie jetzt es ist , wenn ein anscheinend günstigeres Geschick sie an Aureliens Platz gestellt hätte . Ich verkenne nicht Ottokars seltnen Werth , aber die Strahlenglorie mußte im Laufe des Lebens vor Gabrielens Blick dennoch schwinden , mit der sie selbst sein geliebtes Haupt sich zur Anbetung schmückte . Und wenn sie nun vollends vor dem mächtigern Glanz einer höhern , Gabrielen näher verwandten Erscheinung hätte erbleichen müssen ? und wenn nun diese Erscheinung ihr jetzt auf ihrem neuen Pfade begegnete ? Ach ! Frau von Willnangen , ich bin nicht Herr über die bange Vorempfindung , welche mich ergreift ! Warum , warum , mußte Gabriele ihrer sichern Einsamkeit entrissen werden ? ! « Gabriele verlebte von nun an einige Jahre , getrennt von ihren Freunden , den Winter in einer großen lebensreichen Residenz , den Sommer in den besuchtesten Bädern . Sobald Moritzens verschrobner Sinn nur den Gedanken aufgefaßt hatte , daß alle Huldigungen , welche die Gesellschaft seiner Gemahlin darbringen mochte , auf ihn zurückfallen müßten , daß jeder ihrer Verehrer nur seinen Triumfzug verherrlichen könne , weil sie ihm allein angehöre , so hatte er weder Ruhe noch Rast , bis er Gabrielen auf eine Höhe gestellt hatte , von der sie seiner Ueberzeugung nach alles überstrahlen mußte . Ueberall , wo er länger sich aufhielt , war es seine erste Sorge , ein großes glänzendes Haus einzurichten . Gabriele mußte die Honneurs desselben machen , und Moritz tanzte vor Freude und rieb sich die Hände wund , wenn ihre Vorzüge recht blendend hervortraten . In allen Sprachen posaunte er das Lob seiner Frau , sogar in ihrem Beiseyn , ohne es zu achten , daß die peinlichste Verlegenheit sie in solchen Momenten fast zu Boden drückte . Alles Bitten und Ermahnen von ihrer Seite war an dem eitlen Thoren verschwendet , er blieb bei seiner Weise mit all dem starren Eigensinn eines beschränkten Geistes , und Gabriele fand endlich keinen andern Ausweg , als dem Willen ihres Gemahls zu folgen und nur dabei durch noch einfachere Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit den verhaßten Schein eitler Gefallsucht von sich abzuwenden . Es gelang ihr ; sogar die Frauen haßten sie nicht , während alle Männer ihr huldigten und ihr Talent für die Welt bildete sich immer glänzender aus , je länger sie in dieser lebte . Von jener Blödigkeit , mit der sie im Hause der Tante erschien , konnte nicht die Rede seyn , noch weniger aber von jenem dreisten Blick , jenem arroganten Auftreten , die so oft die Stelle früher übertriebener Zurückgezogenheit ausfüllen . In kleinen gewählten Zirkeln wußte Gabriele durch ihr Gespräch mit der hinreißendsten Grazie die Aufmerksamkeit zu fesseln , doch besonders liebenswürdig war sie wenn sie erzählte ; dann lauschte ihr jedes Ohr und Aller Blicke hingen an dem lebendigen Ausdrucke des schönen Gesichts . Aber sie wußte auch ihre glänzenderen Talente vor der Menge geltend zu machen , sobald es erforderlich war . Sie sang , spielte , tanzte , erschien sogar auf Privatbühnen , gewöhnlich weil Herr von Aarheim es wollte , zuweilen aber auch aus wahrer Lust an dem fröhlichen geselligen Treiben , das ihr die Tage ihres frühern Zusammenlebens mit Ottokarn zurückrief . Moritz genoß bei alle