der Briefträger trocken . „ Auch noch ? “ knirschte Herbert und zählte das Geld mühsam in Groschen und Kreuzern zusammen . Als der Mann das Zimmer verlassen , schnitt Herbert hastig die Schnüre auf und ein Briefchen kam zum Vorschein , welches er schnell überflog und wie zerschmettert seiner Gattin reichte . Der Brief trug den Stempel : „ Direktion des Hoftheaters zu X. “ und lautete : An Herrn Professor Herbert in N ..... Mit größtem Bedauern muß ich Ew . Wohlgeboren Ihr Trauerspiel „ Penthesilea “ zurücksenden , indem dasselbe zu große szenische Schwierigkeiten bietet , um auf der Bühne dargestellt werden zu können.44 Der von Ew . Wohlgeboren mir anempfohle ­ nen Verschwiegenheit dürfen Sie versichert sein . Hochachtungsvoll ! W ..... Frau Herbert blickte schwer seufzend den Gatten an , der bleich und zitternd neben ihr stand . „ Das war nun noch die letzte Hoffnung ! “ sprach er und zerknitterte den Brief . „ Allen anderen In ­ tendanten und Direktoren vergab ich es , daß sie mir das Stück zurückschickten , — denn sie Alle sind nicht fähig , den Wert eines solchen Werkes zu begreifen . Von einem Menschen wie W ..... aber kann man Verständnis für wahre Kunst fordern , weigert er mir die Aufführung , so ist es Neid . Aber er soll sich mit diesen Zeilen das Todesurteil geschrieben haben ! “ Er hob wie zum Schwur das zerdrückte Blatt in die Höhe : „ Jetzt erkläre ich dem deutschen Bühnenwesen und seinen Lenkern den Krieg . Wer nichts zu hoffen hat , hat nichts zu fürchten . Ich habe sechs Tragö ­ dien für den Papierkorb geschaffen , — ich schreibe nun keine mehr ; ich schreibe nun nur noch Kritiken und kann mir endlich den Genuß der Rache gönnen ! Die Kritik ist die allliebende Mutter , die jedem Mißvergnügten , Verkannten ein Feld für seine Fähigkeit eröffnet . In ihre Arme werfe ich mich von nun an . Unser Publikum ist entartet ; ich gebe es auf , für eine Masse zu dichten , die scharenweis der Posse zuströmt , bei den faden Späßen eines modernen Lustspielhelden jubelt und in einem , von Weiber ­ hand gekneteten Rührstück Tränen vergießt . In dieser Zeit wären Shakespeares , Schillers und Goethes Werke als „ Kathederpoesie “ verworfen worden , hätten nicht vergangene Dezennien ihnen den Stem ­ pel der Klassizität aufgedrückt ! Diese verkommene Ge ­ neration muß wieder herangebildet werden durch die Presse . — Sie sprechen ihr Hohn und klimpern mit ihren vollen Taschen , diese Kassenhelden , die das Pu ­ blikum demoralisieren , aber ich will sie geißeln , daß sie mich nur noch den Attila der deutschen Bühne nennen sollen ! “ Er hielt inne , denn der Atem war ihm bei sei ­ ner Philippika ausgegangen , und er begann sein Ma ­ nuskript noch einmal durchzulesen , indem er sich be ­ ruhigend murmelte : „ Das gehört der Zukunft ! “ — 45 Frau Herbert hatte ihn austoben lassen , wie es ihre Art war , endlich aber hielt sie es doch für eine Pflicht der Wahrheit , wenigstens in etwas den Hochmut des gereizten Mannes zu dämpfen . „ Es ist ein trauriges Amt “ , begann sie , „ den literarischen Scharf ­ richter zu machen , ich möchte es nicht verwalten ! Man tut Niemandemetwas Gutes dabei . Man zerstört manch hoffnungsvolles Talent im Keim , ladet den Fluch zahlreicher Seelen auf sich , die ehrlich ran ­ gen und strebten , und die Mühen ihrer Tage und Nächte verloren , die Kinder ihrer Schmerzen mit dem kalten Stahl der Negation gemordet sehen müssen . Auch das Publikum dankt es Dir nicht , wenn Du ihm entwertest , was ihm lieb geworden wäre und es um manchen Genuß armer machst ! Schiller und Goethe haben nie in dieser Weise Kritik geübt , haben gelebt und leben lassen , denn sie waren zu groß , um sich auf Kosten eines Zeitgenossen größer machen zu wollen , und zu gut , um das , was er im Schweiße seines Angesichtes schuf , mutwillig zu zerstören . O Edmund , wie klein ist der , welcher Andere erniedri ­ gen muß , um sich selbst zu erhöhen . “ „ Du predigst wieder ohne Sinn und Verständnis “ , fuhr Herbert die redliche Frau an . „ Schiller und Goethe konnten leicht die Edlen spielen , sie wa ­ ren nicht verkannt , ihnen weigerte ein besseres Ge ­ schlecht die Krone nicht , die ihnen zukam . Wer freierwählter König ist , wäre ein Tor , die Vasallen sei ­ nes Reiches mit Krieg zu überziehen . Mir aber weigert die Nation mein Recht , deshalb muß ich es mir erkämpfen . “ „ Bist Du so sicher dieses Rechtes ? “ frug Frau Herbert mit leiser Stimme , „ bist Du so gewiß , daß Deine Werke denen Schillers und Goethes ebenbür ­ tig sind und die gleichen Erfolge verdienen ? “ Herbert stand wie versteinert über das Verbre ­ chen eines solchen Zweifels : „ Ich glaube , Dein Ge ­ sichtsschmerz hat Dir das Gehirn angegriffen , — und man tut besser , über solche Dinge nicht mehr mit Dir zu sprechen ! “ Frau Herbert bog sich auf ihre Arbeit nieder . Ein leichtes Rot überflog ihr blutleeres Gesicht , aber sie war an solche Ausfälle zu sehr gewöhnt , um et ­ was darauf zu erwidern . Sie hatte ihrem Gefühl nach schon zu viel gesprochen , und als sie in Herberts verstörte Miene sah , ergriff sie das Mitleid . Wie un ­ würdig er es auch trug , — es hatte ihn doch immer ­ hin ein Unglück getroffen und sie wollte es ihm nicht noch schwerer machen . „ Höre Edmund “ , sagte sie nach einer Pause , während welcher Herbert in den Schön ­ heiten seines Manuskriptes