ist von ihr genommen ‹ ... Heute morgen im Frühstückssaal , da kamen mir die Thränen , und ich meinte , ich müßte gleich ersticken vor Freude , wenn ich nicht aufschreien dürfte – sehen Sie , das war ' s ! Ich bin dann ' rüber gegangen in das Haus , das so viel Marter und Herzeleid mitangesehen hat , und da hab ' ich mich so recht von Herzen ausgeweint – nun darf ich ' s ja . Nun heißt ' s nicht mehr Komödie spielen und der Gesellschaft da drüben ein X für ein U vormachen ; nun wird die Larve in die Ecke geworfen , die ein ernsthaftes Gesicht machen mußte , wenn ich den Spitzbuben , den Halunken am liebsten die Augen ausgekratzt hätte . Nichts für ungut , gnädige Frau , denn heraus muß es ! Aber ich befühle mir noch manchmal den Kopf , ob ' s auch wahr ist , was ich jetzt erlebte , und nachher kommt mir die Angst , weil der mit dem geschorenen Kopfe die Sache doch wieder dreht , wie er will , und wenn der junge Herr auch den allerbesten Willen hat . Da heißt ' s nun schnell sein und zuerst kommen ... Was hab ' ich gesagt , gnädige Frau ? Sie sind richtig der gute Engel gewesen , den der liebe Gott geschickt hat – seine Langmut war zu Ende , und dem jungen Herrn Baron sind endlich die Augen aufgegangen – wie er heute morgen in den Saal trat und Sie ansah , da wußte ich auf einmal , was die Glocke geschlagen hatte ... Also , um ' s kurz zu machen : Ihnen ganz allein verdankt der Gabriel sein Glück , Ihrer Klugheit und Ihrem guten Herzen , und da müssen Sie nun auch die Sache zu Ende bringen ... Mit dem jungen gnädigen Herrn ist ' s nichts – nehmen Sie mir ' s nicht über ! Aber er ist zu lange böse und hart gewesen , als daß ich und der Gabriel so schnell ein Herz zu ihm fassen könnten . Ich hab ' s heute morgen versucht ; aber es ging absolut nicht ; der Doktor war auch dabei , und da stand ich wie auf den Mund geschlagen ... Gabriel , gehe einmal hinaus . Die frische Luft ist dir nötig wie das liebe Brot , und ich hab ' der gnädigen Frau mancherlei zu sagen ! « Der Knabe , um dessen Schultern die junge Frau tröstend ihren Arm gelegt hatte , stand auf und ging in den Garten , um sich auf die Bank unter das Rosengebüsch zu setzen – von dort aus konnte er durch das zertrümmerte Glasfenster der Thür bis auf das Rohrbett sehen . » Also der junge Herr Baron läßt den Zettel nicht mehr gelten , den der selige gnädige Herr geschrieben haben soll ; warum er das auf einmal thut , weiß ich nicht . Ich kann nur dem lieben Gott danken , daß es so ist , « fuhr die Beschließerin fort . » Das Schlimme ist nur , daß es nun einen heillosen Krieg mit den – Gott verzeih ' mir ' s ! – mit dem Pfaffen gibt , und daß wir da nicht recht behalten , das steht so fest wie der Himmel droben . Sie haben ' s ja heute vom Herrn Hofmarschall gehört ; er lachte dem jungen Herrn geradezu ins Gesicht ... Nun weiß ich aber was , « – sie dämpfte ihre Stimme zum leisesten Flüstertone – » gnädige Frau , es ist etwas Schriftliches da , auch ein Zettel vom seligen Herrn , den er vor meinen Augen , wirklich Buchstaben für Buchstaben , geschrieben hat . Dort , « – sie zeigte auf die linke Hand der Sterbenden – » sie hat es in ihrer Hand . Es ist eine kleine Büchse , sieht aus wie ein Buch von Silber , und da drin liegt der Zettel ... Die arme , liebe Seele – soll einem da das Herz nicht brechen ? Da sagen die Unmenschen , sie sei ihrem Herzliebsten untreu geworden , und da liegt sie nun seit dreizehn Jahren und behütet den armseligen , kleinen Zettel ängstlicher als ihr Kind und leidet Schmerzen in den kranken Fingern , die sie in der Angst darum klammert , weil es das Letzte ist , was er ihr gegeben hat , und weil sie denkt , jeder , der ihr nahe kommt , will es ihr nehmen . « Der Moment trat der jungen Frau vor die Augen , wo der Hofprediger nach dem Schmucke gegriffen hatte . Jetzt verstand sie die folternde Angst des armen Weibes , das kühne Auftreten der Löhn , ihre wildverzweifelte Abwehr , mit der sie sich zwischen die Kranke und den Hofprediger gestellt hatte . Ein Nervenschauer überlief sie bei dem Gedanken , daß dort zwischen den dünnen , blassen , halberkalteten Kinderfingern ein Zeuge auf die Stunde der Auferstehung wartete . Der Priester hatte ihn unwissentlich halb und halb in der Hand gehabt , ohne daß ihm der hilfreiche Geist seines Herrn und Meisters ein » Zermalme ihn ! « zugeflüstert . » Sehen Sie , gnädige Frau , das Unglück und die Not mußten erst kommen , ehe das arme Ding dort mich auch nur mit einem Auge ansah , « sagte die Beschließerin weiter . » Ich bin immer ein häßliches , unfeines Weib gewesen , und da konnte ich ' s ja auch gar nicht verlangen . Wie sie der selige gnädige Herr nach Schönwerth brachte , da war ' s ein Gethue in dem Schlosse , als dürfte ein anderes Menschenkind zu dem indischen Hause nur auf den Knieen rutschen . Der Herr war ja selbst wie närrisch und verlangte es so von seinen Leuten . Unsereins durfte sie kaum ansehen , geschweige den anreden , wenn sie wie ein kleines Kind durch die Schloßgänge lief und ihr