bei uns bleiben . “ Der Capitain hob den Knaben empor und drückte mit leidenschaftlicher Heftigkeit seine Lippen auf die des Kindes . „ Bringe Deiner Mutter diesen Kuß ! “ flüsterte er mit halb erstickter Stimme . „ Von Deinen Lippen wird sie ihn ja wohl nehmen dürfen . Lebe wohl , mein Kind – Leben Sie wohl , Ella ! “ – „ Mama , “ sagte der kleine Reinhold , indem er verwundert dem Oheim nachblickte , der ihn so stürmisch niedergesetzt und dann das Zimmer verlassen hatte , „ Mama , was hat denn Onkel Hugo ? Er weinte ja , als er mich küßte . “ Die junge Frau zog das Kind an sich und jetzt berührten auch ihre Lippen die Stirn desselben , die noch feucht war , wie von zwei darauf niedergefallenen Thränen . „ Es wird dem Onkel schwer , uns zu verlassen , “ erwiderte sie leise . „ Aber er muß fort – Gott gebe , daß er einst zu uns zurückkehrt ! “ In der alten Hafen- und Handelsstadt H. hatte sich im Laufe der Zeit nur wenig verändert . Sie sah noch ebenso aus , wie vor zehn Jahren , als die italienische Operngesellschaft hier ihre ersten Vorstellungen gab . Das ältere Stadtviertel lag noch ebenso düster und winklig , das neuere noch ebenso vornehm und ruhig da , wie zu jener Zeit ; auf den Straßen und am Hafen herrschte noch das alte rege Leben und Treiben , und heute , an einem Frühlingsabende , lag auch wieder die alte feuchte Nebelatmosphäre über der Stadt und ihrer Umgebung . Im Erlau ’ schen Hause herrschte eine ungewöhnliche Aufregung . Der große , sonst mit vornehmer Ruhe und Pünktlichkeit geführte Haushalt schien heute ganz aus den Fugen gegangen zu sein . Es war ein Rennen und Laufen ohne Ende ; die ganze Flucht der Zimmer war geöffnet und erleuchtet ; die Dienerschaft befand sich in vollster Gala und wurde mit Befehlen bald hierhin , bald dorthin gerufen . Die Equipage war bereits vor einer Stunde nach dem Bahnhofe abgefahren , und soeben trat die Verwandte , welche jetzt dem Haushalte des Consuls vorstand , eine schon ältere Dame , in Begleitung des Doctor Welding in den großen Salon . „ Ich versichere es Ihnen , Herr Doctor , mit meinem Cousin ist heute nicht auszukommen , “ klagte sie , während sie sich mit der Miene der Erschöpfung auf einen Fauteuil niederließ . „ Er bringt das ganze Haus in Aufruhr und jagt die gesammte Dienerschaft mit Befehlen und Anordnungen durcheinander . Nichts ist ihm festlich und glänzend genug . Ich freue mich gewiß auch , meine liebe Eleonore wiederzusehen , und ihren berühmten Gatten persönlich kennen zu lernen , aber der Consul hat mich mit seiner Aufregung bereits so nervös gemacht , daß ich wünsche , die Empfangsfeierlichkeiten wären erst überstanden . “ „ Es ist ja aber auch das erste Mal , daß er seine Pflegetochter wieder im eigenen Hause empfängt , “ sagte Welding . Der Doctor hatte sich in dem langen Zeitraume kaum verändert ; er sah nur wenig älter aus . Es war noch immer das scharf und geistreich gezeichnete Gesicht , der durchdringende Blick und der ihm eigene ironische Klang der Stimme , mit dem er jetzt fortfuhr : „ Herr Reinhold Almbach scheint dem Consul gegenüber seine Oberhoheit über seine Frau ganz entschieden zu behaupten . Er hat es , wie Sie wissen , richtig durchgesetzt , daß Erlau jedesmal zu ihnen nach der Residenz kommen mußte , und wir bekamen trotz aller Versprechungen Frau Eleonore nicht eher zu sehen , als bis der Herr Gemahl sich entschloß , sie hierher zu begleiten . Es scheint , er kann sie nicht eine einzige Woche lang entbehren . “ „ Nein , gewiß nicht , “ rief die Dame gerührt . „ Sie sollten nur den Cousin davon erzählen hören , der erst so sehr gegen Reinhold eingenommen war , und nun mit ihm und dem Glücke Eleonorens völlig ausgesöhnt ist . Es ist eine Liebe zwischen den Beiden , so rein und klar , so fest und stark , und dabei von einem so märchenhaft poetischen Hauche umwoben , daß sie fast wie eine Sage herüberklingt in unsere glückes- und liebesarme Zeit . “ Der Doctor verbeugte sich ironisch . „ Vollkommen richtig , meine Gnädige . Ich sehe mit Vergnügen , welche eingehende Aufmerksamkeit Sie meinen Artikeln widmen . Genau dasselbe stand in Nr. 12 des ‚ Morgenblattes ‘ , gelegentlich einer Besprechung des Textes zu Rinaldo ’ s neuester Oper . “ „ So ? Steht es im ‚ Morgenblatt ‘ ? “ fragte die Dame in einiger Verlegenheit ; es schien ihr lieb zu sein , daß in diesem Momente der Consul eintrat , der , ohne in seiner freudigen Aufregung den Doctor zu bemerken sofort auf sie zueilte . „ Aber beste Cousine , ich suche Sie überall . Der Wagen kann jede Minute vom Bahnhofe zurückkehren , und wir hatten ja ausgemacht , daß wir zusammen unsere lieben Gäste empfangen wollen . Ist das rothe Cabinet noch nachträglich erleuchtet worden , wie ich befahl ? Ist der Heinrich drunten im Vestibül bei der übrigen Dienerschaft ? Haben Sie – “ „ Cousin , Sie machen mich nervös mit Ihren unaufhörlichen Fragen , “ rief die Dame in etwas gereiztem Tone . „ Ist es denn das erste Mal , daß Sie mir die Anordnung einer Festlichkeit übertragen ? Ich habe Ihnen bereits zwei Mal versichert , daß Alles nach Ihren Wünschen geregelt ist . “ „ Das ist für heute nicht genug , “ mischte sich jetzt Welding in das Gespräch . „ Diesmal übernimmt der Herr Consul selbst die Rolle des Hausmeisters und inspicirt das ganze Haus vom Boden bis zum Keller . Wehe Dem , der sich heute nicht im Festgewande vor ihm blicken läßt ! “ „ Spotten Sie nur ! “ lachte