Bergeshange , und alle die morgenfrische Aussicht in das Wunderreich der Kindheit , so fiel auch Friedrich bei dem Tone dieser Stimme die mühsame Wand eines langen , verworrenen Lebens von der Seele nieder ; - er erkannte seinen wilden Bruder Rudolf , der als Knabe fortgelaufen war , und von dem er seitdem nie wieder etwas gehört hatte . Keine ruhige , segensreiche Vergangenheit schien aus diesen dunkelglühenden Blicken hervorzusehen , eine Narbe über dem rechten Auge entstellte ihn seltsam . Leontin stand still dabei und betrachtete ihn aufmerksam , denn es war wirklich dasselbe Bild , das ihm mitten im bunten Leben oft so schaurig begegnet . » Oh , mein lieber Bruder « , sagte Friedrich , » so habe ich dich denn wirklich wieder ! Ich habe dich immer geliebt . Und als ich dann größer wurde und die Welt immer kleiner und enger , und alles so wunderlos und zahm , wie oft hab ich da an dich zurückgedacht und mich nach deinem wunderbaren härtern Wesen gesehnt ! « - Rudolf schien wenig auf diese Worte zu achten , sondern wandte sich zu Leontin um und sagte : » Wie geht es Euch , mein Signor Amoroso ? Durch diesen Wald geht kein Weg zum Liebchen . « - » Und keiner in der Welt mehr « , fiel Leontin , der wohl wußte , was er meine , empfindlich ihm ins Wort , » denn Eure Possen haben das Mädchen ins Grab gebracht . « - » Besser tot , als eine H - « sagte Rudolf gelassen . » Aber « , fuhr er fort , » was treibt euch aus der Welt hier zu mir herauf ? Sucht ihr Ruhe : ich habe selber keine ; sucht ihr Liebe : ich liebe keinen Menschen , oder wollt ihr mich listig aussondieren , zerstreuen und lustig machen : so zieht nur in Frieden wieder hinunter , eßt , trinkt , arbeitet fleißig , schlaft bei euren Weibern oder Mädchen , seid lustig und lacht , daß ihr euch krähend die Seiten halten müßt , und danket Gott , daß er euch weiße Lebern , einen ordentlichen Verstand , keinen überflüssigen Witz , gesellige Sitten und ein langes , wohlgefälliges Leben bescheret hat - denn mir ist das alles zuwider . « - Friedrich sah den Bruder staunend an , dann sagte er : » Wie ist dein Gemüt so feindselig und wüst geworden ! Hat dich die Liebe - « » Nein « , sagte Rudolf , » ihr seid gar verliebt , da lebt recht wohl ! « Hiermit ging er wirklich mit großen Schritten in den Wald hinein und war bald hinter den Bäumen verschwunden . Leontin lief ihm einige Schritte nach , aber vergebens . » Nein « , rief er endlich aus , » er soll mich nicht so verachten , der wunderliche Gesell ! Ich bin so reich und so verrückt wie er ! « - Friedrich sagte : » Ich kann es nicht mit Worten ausdrücken , wie es mich rührt , den tapfern , gerechten , rüstigen Knaben , der mir immer vorgeschwebt , wenn ich dich ansah , so verwildert wiederzusehen . Aber ich bleibe nun gewiß auch wider seinen Willen hier , ich will keine Mühen sparen , sein reines Gold , denn solches war in ihm , aus dem wüst verfallenen Schachte wieder ans Tageslicht zu fördern . « - » Oh « , fiel ihm Leontin ins Wort , » das Meer ist nicht so tief , als der Hochmütige in sich selber versunken ist ! Nimm dich in acht ! er zieht dich eher schwindelnd zu sich hinunter , ehe du ihn zu dir hinauf . « Friedrich hatte der Anblick seines Bruders auf das heftigste bewegt . Er ging schnell von Leontin fort und allein tief in den Wald hinein . Er brauchte der stillen , vollen Einsamkeit , um die neuen Erscheinungen , die auf einmal so gewaltsam auf ihn eindrangen , zu verarbeiten und seine seltsam aufgeregten Geister zu beruhigen . Lange war er so im Walde herumgeschweift , als auch Leontin wieder zu ihm stieß . Dieser hatte währenddes wieder jene Bilderstube bestiegen und die Zeit unter den Zeichnungen gesessen . Dabei waren ihm in dieser Einsamkeit die Figuren oft wie lebendig geworden vorgekommen und verschiedene Lieder eines Wahnsinnigen eingefallen , die er , wie Sprüche auf die alten Bilder , den Gestalten aus dem Munde auf die Wand aufgeschrieben hatte . Die Sonne fing schon wieder an sich von der Mittagshöhe herabzuneigen . Weder Leontin noch Friedrich wußten recht , wo Sie sich befanden , denn kein ordentlicher Weg führte vom Schlosse hierher . Sie schlugen daher die ohngefähre Richtung ein , sich über den melancholischen Rudolf besprechend . Als sie nach langem Irren eben auf einer Höhe angelangt waren , hörten sie plötzlich mehrere lebhafte Stimmen vor sich . Ein undurchdringliches Dickicht , durch welches von dieser Seite kein Eingang möglich war , trennte sie von den Sprechenden . Leontin bog die obersten Zweige mit Gewalt auseinander : da eröffnete sich ihnen auf einmal das seltsamste Gesicht . Mehrere auffallende Figuren nämlich , worunter sie sogleich Marie , den Karfunkelsteinspäher und den Ritter von gestern erkannten , lagen und saßen dort auf einer grünen Wiese zerstreut umher . Die große Einsamkeit , die fremdartigen , zum Teil ritterlichen Trachten , womit die meisten angetan , gaben der Gruppe ein überraschendes , buntes und wundersames Ansehen , als ob ein Zug von Rittern und Frauen aus alter Zeit hier ausraste . Marie war ihnen besonders nahe , doch ohne sie zu bemerken . Sie war mit langen Kränzen von Gras behangen und hatte eine Gitarre vor sich auf dem Schoße . Auf dieser spielte sie und sang das Lied , das sie damals auf dem Rehe gesungen , als sie Friedrich zum ersten Male auf der Wiese bei Leontins Schlosse traf . Nach der ersten Strophe