es heute einige ältere Musterexemplare an der Raßlerschen Tafel gab . Eigentlich fand er auch gar keinen Gefallen an dieser Schmaus-Gesellschaft . Er war da hereingekommen wie der Heide Pontius Pilatus ins christliche Glaubensbekenntnis . Am Nachmittag hatte er ein zärtliches Stelldichein absolviert mit dem jungen , tollen Weibchen des pensionierten Generals Roller , genannt Rollmops , der freundlich gesinnten Hälfte seines ehemaligen Busenfeindes . Brigitta hatte Wind davon bekommen - und wie gewöhnlich die Schalen ihres gerechten Zornes über das Haupt des argen Sünders ausgegossen . Wie gewöhnlich machte der böse Max die Miene der gekränkten Unschuld zu dieser altjungferlichen Strafpredigt und suchte dann durch allerlei scherzhafte Abschwenkungen den Sinn der Alten auf gemütlichere Wege zu lenken . Zum Beispiel mit dem parodistischen Bibelspruch : » Hasse deinen Nächsten und liebe sein Weib wie dich selbst . « Oder : » Sei unterthan , deinen Vorgesetzten , und sage nicht nein , wenn die Generalin ja sagt . « Oder : » Du sollst dem Ochsen , der kommandiert , nicht das Maul verbinden , aber seine Hörner zu vermehren , ist erlaubt . « Und dergleichen Sündhaftigkeiten mehr . Diesmal jedoch mit einem nicht gewöhnlichen Mißerfolg . Und so war er froh , als Erwin Hammer zufällig Sukkurs brachte . Nur der Vorschlag behagte ihm nicht , sich als blinder Passagier mit zu Raßlers kutschieren zu lassen . Diese Leute interessierten ihn ja gar nicht ! Und jetzt saß er doch da ! Er sprach wenig und bemühte sich mit der gefälligen Grazie eines erprobten Weltmannes und Beobachters zuzuhören . Seine Ohren waren zwar heute nicht von besonderer Schärfe , doch entging ihm kein Wort , als Bertha Hohenauer dem Schauspieler zuflüsterte : » Wenn Du das Glück siehst , halt ' s fest ; dies ist die Summe aller Weisheit zum Glücklichsein . « Dieser Spruch bildete den ganzen Abend das Leitmotiv seiner gemischten Empfindungen . Als nach aufgehobener Tafel ein wenig musiziert wurde und nach einigen künstlerischen Momentsphantasieen auch eine Dilettantin ein bischen à la Liszt rhapsodiert hatte - die Mehrzahl der Herren that sich mittlerweile im Rauch- und Spielzimmer gütlich - setzte sich auch Baron v. Drillinger leise an das Klavier und wagnerisierte in gedämpften Akkorden Götterdämmerungsmotive . Da traf ihn zum erstenmal einer jener rätselhaft hellen Blicke Leopoldinens wie ein Blitz aus einer schwarzen Wetterwolke . Dann plätscherte der Regen der Unterhaltung in hastigem Getröpfel ringsum hernieder und Frau Raßler war wieder verschwunden . » Wenn Du das Glück siehst - - ah bah ! « machte Drillinger , harpeggierte einen verminderten Septimenakkord über die Klaviatur hin , daß die Töne harfenartig verklangen , matt und matter , wie ersterbende Herzschläge . Er erhob sich langsam vom Stuhle . Niemand achtete darauf . Man war pianinomüde . Die Maultrommel , ah ja , besonders auf der Damenseite ; wie wurde da Wahrheit und Dichtung aus dem Leben der lieben Mitmenschen von gestern und heute flink in Noten gesetzt und durch alle Tonarten gepeitscht ! Im Ganzen schien die gesellige Stimmung flau . Drillinger lehnte noch am Pianino und ließ seinen Blick über die schwatzenden Gruppen in dem gelben Salon gleiten . Er kam sich immer noch eigentümlich fremd , fast verschüchtert in dieser Umgebung vor . Was mußte ihn aber auch Erwin Hammer da herein schleppen , um ihn hier stehen zu lassen wie einen Marterstock ! Ja , wie einen Marterstock ! Drillinger mußte lächeln über sich selbst : wie war ihm nur dieser komische Vergleich in den Sinn gekommen ? Ein Marterstock oder kurzweg ein » Marterl « , die frommnaive Bildsäule , welche das Landvolk im einsamen Feld oder Hochgebirg an der Stelle errichtet , wo ein armer Mensch verunglückte durch Absturz , Blitzschlag ... Spaßig , was die Phantasie für Sprünge macht . Er hier ein Marterl ... Blitzschlag ... Es ist zu dumm . Alle Wetter , jetzt eben ging die seltsame Frau wieder an ihm vorüber , diesmal gesenkten Blickes , wie eine trauernde Walküre , wie eine Brunnhilde , der ein unsichtbarer Schicksalsmund die Gottheit von der Stirn geküßt ... Und hinter ihr drein watschelte der Kommerzienrat . Nein , der hatte nichts Wotanhaftes . » Leo , so hör ' doch , Leo ! « Frau Leopoldine hörte nicht ; sie war in einer Gruppe von Damen verschwunden . Der Kommerzienrat war pustend mitten im Salon stehen geblieben , hilflos , ratlos , mit einem dumm-verlegenen Ausdruck im feisten Vollmondsgesicht . » Leo , Le ... « Da erblickte er den Baron einsam am Klavier . » Sie haben famos gespielt , Herr Baron ; scheinen in allen Sätteln gerecht , hehehe ? « » Die Kunst ist oft ein gar zahmer Klepper , Herr Kommerzienrat , da gehört nicht viel Mut dazu , das heißt , zuweilen nichts als ein gewisser Mut . « » Schade , daß unser berühmter Tastenschläger heute nicht gekommen ist , der geniale Friedberg , ein ganz junger Mensch , aber von einer unglaublichen Verwegenheit auf seinem Instrument . Der haut Ihnen das Zeug herunter ... Sie kennen ihn nicht ? « Drillinger verneinte lächelnd . » Er hat meinen Flügel neulich so verarbeitet , daß ich ihn zur Reparatur fortgeben mußte ; das Pianino ist nur als Lückenbüßer da . Jüngst hat er meiner Frau vorgespielt was die Isar rauscht . Alles durcheinander , Trauermärsche und Hopswalzer . Besonders in der Tanzmusik ist er unwiderstehlich . Ja , wenn der da wäre und loslegte , da sollten Sie einmal die Damen sehen , keine ist mehr zu halten . Das Frauenzimmervolk , Sie kennen es ja , ganz unberechenbar , hehehe ! Ein Rattenfänger auf der Bildfläche - und weg ist ' s. Na , das macht der Liebe kein Kind ... Apropos , Bildfläche : Sie müssen uns einmal am Tag die Ehre schenken und meine Bildergallerie betrachten . « » Mit Vergnügen , Herr Kommerzienrat . « » Wollen Sie nicht ins Rauchzimmer kommen ? Wir schwatzen