Auges auf den kranken Vater nieder . Dieser öffnete die Augen und richtete den Blick zu seinem Sohne empor . Er schien es gar nicht zu bemerken , daß Hanneh ihm die Arme unter Kopf und Schultern schob , um ihn ein wenig aufzurichten . » Ghalib - - - der Unbesiegliche - - - ! « sagte er . » Er trägt - - - die Zukunft - - - meiner Haddedihn - - - ! Doch die - - - Vergangenheit - - - stirbt nicht - - - stirbt nicht - - - ! Die bin - - - bin ich - - - mit ihm die - - - Gegenwart - - - ! Ich bleib bei euch - - - bei euch - - - ! Ich will - - - ich will - - - ich will - - - ! Kara - - - Hanneh - - - mein Leben - - - kehrt zurück ! « Er hielt den frohen Blick noch einige Zeit auf Kara gerichtet ; dann schloß er die Augen . Hanneh bettete ihn wieder bequem in die Kissen . Mir kam es vor , als ob sein Gesicht jetzt einen ganz , ganz andern Ausdruck habe , nicht mehr den leichenhaften wie vorher . Kara stieg vom Pferde und führte es so leise wie möglich hinaus . Hanneh sah den Pedehr ängstlich fragend an . Er nahm sie bei der Hand , zog sie empor und sagte : » Die Hoffnung ist erwacht ! Komm mit ! Wir wollen ihm einen stärkenden Trank bereiten . Wenn er ihn zu sich nimmt , so wird er gerettet sein ! « Als sie miteinander fortgegangen waren , kam Kara wieder herein , erst für einige Augenblicke zu mir ; dann setzte er sich zu seinem Vater , welcher zwar nicht ganz wach zu sein aber auch nicht zu schlafen schien . Er bewegte bald dieses und bald jenes Glied in einer Weise , welche darauf schließen ließ , daß es nicht unwillkürlich sondern absichtlich geschehe . Dann kehrte der Pedehr mit Hanneh zurück . Ich vermutete , daß in dem Gefäße , welches sie trug , von demselben ausgepreßten Fleischsaft sei , der auch mich so gestärkt hatte . Er wurde Halef mit Hilfe des Löffels gegeben ; er weigerte sich nicht , ihn anzunehmen , und fiel dann sogleich in einen ruhigen Schlaf , von dem der Pedehr sagte , daß er wenigstens bis zum nächsten Morgen dauern werde . Hanneh und Kara waren unbeschreiblich glücklich hierüber und stellten , als ich mich jetzt wieder wie gestern hinaus in das Freie schaffen lassen wollte , die Bitte an mich , ihnen da draußen zu erzählen , was ich seit unserer Trennung von den Haddedihn mit Halef erlebt hatte . Dagegen erhob aber der Pedehr ganz entschieden Einspruch . Er wies sie auf die Anstrengungen ihres eigenen Rittes hin und machte sie allen Ernstes darauf aufmerksam , daß sie sich jetzt unbedingt ganz gründlich auszuruhen hätten . Halef bedürfe ihrer heut nicht mehr , da sowohl er als auch Schakara in bester Weise für ihn sorgen würden . Sie mußten gehorchen , und so kam es , daß ich dann später ganz allein draußen vor der Halle saß , um dasselbe Schauspiel des Sonnenunterganges zu genießen , welches mich gestern schon so erhoben hatte . Wie viele Menschen habe ich schon sagen hören , daß man die Schönheiten der Natur niemals allein sondern stets in Gesellschaft genießen müsse . Ich bin da ganz anderer Meinung . Schon das Wort » genießen « scheint mir da falsch gebraucht zu sein . Ich könnte mit ganz demselben Rechte sagen , daß ich eine Predigt , ein Oratorium , ein Kirchenlied » genießen « wolle . Auf mich wirkt die Natur erhebend , und zugleich veranlaßt sie mich zur Einkehr in mich selbst . Ich bin ein Teil von ihr und kann sie nicht schauen , ohne mit ihr auch mich selbst zu betrachten . Gesellschaft anderer Leute würde mir da nur hinderlich sein . Durch den Wald will ich allein spazieren , außer ich bin gesellschaftlich gezwungen , noch jemand mitzunehmen . Plauderei entheiligt mir die That . Denn ein solcher Gang zum predigenden Walde ist für mich eine That , und zwar nicht bloß eine körperliche , sondern mehr noch eine seelische . Werde ich begleitet , so bringe ich fast nichts mit heim als nur die Erinnerung an das , was gesprochen worden ist . Ganz ebenso ist es mit dem Sonnenauf- und mit dem Sonnenuntergang . Jede Bemerkung , jede Interjektion , sei sie auch noch so begeistert , muß , falls ich sie anzuhören habe , die Erhabenheit und Heiligkeit des Augenblickes mindern . Ich habe menschliche Gesellschaft gern , wie ich überhaupt die ganze Menschheit herzlich liebe ; aber die Natur will ich in ungestörter Einsamkeit auf mich wirken lassen , und meine schönsten und gewiß auch besten Lebensstunden sind die , in denen ich in stiller Nacht und ohne einen Plauderer neben mir dem ewig frommen und ewig treuen Sternenhimmel in seine leuchtend hellen Augen sehe . So auch heut , wo ich allein und von höflicher Rücksicht frei vor der Halle des » hohen Hauses « saß . Ich kenne ein Bild , » Die Genesende « unterzeichnet . Eine weibliche Gestalt sitzt bleichen Angesichtes in hochgelegener , offener Laube , von welcher aus einer der herrlichsten Punkte des Rheinthales zu überschauen ist . Soeben dem Tode entronnen , hat sie das Krankenzimmer mit dieser freien , vom Blumendufte umwehten Stelle vertauscht , um neues , sonniges Leben einzuatmen . Sie nimmt es mit einem stillen , milden , unendlich dankbaren Lächeln entgegen ; aber die großen , ernsten Augen sind nicht hinunter auf die glitzernden Fluten des Stromes oder die grünenden Rebenhänge sondern weit , weit hinaus in die grenzenlose Ferne gerichtet , die selbst den Horizont unter sich nur als trügerische Vorspiegelung des