ihn seine eigenen Gestalten in schattenhafter Verwirrung , höhnisch , ohne Abschied und ohne das Versprechen wiederzukommen . Er fand sich allein , verlassen , in einem traurigen Garten , in Gesellschaft eines liebenswürdigen guten Bekannten und einer jungen Dame , die ihn gar nichts anging . Er mußte mit einemmal an ein Geschöpf denken , das zu dieser Stunde mit rotgeweinten Augen hoffnungslos in einem schlecht beleuchteten Kupee dunkeln Bergen entgegenfuhr , in Sorge , ob sie morgen früh rechtzeitig zur Probe erscheinen würde . Nun fühlte er es wieder : seit das zu Ende war , ging es abwärts mit ihm . Nichts hatte er mehr und niemanden . Das Leid jener kläglichen und in Qual gehaßten Person war sein einziger Besitz . Und wer weiß , morgen schon , mit den rotgeweinten Augen lächelte sie einen andern an , noch immer Schmerz und Sehnsucht in der Seele und doch schon neue Lebenslust im Blut . Frau Golowski war auf der Veranda erschienen , etwas verspätet und eilig , noch mit Hut und Schirm . Sie brachte Grüße aus der Stadt von Therese , die Anna nächster Tage wieder einen Besuch abstatten wollte . Georg , der an einem Holzpfeiler der Veranda lehnte , wandte sich an Frau Golowski mit der absichtlichen Höflichkeit , die er ihr gegenüber stets zur Schau trug . » Wollen Sie nicht Fräulein Therese in unserm Namen fragen , ob sie nicht einmal ein paar Tage heraußen wohnen möchte ? Die Mansarde oben ist vollkommen zu ihrer Verfügung . Ich gehe nämlich demnächst auf kurze Zeit ins Gebirge « , setzte er hinzu , als wenn er sonst das kleine Zimmer oben regelmäßig bewohnte . Frau Golowski dankte . Sie wollte es Therese bestellen . Georg sah nach der Uhr und fand , daß es Zeit war , sich auf den Heimweg zu machen . Dann verabschiedete er sich mit Heinrich . Anna begleitete beide bis zur Gartentür , blieb dort noch eine Weile stehen und sah ihnen nach , bis sie auf der Höhe waren , wo der Sommerhaidenweg anfing . Die kleine Ortschaft im Talgrund floß im Mondenschein dahin . Die Hügel standen fahl , wie dünne Wände . Der Wald atmete Dunkelheit . In der Ferne glitzerten tausend Lichter aus dem Nachtsommerdunst der Stadt . Schweigend gingen Heinrich und Georg nebeneinander her , und Fremdheit stieg zwischen ihnen auf . Georg erinnerte sich jenes Spaziergangs durch den Prater im vorigen Herbst , da ein erstes , beinahe vertrautes Gespräch sie einander genähert hatte . Wie viele waren seither gefolgt ! Aber waren sie nicht alle wie in die Luft geweht ? Auch heute noch nicht konnte Georg mit Heinrich wortlos durch die Nacht wandeln wie früher so manchmal mit Guido , mit Labinski auch , ohne sich innerlich von ihm fort zu verlieren . Das Schweigen wurde ihm drückend . Er begann , weil das ihm eben zuerst einfiel , von dem alten Stauber und pries dessen Verläßlichkeit und Vielseitigkeit . Heinrich war nicht für ihn eingenommen , fand ihn ein wenig berauscht von der eigenen Güte , Weisheit und Tüchtigkeit . Das war auch eine Sorte Juden , die er nicht leiden mochte : die mit sich einverstandenen . Sie kamen auf den jungen Stauber zu reden , dessen Schwanken zwischen Politik und Wissenschaft für Heinrich etwas sehr Anziehendes zu haben schien . Von da aus gerieten sie in eine Unterhaltung über die Zusammensetzung des Parlaments , über die Zänkereien zwischen Deutschen und Tschechen , über die Angriffe der Klerikalen gegen den Unterrichtsminister . Sie redeten mit so angestrengter Beflissenheit , wie man nur über Dinge zu sprechen pflegt , die einem im Grunde der Seele völlig gleichgültig sind . Endlich debattierten sie darüber , ob der Minister nach der zweifelhaften Rolle , die er in der Frage der Zivilehe gespielt , im Amte bleiben durfte oder nicht ; und wußten am Ende nicht mehr recht , wer von ihnen beiden sich für , und wer sich gegen die Demission ausgesprochen hatte . Sie gingen längs des Friedhofs hin . Über die Mauer ragten Kreuze und Grabsteine und schwammen im Mondenschein . Der Weg senkte sich nach abwärts zur Straße . Sie eilten beide , um die letzte Pferdebahn zu erreichen , und , auf der Plattform stehend , in schwüler , dunstiger Nachtluft rollten sie der Stadt zu . Georg erklärte , daß er den ersten Teil seiner Reise zu Rad zu unternehmen gedächte . Und einem plötzlichen Einfall folgend , fragte er Heinrich , ob er nicht mit von der Partie sein wollte . Heinrich war einverstanden und nach wenigen Minuten begeistert . Beim Schottentor stiegen sie aus , suchten ein nahes Café auf und bestimmten in einer ausführlichen Unterredung mit Zuhilfenahme von Spezialkarten , die sie in Lexikonbänden fanden , alle möglichen Reiselinien . Als sie sich voneinander verabschiedeten , stand der Plan zwar noch nicht ganz fest , aber sie wußten schon , daß sie übermorgen früh miteinander Wien verlassen und in Lambach ihre Räder besteigen würden . Am offenen Fenster seines Schlafzimmers stand Georg noch eine ganze Weile überwach . Er dachte an Anna , von der er morgen für wenige Tage nur Abschied nehmen sollte , und sah sie vor sich , so wie sie in dieser Stunde im blassen Dämmerlicht zwischen Mond und Morgen auf dem Land draußen in ihrem Bette schlummern mochte . Aber es war ihm in dumpfer Weise , als stände diese Erscheinung nicht mit seinem Schicksal in Zusammenhang , sondern irgendwie mit dem eines Unbekannten , der selbst noch nichts davon wußte . Und daß in jenem schlummernden Wesen ein anderes noch tiefer und geheimnisvoller schlief , und daß dies andre sein Kind sein sollte , das vermochte er gar nicht zu fassen . Jetzt , da die Nüchternheit der Frühe beinahe schmerzlich durch seine Sinne schlich , ward ihm das ganze Erlebnis fern und unwahrscheinlich wie noch nie . Immer hellerer Schein zeigte sich über Dächern und