Die Wunder sind geblieben , denn wenn wir selbst das Wunderbarste , von dem wir täglich umgeben , deshalb nicht mehr so nennen wollen , weil wir einer Reihe von Erscheinungen die Regel der zyklischen Wiederkehr abgelauert haben , so fährt doch oft durch jenen Kreis ein Phänomen , das all unsre Klugheit zuschanden macht und an das wir , weil wir es nicht zu erfassen vermögen , in stumpfsinniger Verstocktheit nicht glauben . Hartnäckig leugnen wir dem innern Auge deshalb die Erscheinung ab , weil sie zu durchsichtig war , um sich auf der rauhen Fläche des äußern Auges abzuspiegeln . - Jenen seltsamen Maler rechne ich zu den außerordentlichen Erscheinungen , die jeder erlauerten Regel spotten ; ich bin zweifelhaft , ob seine körperliche Erscheinung das ist , was wir wahr nennen . So viel ist gewiß , daß niemand die gewöhnlichen Funktionen des Lebens bei ihm bemerkt hat . Auch sah ich ihn niemals schreiben oder zeichnen , unerachtet im Buch , worin er nur zu lesen schien , jedesmal , wenn er bei uns gewesen , mehr Blätter als vorher beschrieben waren . Seltsam ist es auch , daß mir alles im Buche nur verworrenes Gekritzel , undeutliche Skizze eines phantastischen Malers zu sein schien und nur dann erst erkennbar und lesbar wurde , als du , mein lieber Bruder Medardus , mir gebeichtet hattest . - Nicht näher darf ich mich darüber auslassen , was ich rücksichts des Malers ahne und glaube . Du selbst wirst es erraten , oder vielmehr das Geheimnis wird sich dir von selbst auftun . Gehe , erkräftige dich , und fühlst du dich , wie ich glaube , daß es in wenigen Tagen geschehen wird , im Geiste aufgerichtet , so erhältst du von mir des fremden Malers wunderbares Buch . « - Ich tat nach dem Willen des Priors , ich aß mit den Brüdern , ich unterließ die Kasteiungen und beschränkte mich auf inbrünstiges Gebet an den Altären der Heiligen . Blutete auch meine Herzenswunde fort , wurde auch nicht milder der Schmerz , der aus dem Innern heraus mich durchbohrte , so verließen mich doch die entsetzlichen Traumbilder , und oft , wenn ich , zum Tode matt , auf dem harten Lager schlaflos lag , umwehte es mich wie mit Engelsfittichen , und ich sah die holde Gestalt der lebenden Aurelie , die , himmlisches Mitleiden im Auge voll Tränen , sich über mich hinbeugte . Sie streckte die Hand , wie mich beschirmend , aus über mein Haupt , da senkten sich meine Augenlider , und ein sanfter erquickender Schlummer goß neue Lebenskraft in meine Adern . Als der Prior bemerkte , daß mein Geist wieder einige Spannung gewonnen , gab er mir des Malers Buch und ermahnte mich , es aufmerksam in seiner Zelle zu lesen . - Ich schlug es auf , und das erste , was mir ins Auge fiel , waren die in Umrissen angedeuteten und dann in Licht und Schatten ausgeführten Zeichnungen der Fresko-Gemälde in der heiligen Linde . Nicht das mindeste Erstaunen , nicht die mindeste Begierde , schnell das Rätsel zu lösen , regte sich in mir auf . Nein ! - Es gab kein Rätsel für mich , längst wußte ich ja alles , was in diesem Malerbuch aufbewahrt worden . Das , was der Maler auf den letzten Seiten des Buchs in kleiner , kaum lesbarer bunt gefärbter Schrift zusammengetragen hatte , waren meine Träume , meine Ahnungen , nur deutlich , bestimmt in scharfen Zügen dargestellt , wie ich es niemals zu tun vermochte . Eingeschaltete Anmerkung des Herausgebers Bruder Medardus fährt hier , ohne sich weiter auf das , was er im Malerbuche fand , einzulassen , in seiner Erzählung fort , wie er Abschied nahm von dem in seine Geheimnisse eingeweihten Prior und von den freundlichen Brüdern , und wie er nach Rom pilgerte und überall , in Sankt Peter , in St. Sebastian und Laurenz , in St. Giovanni a Laterano , in Sankta Maria Maggiore u.s.w. an allen Altären kniete und betete , wie er selbst des Papstes Aufmerksamkeit erregte und endlich in einen Geruch der Heiligkeit kam , der ihn - da er jetzt wirklich ein reuiger Sünder worden und wohl fühlte , daß er nichts mehr alt das sei - von Rom vertrieb . Wir , ich meine dich und mich , mein günstiger Leser , wissen aber viel zu wenig Deutliches von den Ahnungen und Träumen des Bruders Medardus , als daß wir , ohne zu lesen , was der Maler aufgeschrieben , auch nur im mindesten das Band zusammenzuknüpfen vermöchten , welches die verworren anseinander laufenden Fäden der Geschichte des Medardus wie in einen Knoten einigt . Ein besseres Gleichnis übrigens ist es , daß uns der Fokus fehlt , aus dem die verschiedenen bunten Strahlen brachen . Das Manuskript des seligen Kapuziners war in altes vergelbtes Pergament eingeschlagen und dies Pergament mit kleiner , beinahe unleserlicher Schrift beschrieben , die , da sich darin eine ganz seltsame Hand kund tat , meine Neugierde nicht wenig reizte . Nach vieler Mühe gelang es mir , Buchstaben und Worte zu entziffern , und wie erstaunte ich , als es mir klar wurde , daß es jene im Malerbuch aufgezeichnete Geschichte sei , von der Medardus spricht . Im alten Italienisch ist sie beinahe chronikenartig und sehr aphoristisch geschrieben . Der seltsame Ton klingt im Deutschen nur rauh und dumpf wie ein gesprungenes Glas , doch war es nötig , zum Verständnis des Ganzen hier die Übersetzung einzuschalten ; dies tue ich , nachdem ich nur noch folgendes wehmütigst bemerkt . Die fürstliche Familie , aus der jener oft genannte Francesko abstammte , lebt noch in Italien , und ebenso leben noch die Nachkömmlinge des Fürsten , in dessen Residenz sich Medardus aufhielt . Unmöglich war es daher , die Namen zu nennen , und unbehilflicher , ungeschickter ist niemand auf der ganzen Welt , als derjenige ,