ins Auge ihr sehn . Mir gegenüber sitzt nun das Kind Müßig am Fenster , daß jeder sie schaut , Hat sich gelocket die Haare geschwind , Putzt sich in Seide wie eine Braut ; Wenn ich sie sehe , winket sie mir , Wenn du sie grüßest , winket sie dir . Hör , gegenüber du armes Kind , Schande macht reich und die Schönheit ist arm , Schande , die tauscht mit der Schönheit geschwind , Daß sich doch Gott nur der Schönheit erbarm . Siehst du zum Himmel , Gott siehet dich nicht , Sieht kein geschminketes Angesicht . DER MARCHESE : » Schön , und was für Erfolg hatte das Lied ? « - DER GRAF : » Sie erriet mich , sie kam zu mir ; sie klagte mir ihre Not so rührend , daß bloßer Geldmangel sie erst bezwungen , daß ihr erster Liebhaber sie verlassen ; ich griff in meinen Geldbeutel und gab ihr gerührt alles , was ich hatte ; darüber wurde sie wieder so gerührt , ich konnte ihrem Danke einige Liebkosungen nicht versagen und ich gestehe Ihnen , daß ich sehr nahe war , meine erste Erfahrung zu machen , als ein Freund anpochte und ich erst jetzt merkte , daß sie gleich eintretend mein Zimmer verschlossen hatte . Diese Absicht brachte mich auf , ich verwies es ihr hart . Sie aber trieb ihr Wesen fort und immer weiter bis ins Elend . « DER MARCHESE : » Da sind Sie wohlfeil weggekommen ; in der Geschichte ist so viel Gutmütigkeit , daß Sie ein paar Dutzend Weiber damit verführen könnten . Es fiel mir dabei eine Geschichte ein , die ich beinahe wörtlich auswendig weiß . Haben Sie nie die Geschichte von Manon Lescaut gelesen ? Dem armen Chevalier Grieux ging es schlimmer mit einer ähnlichen Bekanntschaft . Es ist vortrefflich dort erzählt , wie der Verfasser nach Passy kommt und alle Einwohner in unruhiger Neugierde um ein paar bedeckte Wagen versammelt sieht ; keiner hat Zeit , ihm Bescheid zu sagen . Ein Häscher , den er an dem Bandelier und an der Muskete dafür erkennt , sagt ihm kalt : Es sei gar nichts , er transportiere ein Dutzend Freudenmädchen nach Havre , von wo sie nach Amerika deportiert werden sollten . Eine ist sehr hübsch und das macht die Leute neugierig . In dem Augenblicke kommt ein altes Weib aus dem Hause und weint und schreit mit aufgehobenen gerungenen Armen : Das sei nicht auszuhalten , das arme Kind zu sehen ! - Neugierig steigt der Verfasser vom Pferde , geht in das Haus und erblickt ein Dutzend Mädchen , von denen sechs und sechs an eine Kette geschlossen , wie sie ein Frühstück einnehmen . Eine aber aß nicht und hatte sich halb abgewendet ; doch leuchtete ihre Schönheit durch das schmutzige Zeug , das sie bedeckte . Er frägt einen Häscher nach dem Mädchen . Ich hab sie aus dem Zuchthause abgeholt , antwortete der , wo sie wohl schwerlich um eine edle Tat eingesperrt worden ; sie ist aber eigensinnig stumm ; ich habe einige Schonung gegen sie , da sie doch von besserer Art scheint , als die andern . Der junge Mensch dort wird Ihnen mehr von ihr sagen können ; er hat seit unsrer Abfahrt von Paris fast nicht aufgehört zu weinen , es muß ihr Bruder , oder ihr Liebhaber sein . Der Reisende sah nach dem Winkel , wo der junge Mensch saß : ein Bild der Trauer ; einfach gekleidet , aber voll Anstand in Haltung und Bewegung . Entschuldigen Sie meine Neugierde , sagte der Reisende , ich höre , daß Sie jenes schöne Mädchen kennen , das so wenig ihr Schicksal verdient zu haben scheint . - Er sagte ehrlich , daß er darüber keine Auskunft geben könne , ohne sich selbst zu erkennen zu geben ; dies aber erlaube ihm die Ehre seiner Familie nicht . Nur das eine könne er nicht leugnen , was auch die boshaften Häscher recht gut wüßten , daß er sie liebe , alles versucht habe , sie zu retten : Bitten , List und Gewalt , alles vergebens ; und so sei er entschlossen , ihr in die neue Welt zu folgen . Das Abscheulichste aber ist , fuhr er fort , daß diese schändlichen Buben mich nicht mehr zu ihr lassen , seit ich all mein Geld ihnen gegeben , um nur einige Augenblicke in der Nähe der Geliebten zu sitzen ; nähere ich mich jetzt , so stoßen sie mich mit den Kolben zurück ; sehen Sie diese Beulen . So ruhig er diesen Bericht abstattete , so fielen ihm doch dabei einige Tränen aus den Augen . Der Reisende drückte ihm in stiller Teilnahme vier Louisdor in die Hand , wendete sich dann zu dem Oberhäscher , nahm ihn bei Seite und machte ihm Vorwürfe über seine Fühllosigkeit . Er schien beschämt und sagte verlegen : Es ist ja gar nicht darum , daß er nicht mit dem Mädchen sprechen soll , daß wir ihn zurückgestoßen , aber er will immer bei ihr sitzen und das ist uns zu lästig ; er muß unsre Unbequemlichkeit bezahlen , das ist natürlich . - Wie hoch rechnet Ihr diese ? fragte der Reisende . - Zwei Louisdor für die ganze Reise , sagte der Häscher unverschämt . - Gut , sagte der Reisende , da sind sie ; stört Ihr aber die beiden , ich werde es erfahren und werde Euch zu strafen wissen . - So verließ der Reisende das Zimmer und behielt ein schmerzliches Bild unglücklicher verirrter Liebe ; denn , um alles kurz zu überschauen , dieses öffentliche Mädchen , so schön als leichtsinnig , hatte den jungen Mann bei seinem ersten Eintritte in die Welt so ganz gefesselt , ihn zehnfach mit seinem Wissen , doch ohne seinen Willen für Lust und Gewinn verraten , ihn aus einem reichen Wohlstande , herzlicher