können , so fesselte sie der Haß , liefen sie auf beiden Seiten der Straße fort unter greulichem Schimpfen und Drohen ; es war bei Gott ein widerwärtiges Beispiel , wohin der elende Geiz und Neid sogar ein paar betagter Brüder treiben kann . Ich kam gerade dazu und lief mit dem Publikum den Rasenden nach , bis sie unversehens aneinander gerieten und mit den langen Weißdornstöcken dareinhieben , ohne sich zu treffen . Es kam dann ein Stadtpolizist und führte die armen Teufel auf die Wache . Nachher ging ich auf Vier Winden , wo ich das andere vernahm , wie ich es erzählt . Ist das nicht ein verzwickter Streich von dem Notarius , ein köstlicher Einfall sogar , den geldstollen Brüdergreisen aus einem Pfandbriefe die Haare zu verstricken als Gläubiger und Schuldner ? Viel Haare waren es freilich nicht mehr , und die spärlichen Streifen , die noch herumhingen , haben sie sich vollends ausgerauft ! « » Das ist kein lustiger Einfall gewesen , « sagte Netti ; » ich erinnere mich jetzt , daß er schon früher einmal klagte , wie er bei den reichen Geizhälsen Geld für Klienten gesucht habe und von beiden grob abgewiesen worden sei . Nun hat er sie eben doch noch benutzt , ohne sie zu fragen ! « » Er hat sie vermutlich schon damals anschmieren wollen . Jetzt muß natürlich die Not- und Hilfsbank den Schaden tragen ! « versetzte Salander . » Indessen ist es in der Tat ein traurig lächerliches Phänomen ! « » Jawohl ! « entgegnete Frau Marie , » wie man in der Nacht beim Anblick einer Feuersbrunst sagt , es sei furchtbar schön ! Behüt uns der Himmel ! « Wie sie noch so sprachen , halb zehn Uhr war schon vorbei , schellte jemand stark an der Hausglocke . Nach einem Weilchen kam Magdalene mit einem Briefe , den ein Gefängnisbote gebracht . Der Aufseher habe ihm denselben schon am Nachmittag übergeben ; allein er sei wegen vieler Arbeit erst jetzt nach Hause entlassen worden und bringe den Brief doch noch auf Bitten des inhaftierten Weidelich . Das Schreiben war wirklich von Isidors Hand und an seine Frau Setti gerichtet , die zusammenfuhr . » Ist der Mann fort ? « fragte Salander , und als die Magd es bejahte , meinte er , da man Julians Brief einmal habe , so möge man den Isidorischen auch annehmen und Setti ihn für sich lesen , ehe sie ihn zum besten gebe ! Man müsse die Dinge jetzt anfangen , von der Seite der Merkwürdigkeit aus zu betrachten , sonst komme man schwer darüber hinweg . » Ich habe genug an dem Briefmuster , das Nettli erhalten hat , « sagte Setti , » und zweifle nicht , daß meine Epistel von gleichem Werte ist . Ich begehre sie nicht zu lesen und schenke sie euch ! Lest , ich geh ins Bett ! « Damit erhob sie sich und wollte gehen . Der Vater hielt sie jedoch zurück . » Halt ! « sagte er , » du mußt ihn auch hören , und Herr Wighart soll ihn auch hören , so wird es etwas , das gewissermaßen alle angeht , rein sachlich oder gegenständlich neutral ! Die Mutter mag vorlesen ; so kann sie sofort aufhören , sowie nach ihrem Gefühl etwas Peinliches zum Vorschein kommen sollte ! « » O du Erzdüftler ! « sprach Marie Salander lächelnd ; » gib her den Brief . « Während ihr Mann schon seit einigen Jahren einer Brille bedurfte , wenn er lesen wollte , las sie das Geschreibsel mit bloßen Augen , ohne nur die Lampe näher zu verlangen : » Herzlich geliebtes Wesen ! Teuerste Gattin ! Endlich finde ich einen Augenblick der Fassung , um Dir aus dem Kerker ein Lebenszeichen übersenden zu können . Ich will mich über das bis dato Erduldete und wie es gekommen ist , jetzt nicht weiter verbreiten . So Gott will , wird der Tag unserer Wiedervereinigung nicht ausbleiben , wo wir das Unglück mit frohem Rückblicke in traulichem Geplauder genugsam betrachten können ! Möge es so sein ! Für jetzt möchte ich Dich nur mit einigen kleinen Wünschen behelligen , deren Erfüllung in diesem provisorischen Zustande mir zustatten käme . Da die Wut der Verhöre etwas nachzulassen scheint , bleibt mir so viel freie Zeit , daß die Untätigkeit mir peinlich wird . Da bin ich auf den Gedanken gekommen , sowohl um mir selbst Rechenschaft zu geben , als vielleicht auch der Gesamtheit nützlich zu sein , eine sozialpädagogische Studie zu schreiben über Pflichtverletzungen und ihre Quellen im Staats- und Volksleben und die Verstopfung der letzteren , vom Standpunkt eines Selbstprüfers . Leider fehlt es mir an gutem Schreibmaterial , an das ich gewöhnt bin ; das , was ich hier bekomme , ist miserabel . Schicke mir daher ein Buch weißes , starkes , aber gut satiniertes Papier , Imperial , ferner eine Schachtel von meinen Stahlfedern , die Du ja kennst , ein Fläschchen blaue Tinte , ein dito rote und zwei Federhalter . Alles dies bekommst Du in der Handlung von I.G. Schwarz & amp ; Co. am besten . Bezüglich der Kost befinde ich mich einstweilen nicht so übel , da meine Eltern die Verpflegung garantiert haben ; denn Du weißt , daß ich ohne einen Rappen Geld fortgeschleppt worden bin . Doch wäre eine kleine Aufbesserung sehr erwünscht , woher untenstehende Notierung . Endlich fehlt es mir an geeigneter Lektüre . Es sind wohl Bücher zu haben , die aber mehr für Kinder oder Versorgte in Korrektionsanstalten passen . Eine gute geographische und historische Beschreibung der nord- und südamerikanischen Staaten wäre mir willkommen , nebst einigen Bänden Gerstäcker oder so was . Auch fehlt mir der Schlafrock , den ich vergessen habe . Du könntest ihn vielleicht durch den Gemeindammann aus unserem Tuskulum herauspraktizieren lassen . Er hängt gewiß noch hinter der Tür wie immer .