heißt wohl immer , wir Kleinen , wir machten alles und könnten alles , aber bei Lichte besehn , ist es bloß das alte : Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben . Glaube mir , Woldemar , wir werden geschoben und sind bloß Sturmbock . Immer dieselbe Geschichte , wie mit Protz und Proletarier . Die Proletarier - wie sie noch echt waren , jetzt mag es wohl anders damit sein - waren auch bloß immer dazu da , die Kastanien aus dem Feuer zu holen ; aber ging es dann schief , dann wanderte Bruder Habenichts nach Spandau und Bruder Protz legte sich zu Bett . Und mit Hochadel und Kleinadel ist es beinah ebenso . Natürlich heiratet eine Ermyntrud mal einen Katzler , aber eigentlich äugt sie doch mehr nach einem Stuart oder Wasa , wenn es deren noch gibt . Wird aber wohl nich . Entschuldige diesen Herzenserguß , dem Du nicht mehr Gewicht beilegen mußt , als ihm zukommt . Es kam mir das alles so von ungefähr in die Feder , weil ich grade heute wieder gelesen habe , wie man einen von uns , der durch Eintreten eines Ippe-Büchsenstein hätte gerettet werden können , schändlich im Stich gelassen hat . Ippe-Büchsenstein ist natürlich nur Begriff . Alles in allem : ich habe zu Dir das Vertrauen , daß Du richtig gewählt hast und daß man Dich nicht im Stiche lassen wird . Außerdem , ein richtiger Märker hat Augen im Kopf und is beinah so helle wie ' n Sachse . Wie immer Dein alter Vater Dubslav von Stechlin . « Es war Ende November , als Woldemar diesen Brief erhielt . Er überwand ihn rasch , und am dritten Tag las er alles schon mit einer gewissen Freudigkeit . Ganz der Alte ; jede Zeile voll Liebe , voll Güte , voll Schnurrigkeiten . Und eben diese Schnurren , trafen sie nicht eigentlich auch den Nagel auf den Kopf ? Sicherlich . Was aber das beste war , sosehr das alles im allgemeinen passen mochte , auf die Barbys paßte so gut wie nichts davon ; die waren doch anders , die suchten nicht Fühlung nach oben und nicht nach unten , die marchandierten nicht mit links und nicht mit rechts , die waren nur Menschen , und daß sie nur das sein wollten , das war ihr Glück und zugleich ihr Hochgefühl . Woldemar sagte sich denn auch , daß der Alte , wenn er sie nur erst kennengelernt haben würde , mit fliegenden Fahnen ins Barbysche Lager übergehen würde . Der alte Graf , Armgard und vor allem Melusine . Die war genau das , was der Alte brauchte , wobei ihm das Herz aufging . Den Weihnachtsabend verbrachte Woldemar am Kronprinzenufer . Auch Wrschowitz und Cujacius - von denen jener natürlich unverheiratet , dieser wegen beständiger Streiterei von seiner Frau geschieden war - waren zugegen . Cujacius hatte gebeten , ein Krippentransparent malen zu dürfen , was denn auch , als es erschien , auf einen Nebentisch gestellt und allseitig bewundert wurde . Die drei Könige waren Porträts : der alte Graf , Cujacius selbst und Wrschowitz ( als Mohrenkönig ) ; letzterer , trotz Wollhaar und aufgeworfener Lippe , von frappanter Ähnlichkeit . Auch in der Maria suchte man nach Anlehnungen und fand sie zuletzt ; es war Lizzi , die , wie so viele Berliner Kammerjungfern , einen sittig verschämten Ausdruck hatte . Nach dem Tee wurde musiziert , und Wrschowitz spielte - weil er dem alten Grafen eine Aufmerksamkeit zu erweisen wünschte - die Polonäse von Oginski , bei deren erster , nunmehr um siebzig Jahre zurückliegenden Aufführung , einem alten on dit zufolge , der polnisch gräfliche Komponist im Schlußmomente sich erschossen haben sollte . Natürlich aus Liebe . » Brav , brav « , sagte der alte Graf und war , während er sich beinah überschwenglich bedankte , so sehr aus dem Häuschen , daß Wrschowitz schließlich schelmisch bemerkte : » Den Piffpaffschluß muß ich mir versagen , Herr Graff , trotzdem meine Vererrung « ( Blick auf Armgard ) » serr groß ist , fast so groß wie die Vererrung des Herrn Graffen vor Graff Oginski . « So verlief der Heiligabend . Schon vorher war man übereingekommen , am zweiten Feiertage zu dritt einen Ausflug nach Stechlin zu machen , um dort die künftige Schwiegertochter dem Schwiegervater vorzustellen . Noch am Christabend selbst , trotzdem Mitternacht schon vorüber , schrieb denn auch Woldemar einige Zeilen nach Stechlin hin , in denen er sich samt Braut und Schwägerin für den zweiten Feiertagabend anmeldete . Rechtzeitig trafen Woldemars Zeilen in Stechlin ein . » Lieber Papa . Wir haben vor , am zweiten Feiertage mit dem Spätnachmittagszuge von hier aufzubrechen . Wir sind dann um sieben auf dem Granseer Bahnhof und um neun oder nicht viel später bei Dir . Armgard ist glücklich , Dich endlich kennenzulernen , den kennenzulernen , den sie seit lange verehrt . Dafür , mein lieber Papa , hab ich Sorge getragen . Graf Barby , der nicht gut bei Wege ist , was ihn hindert mitzukommen , will Dir angelegentlich empfohlen sein . Desgleichen Gräfin Ghiberti , die uns als Dame d ' honneur begleiten wird . Armgard ist in Furcht und Aufregung wie vor einem Examen . Sehr ohne Not . Kenn ich doch meinen Papa , der die Güte und Liebe selbst ist . Wie immer Dein Woldemar . « Engelke stand neben seines Herrn Stuhl , als dieser die Zeilen halblaut , aber doch in aller Deutlichkeit vorlas . » Nun , Engelke , was sagst du dazu ? « » Ja , gnäd ' ger Herr , was soll ich dazu sagen . Es is ja doch , was man so ' ne gute Nachricht nennt . « » Natürlich is es ' ne gute Nachricht . Aber hast du noch nicht erlebt , daß einen gute Nachrichten auch genieren können ? «