er jedoch in diesen Dingen am willigsten « , sagte Quandt . » Wie erklären Sie sich das ? « erkundigte sich der Lord mit der Neugierde eines Verschlafenen , den man an den Füßen kitzelt . » Ich erkläre mir das so : Jedes Exempel stellt sich als ein für sich bestehendes Ganzes dar . Ein solches zu gestalten , dazu hat er immer Lust und Verlangen , und es macht ihm Spaß , wenn er es vollendet sieht . Was ihn aber lange beschäftigt , erregt sein Mißbehagen und kann ihn sogar zu allerlei unwahren Entschuldigungen veranlassen . Daher zeigt er sich auch verdrießlich bis zum Zorn , wenn er ein leichtes Exempel falsch gerechnet hat und den Fehler der Oberflächlichkeit nicht finden kann . « Weiter , weiter : Geschichte , Geographie , Malen , Zeichnen ? Was die Geschichte betreffe , so habe Quandt noch niemals und bei keinem Menschen eine ähnliche Gleichgültigkeit gefunden , sowohl gegen vaterländische Begebenheiten wie gegen welthistorische Fakta , gegen Monarchen , Staatsmänner , Schlachten , Umwälzungen , Helden und Entdecker . » Nur die Anekdote fesselt ihn , ein Geschichtlein , damit kann man ihn ködern . « Traurig ! Und die Geographie ? » Auf der Erdkugel fühlt er sich keineswegs zu Hause « , sagte Quandt . » Auch ist er oft zerstreut ; er merkt nicht auf . Die nürnbergische Schwärmerei über sein wunderbares Gedächtnis ist mir ein Rätsel , ein unsagbares Rätsel , Mylord . « Mylord hatte genug . Vom Malen und Zeichnen wollte Mylord nichts mehr wissen ; er unterbrach den Lehrer , der Proben zeigen wollte , und warf ein , daß ihm die Ausbildung in diesen Nebenfächern zwar wünschenswert erscheine , daß er aber kein großes Gewicht darauf lege . » Wünschenswert , jawohl , « versetzte Quandt , » und das Wünschenswerte sollte doch gepflegt werden . Der Geist eines Menschen ist wie ein Zuchtgarten , in welchem das Schöne und das Nützliche nebeneinander gedeihen dürfen . Ich glaube , der mächtigste Ansporn für den Hauser ist seine Eitelkeit . Wenn man es versteht , seine Eitelkeit zu befriedigen , kann man ihn zu allem haben . Noch eine Frage , Mylord : haben Sie besondere Wünsche wegen des Religionsunterrichts ? Ich habe schon mit Herrn Pfarrer Fuhrmann gesprochen , der sich erboten hat , zweimal wöchentlich Caspar eine Stunde zu geben . Die Bibel habe ich selbst mit ihm durchzunehmen begonnen . « Stanhope hatte nichts dawider ; er wollte aufbrechen , aber mit verlegenem Stottern brachte Quandt jetzt das Quartiergeld aufs Tapet , seine Frau liege ihm über die zunehmende Teuerung am Hals . Der Lord , ganz Seigneur , bewilligte kurzerhand einen Zuschuß ; es wurde vereinbart , daß Caspar einen Mittagstisch für zwölf und einen Abendtisch für acht Kreuzer erhalten solle . Um den üblen Eindruck dieser Erörterung zu verwischen , die ihn beschämte und demütigte , äußerte Quandt den Wunsch , Seiner Lordschaft nach deren Abreise periodischen Bericht über die Fortschritte Caspars zu senden . Stanhope , schon völlig ergeben , stellte dies seinem Belieben anheim . » Es wäre ratsam , « schlug Quandt vor , » Hausers Briefe an Eure Herrlichkeit zugleich als Stilübungen zu betrachten . Ich könnte , ohne natürlich am Gedanken etwas zu verändern , die Hauptfehler korrigieren und mit roter Tinte eine Zensur darunter schreiben . So hätten Sie immer ein Bild seiner derzeitigen Fähigkeiten . « Stanhope fand diesen Gedanken unvergleichlich . Sie traten nun in den Flur , Quandt trug wieder das Öllämpchen voran . Auf einmal prallte er zurück und hielt das Lämpchen hoch . Am Stiegengeländer stand eine dunkle Gestalt . Es war Caspar . Aha , der hat gehorcht , fuhr es Quandt durch den Kopf . Er drehte sich um und sah den Lord beziehungsvoll an . Caspar trat auf Stanhope zu und bat ihn mit bewegter Stimme , noch einmal auf sein Zimmer zu kommen . Der Graf antwortete kalt , er habe wenig Zeit , Caspar möge sein Anliegen hier vorbringen . Caspar schüttelte den Kopf ; der Lord dachte , Caspar habe sich eines Bessern besonnen , er stellte sich , als ob es ihn Überwindung koste , dem Wunsch zu willfahren , dann ging er mit kleinen , wie gezählten Schritten die Stiege hinan . Quandt folgte unaufgefordert und blieb im Zimmer oben als stumme Person neben der Tür stehen . Caspar sagte , er wolle dem Lord das Tagebuch gerne zeigen , aber dieser möge ihm versprechen , nichts darin zu lesen . Der Lord verschränkte die Arme über der Brust . Dies wurde ihm denn doch zu bunt . Aber er antwortete mit der Ruhe einer vollendeten Selbstbeherrschung : » Du kannst mir wohl glauben , daß ich ohne deine Einwilligung nicht in deine Privatangelegenheiten dringen werde . « Caspar öffnete die Schublade des Kommodekästchens und hob den Zipfel eines Seidentüchleins , unter welchem das blaue Heft lag . Der Graf näherte sich und blickte in wortloser Befremdung bald auf das Heft , bald auf Caspar . » Was für eine kindische Zeremonie ! « stieß er finster heraus . » Ich hatte nicht die geringste Begierde geäußert , deinen papierenen Schatz zu sehen . Soviel ich weiß , wolltest du mir daraus vorlesen ; mit Flunkereien bitte ich mich zu verschonen . « Auch Quandt war nun herangekommen , und mit zweifelnden Blicken maß er das mysteriöse Heft . Caspar schaute währenddem , auch indes der Lord das Zimmer schweigend verließ , mit einem chinesischschiefen , schiefbesinnenden Blick vor sich hin , einem Blick der Versunkenheit und Jenseitigkeit , wie ihn manche Köpfe auf sehr alten Bildern haben . » Wenn ich meine unmaßgebliche Meinung äußern darf , « sagte Quandt , der den Grafen zum Tor begleitete , » so muß ich gestehen , ich glaube nicht an dieses Tagebuch . Ich glaube nicht , daß ein Charakter wie der des Hauser von sich selbst aus