sie samt den anderen Gästen durch die lange Zimmerflucht des ersten Stockes : den Ahnensaal , die Rüstkammer und die Bildergalerie , zu führen , während zwei Diener mit Armleuchtern voranschritten . Unter dieser halb düsteren Beleuchtung war alles , an dem man bei hellem Tageslicht gleichgiltig vorüberzugehen pflegte , zu einer Art Bedeutung gekommen , und die seitabstehenden Ritter mit halb geschlossenem Visier , die über Kreuz gelegten Lanzen , dazu die Ahnenbilder selbst , die zu fragen schienen : » Was stört ihr unser stilles Beisammensein ? « , hatten eines tiefen Eindrucks auf Kathinka nicht verfehlt . Vor allem ein jugendliches Frauenporträt , das ihr seitens des Grafen als das Bildnis Wangeline von Burgsdorffs , einer nahen Anverwandten seines Hauses , bezeichnet worden war , war ihr in der Erinnerung geblieben . An dies von einem Niederländer aus der Van-Dyck-Schule herrührende Bildnis , dessen unheimlich hellblaue Augen schon manchen früheren Besucher von Hohen-Ziesar bis in seine Träume hinein verfolgt hatten , knüpften die am Abend vorher nur flüchtig beantworteten Fragen Kathinkas wieder an , und Berndt , ein wahres Nachschlagebuch für alle Schloß- und Familiengeschichten der ganzen Umgegend , war eben im Begriff , die Neugier der schönen Fragstellerin durch eingehende Mitteilungen über » Wangeline « , die von vielen märkischen Forschern als der historisch beglaubigte Ursprung der » Weißen Frau « angesehen werde , zu befriedigen , als ein Klopfen an der Tür das kaum begonnene Gespräch unterbrach . Ein ältlicher Mann mit spärlichem , nach hinten gekämmtem Haar , den sein spanisches Rohr und mehr noch der lange blaue Rock mit einem Wappenblech auf der Brust als Gerichtsdiener kennzeichneten , trat ein , übergab einen Brief an den alten Vitzewitz und machte dann wieder einige Schritte zurück , bis in die Nähe der Tür . Alles verriet den alten Soldaten . Berndt erbrach das Schreiben und las : » Hochgeehrter Herr und Freund ! Ich säume nicht , Ihnen von dem Resultat eines ersten Verhörs , das ich gestern nachmittag noch mit der durch Ihre Umsicht entdeckten und eingelieferten Diebessippschaft angestellt habe , Kenntnis zu geben . Aus den beiden Strolchen , hinsichtlich deren sich Hohen-Klessin und Podelzig in den Ruhm der Geburtsstätte teilen , war , aller Kreuz- und Querfragen unerachtet , nichts zu extrahieren ; die Frau aber , die jenen beiden erst seit kurzem zugehört und mehr noch durch anderer als durch eigene Schuld unter die Rohrwerder Sippschaft geraten ist , hat umfassende Geständnisse abgelegt , die sich einmal auf die zumeist in den Küstriner Vorstädten ausgeführten Diebstähle , sodann aber auch auf die Hehlereien beziehen , die dieses Treiben unterstützt haben . Am schwersten belastet ist unsere Freundin Hoppenmarieken . Ich bitte Sie , eine Haussuchung bei ihr veranlassen oder selbst leiten zu wollen , wobei ich , mit Rücksicht auf die besondere Schlauheit der vorläufig unter Verdacht Stehenden , Ihre Aufmerksamkeit auf Dielen und Wände des Hauses hingelenkt haben möchte . Der Einlieferung des geraubten Gutes , an dessen Auffindung ich nicht zweifle , sehe ich ehemöglichst entgegen . Ob es geboten oder in Erwägung ihrer Geisteszustände auch nur zulässig sein wird , der Bezichtigten gegenüber die volle Strenge des Gesetzes walten zu lassen , darüber sehe ich seinerzeit Ihrer gefälligen Rückäußerung entgegen . Turgany « Berndt legte den Brief , den er mit halblauter Stimme gelesen hatte , vor sich nieder und sagte dann , zu dem alten Gerichtsdiener sich wendend : » Lieber Rysselmann , mein Kompliment an den Herrn Justizrat , und ich würde nach seinen Angaben verfahren . « Dann zog er die Klingel , » Jeetze , sorge für einen Imbiß . Frankfurt ist weit , und unser Alter da wird wohl die Mitte halten zwischen dir und mir . Nicht wahr , Rysselmann , sechzig ? « Der Alte nickte . » Und dann schicke Krist zu Kniehase ; er soll Nachtwächter Pachaly rufen lassen und mich auf dem Forstacker erwarten . « » Da klagt nun Renate « , fuhr der alte Vitzewitz fort , als Jeetze und Rysselmann das Zimmer verlassen hatten , » über öde Tage in Hohen-Vietz ! Sage selbst , Kathinka , leben wir nicht , seit du hier bist , wie im Lande der Abenteuer ? Erst ein Raubanfall auf offener Straße , dann ein Einbruch in unser eignes Haus , dann ein regelrechtes Diebstreiben unter Innehaltung taktisch-strategischer Formen und nun eine Haussuchung im Revier einer Zwergin - nenne mir einen friedlichen Ort in der Welt , wo in drei Tagen mehr zu gewärtigen wäre ! Im übrigen bin ich neugierig , ob sich die Aussagen , die die Rohrwerder-Frau gemacht hat , auch bewahrheiten werden . « » Ich zweifle nicht daran « , bemerkte Lewin . » Nach allem , was mir Hanne Bogun gestern sagte , und noch mehr nach dem , was er mir verschwieg , konnt ich kaum etwas anderes erwarten , als was Turgany jetzt schreibt . Wann willst du nach dem Forstacker hinaus ? « » Gleich , oder doch bald . Es darf nicht über den Vormittag hinaus dauern . « » Dürfen wir dich begleiten ? « » Gewiß . Je mehr Augen , desto besser ; wir werden sie der Schlauheit der alten Hexe gegenüber ohnehin nötig haben . « So trennte man sich . Berndt empfahl sich mit einigen Worten bei Kathinka , die sich nunmehr ihrerseits treppauf begab , um mit Renaten über die wunderlich widersprechendsten Themata , über Graf Drosselstein und den alten Rysselmann , über Wangeline von Burgsdorff und Hoppenmarieken , zu plaudern . Eine Viertelstunde später brach der alte Vitzewitz auf , in seiner Begleitung Tubal und Lewin . Sie gingen rasch . Noch ehe sie Miekleys Gehöft erreicht hatten , überholten sie Kniehase und Pachaly , die schon auf dem Wege waren , und bogen nun gemeinschaftlich mit ihnen in den Forstacker ein . Gleich darauf standen sie vor Hoppenmariekens Haus . Man war schon vorher übereingekommen , ganz regelrecht vorzugehen ,