Ja ! Das ist ihr Wagen . « » Anna ! Anna ! Anna ! « schrie Kitty wie von Sinnen , sprang aus dem Wagen und rannte durch alle Pfützen . Draußen hielt die Kutsche . Als der Schlag sich öffnete und Anna Herwegh den Fuß auf das Trittbrett setzte , hing ihr Kitty schon am Hals und schluchzte unter Küssen : » Hab ' ihn lieb , Anna ! Hab ' ihn lieb ! Mach ihn glücklich ! Ich will dich vergöttern dafür ! « Schmerz und Erregung machten sie halb betäubt , sie hörte stammelnde Worte , ohne sie zu verstehen , fühlte Händedrücke , Umarmungen , Küsse - und als sie ihrer Sinne wieder mächtig wurde , sah sie die beiden Wagen im Regen davonrollen und gewahrte Fritz , der neben ihr stand und einen Regenschirm über ihr Köpfchen hielt , in dessen zerzausten Haaren die Wasserperlen glitzerten . » Ich bitte , Konteß , kommen Sie ! « mahnte Fritz . » Konteß werden sich einen Schnupfen zuziehen . « » Schnupfen ? « wiederholte sie gedankenlos und starrte ihn an wie ein vorsintflutliches Wundertier . Mit zitternden Händen tastete sie nach den triefenden Eisenstäben des Torgitters . Fritz wagte keine weitere Mahnung auszusprechen ; geduldig stand er und hielt den Regenschirm . Endlich richtete Kitty sich auf , nahm den Schirm und trat den Rückweg an . Fritz wollte das Tor schließen . Von der Straße rief eine Stimme : » Auflassen ! « Zwei Bauern brachten einen großen Handkarren gezogen , auf dem die beiden von Robert gestreckten Gemsböcke lagen - und der Sechzehnender , dessen mächtiges Geweih zu beiden Seiten des Karrens weit herausragte über die mit Kot behangenen Räder . Zweites Buch 1 Über der langen Kette der Berge hingen die Regenwolken , grau in blau getönt . Doch je weiter es hinausging gegen das Vorland und die Ebene , desto freundlicher wurde der Himmel . Mit sommerlichem Stillvergnügen lächelte die Morgensonne über den Lauf der Isar und über die gute Stadt München herab , machte die Knäufe der Frauentürme funkeln und vergoldete die Dächer . Unter den wenigen Passanten , die an diesem Morgen der letzten Augustwoche die breite Ludwigstraße spärlich bedeckten , fiel die hohe Gestalt eines fünfzigjährigen Mannes auf , in grauem Sommerpaletot , mit schwarzem Filzhut . Das Haar , das unter dem Hutrand hervorquoll , hatte noch tiefes Braun , während der schmale Vollbart schon eine graue Melierung zeigte . Ein gedankenvolles Lächeln , wie es starken , im Kampf mit dem Leben gefesteten Naturen eigen ist , milderte den Ernst der durchgeistigten Züge . Man würden den Künstler in ihm erraten haben , auch wenn er nicht den Weg zur Akademie genommen hätte . Weder in den jungen Parkanlagen der Akademie noch in dem prunkvollen Treppenhaus begegnete ihm eine Seele . Im obersten Stockwerk hielt er vor einer Tür , die ein kleines Porzellanschild trug - » Professor Georg Werner « - und darunter eine mit Reißnägeln befestigte Visitenkarte : » Hans Forbeck « . In dem großen Atelier , dessen Nordwand ein einziges Riesenfenster bildete , standen vier Staffeleien . Eine von ihnen trug Professor Werners jüngste Arbeit , die der Vollendung nahe war und bereits ihren Goldrahmen hatte ; ein blankes Täfelchen nannte den Namen des Künstlers und den Titel des Bildes : » Die lange Straße « . Zwischen herbstlich belaubten Feldhecken und kahlen Wiesen , hinter denen der geschlängelte Lauf eines Baches aufleuchtet , zieht eine gerade , staubige Pappelallee in endlos scheinende Ferne . Das Zwielicht eines nebligen Herbstabends liegt wie ein Schleier über der Landschaft . Nur am Horizonte glänzt ein helles Licht , als wäre in jener Ferne reiner Himmel und letzte Sonne . Auf der Straße steht ein bejahrter Mann ; er hat ein schweres Bündel zu Boden gestellt , die Last der weiten Wanderung hat ihn müde gemacht , und nun deckt er die magere Hand über die Augen und späht sehnsüchtig in jene lichte Ferne , in der ihm das Ziel und die Ruhe winkt . Werner trat vor die Staffelei . Als er nach der Palette greifen wollte , sah er auf dem Maltisch eine Depesche liegen . Er öffnete und las : » Ich bitte Dich , Werner , komm - Dein Hans ! « Betroffen sah er auf das Blatt und fuhr sich mit der Hand über die Stirn . Wie konnte der Junge bei gesunder Vernunft eine solche Depesche schicken , solch ein halbes Wort , das unruhig machen muß ? Ob er krank ist ? Und nun da draußen liegt , ohne Hilfe , ohne einen Menschen , der ihn kennt ? Im Sturmschritt zum Tor hinaus , in die nahe Wohnung , mit einer hetzenden Droschke zum Bahnhof ! Nach zweistündiger Bahnfahrt erreichte Werner die Station , von der die Sekundärbahn in die Berge abzweigte . Hier hatte er fünfzehn Minuten Aufenthalt , und das war für ihn eine schwere Geduldprobe . Zwei Züge kamen . Ein Schwarm von Reisenden , Gebirgstouristen und Landleuten suchte in dem nach München gehenden Zuge unterzukommen . Zerstreut sah Werner über das lärmende Getriebe hin , wurde aufmerksam auf einen Herrn und drängte sich durch das Leutegewühl : » Doktor Egge ! Doktor Egge ! « Tassilo streckte dem Professor die Hand entgegen . » Doktor ! Kommen Sie von Hubertus ? Sind Sie da draußen nicht mit Forbeck zusammengetroffen ? « » Gewiß ! Und ich habe - « Werner ließ ihn nicht aussprechen . » Was ist denn mit dem Jungen ? Was fehlt ihm ? Sehen Sie nur die Depesche , die er mir geschickt hat ! « Werner zerrte das Blatt heraus . Tassilo las . Eine Glocke läutete , und die Kondukteure schrien : » München ! Höchste Zeit ! « Lächelnd gab Tassilo dem Professor die Depesche zurück . » Ich glaube zu wissen , was hinter der Sache steckt . Allerdings sollte ich Ihnen die Überraschung