nur wenigstens alle Tage eine Stunde lang singen , so recht all meinen Kummer hinaussingen , “ schrieb sie an Fräulein Hochleitner , „ es würde mich beruhigen und ermutigen , aber bei Mutter ist Singen identisch mit Jubilieren . Und so lebe ich denn weiter zwischen Nähtisch und Kochherd und mehr oder weniger großen Wäsche und die Jahre meiner Freiheit kommen mir vor wie ein schöner , schöner Traum , aus dem ich schmerzlich erwacht bin . Das einzige , was mir noch blieb , sind meine Spaziergänge , und mitunter laufe ich stundenlang in den Wald hinein , und wenn ich an ein Lieblingsplätzchen komme , ich habe eins auf einer tannenumstandenen Lichtung , dann singe ich und der Frühlingswind nimmt mir die Töne von den Lippen fort , und die dumme Thräne , die ich dabei weine , die trocknet er auch . – – Mitten in eine Gardinenwäsche hinein – die duftigen Schleier flatterten bläulich weiß auf der Leine im Garten der Frau Rat – kam eine Aenderung . Tante Emilie kehrte von einem Ausgange heim , und den Kopf zwischen ein paar nassen Vorhängen durchsteckend , winkte sie dem Mädchen . Aenne , die im großen Gartenhut aufhängen half , ließ das Stück , das sie eben über die Leine schlagen wollte , wieder in den Korb fallen , kam herüber und folgte der Tante in deren eigenes Stübchen . Zu ihrer Verwunderung fühlte sie , wie die alte Frau ihr einen Schlüssel in die Hand drückte , und den Kopf wegwendend , sagte dieselbe . „ Da , mein altes Herze – da – ich konnt ’ s nicht länger mit ansehen . “ „ Was ist denn das ? “ fragte Aenne . „ Der Schlüssel zu deinem Musikzimmer “ , war die stolze Antwort . „ Aber , Tantchen , sag ’ nur – ich verstehe dich gar nicht – . “ „ Na , das ist ganz einfach ! Ich habe der Förstersfrau auf dem Luisenschlößchen eine Stube abgemietet , sie darf ja vermieten , ob ’ s nun Sommerfrischler sind oder du es bist , das ist egal . Und aus Brendenburg ist heute früh ein Klavier gekommen : ich hab ’ s freilich nur geliehen und – na , ich konnt ’ s nicht mehr mit ansehen , Kind , es ist ja schlimmer als hungern und dürsten , was du leidest ! Die Noten sind auch schon unterwegs von Dresden . Und nun schweig ’ still gegen Mutter , sonst ist ’ s aus mit der Herrlichkeit – die Verantwortung übernehme ich . “ Aenne hätte am liebsten aufgeschrieen vor Entzücken , aber sie fiel nur stumm der alten Frau um den Hals – „ Du Liebste ! du Beste , wie soll ich dir danken ! Nachher laufe ich hin – o Gott , welch ’ ein wundervoller Gedanke , du Goldtante ! “ Wie ein Wind war sie unten und hing ihre Wäsche fertig auf , dann wieder nach oben – das Hauskleid aus , ein anderes an , den Schlüssel in die Tasche ! Und den Hut in der Hand ging ’ s aus der Thür und mit Geschwindschritt über den Schloßplatz , zur Marstallpforte hinein , am Teich vorüber den Berg hinauf ! Atemlos klopfte sie oben an die Stube des Försters , eine schmucke Frau öffnete und lachte . „ Ja , ja , Fräulein , hier können Sie singen , soviel Sie wollen , hier hört ’ s keiner und stört Sie keiner , und ich freue mich , ich hör ’ zu von weitem ! Sie wies auf eine Thür im Hintergrunde des Hausflurs , und als Aenne sie öffnete , da fiel ihr Blick zunächs auf ein Pianino , das schräg ins Zimmer hinein stand , in den Leuchtertüllen steckte statt der Kerzen ein paar Fliedersträuße und auf den wenigen Möbeln des förderlichen Putzzimmers prangten auch überall Blumen . Die Wände waren zart gelblich getüncht , die gewölbte Decke ebenfalls und durch die klaren Scheiben der Fenster brach ein grünlich goldenes gedämpftes Licht , denn dicht vor ihnen wehten Buchenzweige mit hellgrünen köstlichen Blättern , wie sie der Mai bringt . Eine ganz feierliche , wahrhaft poetische Stimmung überkam das junge Mädchen in diesem einsamen Gemach . Die Förstersfrau war gegangen , aber sie stand außen vor der Thür und lauschte . Und nun zogen Klänge hinaus , süße , wunderbar zu Herzen gehende Klänge , daß sie unwillkürlich die Hände faltete . Ja , das war schön ! Das mochte sie leiden , das klang anders , als wenn ihr Mann zur Harmonika brummte ! „ Die linden Lüfte sind erwacht , Sie säuseln und weben Tag und Nacht . Sie schaffen an allen Enden . O frischer Duft , o neuer Klang ! Drum armes Herze , sei nicht bang ! Nun muß sich alles , alles wenden . – “ Dann ihre Lieblinge , Brahms ’ wunderbar ergreifende Lieder „ Feldeinsamkeit “ , „ Von ewiger Liebe “ , und Lied auf Lied , ein paar Stunden lang . Wie ein Verschmachteter nicht enden kann zu trinken , so sang sie bis in die rotgoldene Abenddämmerung hinein , und zum Schluß ihr altes trauriges Lieblingslied . „ 0 du purpurner Glanz der flutenden Sonne , Wie zauberhaft webst du um Flur und Hain , Wie färbst du mit lodernder Rosenwonne Das blasse Antlitz der Liebsten mein ! – “ Nun saß sie , die Hände in den Schoß gelegt , und dachte an ihren traurigen kurzen Liebestraum , an Heinz . „ 0 Sonne , o Liebe , wie kalt ohne euch ! “ Sie hatte ihn nicht wiedergesehen seit dem Begräbnis ihres Vaters , und er hatte ihr nicht die Hand gedrückt wie den andern allen , er war plötzlich verschwunden gewesen . Die Leute sagten , er sei hochmütig . Frau May nannte ihn „ verrückt “ , er wisse ja kaum , ob er