in der Tat die Zeit wirken zu lassen - die große Zerstörerin , die ja alles verlöscht - zum Glück auch das Unglücklichsein . » Weißt Du , « sagte Sylvia nach einer Weile , » wer es am besten versteht - ich will nicht sagen , mich zu trösten , aber mein Leid zu teilen , zu verklaren , oder gar auf Augenblicke vergessen zu machen ? Hier , unsere liebe Caji - « Sie waren vor dem Schloßtor angelangt . » Komm , jetzt führe ich Dich zu unserer Mutter - sie erwartet Dich . « XXXV Martha Tilling hatte ihr Ruhebett zur offenen Balkontür schieben lassen , und hier lag sie , mit Kissen unter dem Kopf und einer Decke über dem Schoß . Von ihrem letzten Anfalle war ihr eine große Mattigkeit geblieben , und trotz der Sonnenwärme fröstelte es sie . Rudolf trat herein und eilte auf das Lager zu : » Mutter ! Liebste ! « Er hatte sich neben sie gekniet und sie drückte seinen Kopf an ihre Brust . » Mein Rudolf ... wie freu ' ich mich , daß Du da bist ... und daß ich - nicht fort bin . « » Du wirst bald wieder ganz gesund sein . « » Möglich ... Wollen ' s hoffen ... obgleich - - nein , fürchterlich wäre es mir gewesen , wenn ich so plötzlich , ohne Dich noch einmal zu sehen ... das war mir das Schmerzlichste bei meinem Anfall - wie ich glaubte , daß es schon aus sei und Du so weit weg ... « » Jetzt bleibe ich bei Dir , bis zu Deiner vollen Genesung - « » Oder bis zu meinem - nein , denken wir nicht daran ... ich bin so froh , daß Du gekommen bist . Wir werden uns ja so viel zu erzählen haben . « Als Rudolf einige Stunden später sich in seinem Zimmer umgezogen hatte und in das Speisezimmer zum Diner hinabging , fand er da außer Sylvia und Cajetane den Grafen Kolnos , der seit einigen Wochen Marthas Gast in Grumitz war . Der junge Mann empfand eine aufrichtige Freude , den älteren Freund hier zu treffen ; auch wußte er , wie seine Mutter Kolnos schätzte und daß es ihr lieb sein werde , während ihrer Rekonvaleszenz dessen Gesellschaft zu genießen . Er war fest überzeugt , daß sie bald wieder hergestellt sein würde . Die Angst , sie nicht mehr zu finden , war so schmerzlich gewesen , daß die darauf folgende Freude eine umso intensivere war und nun keine neue Angst mehr aufkommen ließ ; - die Nähe des schönen Mädchens - der Schreiberin der anonymen Briefe , das wußte er längst - trug auch dazu bei , seine Stimmung zu heben ; und in wirklich froher Laune nahm er an der kleinen Tafelrunde Platz . Vergessen und verscheucht alle seine eigenen Kampfsorgen - nur ein eigentümliches Gefühl von Herzensbehaglichkeit . Dieses Grumitzer Speisezimmer , wie weckte das auch so freundliche Kindheitserinnerungen in ihm ! Es war noch alles so wie vor dreißig Jahren : dieselben Bilder Frucht und Wildstücke - an den Wänden ; dieselbe große silberzeuggeschmückte Kredenz aus geschnitztem Eichenholz - diese unheimlichen Vögel Greif mit den herabhängenden Flügeln und wie zum Schnappen offenen Schnäbeln , die hatten ihm stets einen ganz besonderen Eindruck gemacht - und wie einem manchmal eine schwache Erinnerung an einen Duft , an einen Geschmack durchzuckt , so durchzuckte ihn jetzt eine Mahnung an jene damals so starke Vogel-Greif-Sensation ; und andere Bilder daneben ; wenn der kleine Junge zum Dessert hereingeführt wurde , da nahm ihn Großpapa Althaus auf den Schoß und gab ihm eine Frucht oder ein Bonbon ; er sah noch den struppigen weißen Schnurrbart , den lose aufgeknöpften blauen Generalsrock ... Alle diese Vergangenheits-Erinnerungen erhöhten die Behaglichkeit seiner Stimmung und in heiterem Tone begann er mit den anderen zu plaudern . Aber er fand keinen Widerhall . Auf ihren Gesichtern lag ein düsterer Schatten . Sie antworteten ihm einsilbig und in gedämpftem Ton . Von Sylvia wunderte ihn dieses Gebaren nicht - sie trug ja schwer an ihrer Trauer , aber was bedrückte Kolnos und Cajetane ? Sollte die Gefahr doch nicht behoben sein - wußten sie etwa von einer hoffnungslosen Prognose des Arztes ? » Warum seid Ihr so traurig ? « fragte er . » Der Zustand unserer Kranken ist doch nicht mehr furchterregend ? « Kolnos seufzte : » Die unmittelbare Gefahr scheint gehoben , « antwortete er , » aber - « » Aber was ? « » Es war ein fürchterlicher Moment vorgestern - und das kann sich wiederholen - - « Jetzt war Rudolfs momentane frohe Laune wieder verflogen . Er war sich neuerdings bewußt , daß diesem Hause der Engel des Todes schon gar nahe gewesen ; hatte er doch vor wenigen Stunden selber gefürchtet , ihn hier zu finden ... Und mit diesem Stimmungswechsel tauchten jetzt auch andere Erinnerungsbilder aus seiner Grumitzer Kinderzeit in ihm auf ... nichts mehr von Spielen und Festen , sondern jene Sterbewoche des Kriegsjahres 1866 , aus der sich eine Kette von Angst- und Schreckensszenen in sein Gedächtnis gegraben hatte ... Der Rest des Mahles verlief ziemlich schweigsam . Gleich nach dem Essen entfernte sich Sylvia , um bei der Mutter nachzusehen . » Bring ' uns Nachricht , « sagte ihr Rudolf , » und frage sie , ob jemand von uns ihr heute noch Gesellschaft leisten soll . « Nach einer Weile kam eine Kammerjungfer und richtete aus : » Frau Gräfin Sylvia läßt sagen , daß es der Frau Baronin viel besser ist , daß sie aber schon zu Bett gegangen und schlafen will - heute also niemand mehr sehen will . Frau Gräfin Sylvia bleibt bei ihr . « Das Mädchen wandte sich zum Gehen . Cajetane rief ihr nach : » Sagen Sie der Gräfin Sylvia , daß ich sie in der Nachtwache ablösen werde .