wo und wie viele ihrer vielleicht heute noch leben ? Gott Vater wird es wissen , ihr Bruder Dezimus weiß es nicht . Ein erwünschter Zufall war es daher , daß vor Jahr und Tag der älteste von den beiden , die beim Tode der Eltern bereits Soldaten waren , sich mit dem Gesuch eines Taufzeugnisses , zum Zweck seiner Verheiratung , an den Pfarrer von Werben wendete und daß durch ihn ein schwacher Faden sich wieder anknüpfen ließ . Bruder Klaus war nach Ablauf seiner Dienstzeit Ruderknecht , später Matrose und endlich Steuermann auf einem Kauffahrteischiff geworden ; er kam nur selten an das Land , wo er dann im eignen bescheidenen Heimwesen auf einer der friesischen Inseln einkehrte . Wer von seinen Brüdern noch lebte , wußte auch er nicht . Nur durch Zufall war er einmal mit seinem soldatischen Kumpan , dem einzigen , der ihm von Angesicht erinnerlich geblieben , zusammengetroffen , als dieser im Begriffe stand , nach Amerika auszuwandern . Dort , so schrieb der Prediger der Insel , der diese Nachrichten seinem binnenländischen Amtsbruder vermittelte , war auch er verschollen und das Enaksgeschlecht aus dem Hirtenhause demnach wahrscheinlich zusammengeschmolzen bis auf zwei . Diese Rückwärtsgedanken waren in Dezimus nun aber besonders lebhaft angeregt worden , als er bei Gelegenheit des Werbenschen Erbes die Fragen des Blutszusammenhanges und der Verpflichtungen , welche er auferlege , von den verschiedensten Standpunkten erörtern hörte . Sein ganzes Herz gehörte ja den Wahlverwandten ; ein heimlicher Gewissensdrang trieb ihn aber den Naturverwandten entgegen , und als durch Stipendium und Legat ihm die Mittel zu einer Nothülfe geboten wurden , schrieb er an den Bruder Steuermann im Inselhause , schilderte sein eigenes glückliches Los , sprach den Wunsch des Bekanntwerdens aus , bat dringend um gelegentliche Forschung nach dem in Amerika verschollenen Friedrich und erklärte sich zu brüderlicher Handreichung froh bereit . Sein Herz schlug befreit , nachdem er diesen Schritt in seinen ältesten Zusammenhang zurückgetan hatte . Vermochte er denn aber die verheißene Handreichung wahr zu machen , wenn er die abirrende Bahn zu einem zweifelhaften Ziele betrat ? Denn mit dem gutgemeinten Verspruch hatte er leider die Dämonen der langen Zahlen und großen Rohre keineswegs ausgetrieben . Er mochte sich winden und wenden , wie er wollte , er kam aus dem Zwiespalt von Lockung und Pflicht nicht heraus . Sogar sein bis dahin unangefochtenes robustes Hirtenblut zeigte Spuren des heimlichen Kampfes , die roten Backen erblaßten , der Leib magerte ab , der Schlaf wurde unruhig , schlechthin hohläugig sah der arme Junge aus , und so mußte es zweifelhaft erscheinen , ob die großmütige Legatarin , indem sie seine Schülerwiege verrückte , ihm nicht eher eine Wehetat als eine Wohltat erwiesen hatte . Hätte er nur einen weisen Mann gewußt , den er zum Schiedsrichter der strittigen Parteien in seiner achtzehnjährigen Brust hätte aufrufen dürfen . Aber er wußte nur einen , den weisesten der Weisen , und just vor ihm hätte er den Tummelplatz in undurchdringliche Nebel hüllen mögen . Oder hätte er nur einen mitfühlenden jungen Gesellen gewußt , in dessen Herz er seine Ängste ergießen konnte ! Aber er hatte gute Kameraden die Hülle und Fülle ; ein Spezial jedoch war ihm seit der Kinderstube immer nur sein Röschen gewesen , und was dieser Spezial ihm raten würde , brauchte er nicht erst zu erfragen . » Dummer Dezem , natürlich mußt du Pastor werden und in unserer hübschen Pfarre bleiben . Für das gnädige Legat machen wir uns alle Jahre eine Lust ! « So fragte er denn Röschen nicht , aber er fragte Peter Kurzen , als dieser das nächste Mal in die Pfarre eingesprungen kam ; und Peter Kurze zog die Augenbrauen in die Höhe und antwortete mit salbungsvoller Stimme . » Verehrungswürdiger Gutfreund , dessen Namen ich nicht auszusprechen wage , das Heu beider Bündel duftet süß . So dächte ich , natur- und vernunftgemäß , wir genössen von beiden . « Von beiden ! Mit Peter Kurzen war freilich ernsthaft keine Sache abzusprechen , im Spaße aber traf er manchmal den Nagel auf den Kopf . Von beiden ! Oftmals dachte Dezimus an sein weißes Fräulein , wennschon er ahnete , daß Lydias Ratschluß nicht anders lauten würde als : » Entsage ! « Was verlangte er denn aber Besseres als eine unumstößliche Richtschnur für seinen Willen ? Ja , gewiß , er würde dieser Meisterin in der schwersten aller Lebenskünste blindlings nachgeeifert haben , hätte er nur ohne Zudringlichkeit sich irgendwo und wie bei ihr Gehör zu verschaffen gewußt . Allein er hatte seit jenem verhängnisvollen Tage sie nur dann und wann aus der Ferne gesehen , wenn sie im Morgengrauen oder Abenddämmer vor ihres Vaters Grabe stand . Sie war eine Nonne geworden und ihr Bereich in Wahrheit zu einem Kloster . Ihre Mutter genas allmählich im Laufe des Sommers . Obgleich sie bewußtlos auf dem Fieberbette gelegen , hatte dennoch die Zeit ihr linderndes Wunder an der sanften Seele gewirkt , und nun stumpfte die Ermattung das Herzeleid ab . Ihre Umgebungen , ihre äußere Lage waren die gewohnten geblieben ; nichts fehlte als der , dessen Qualen sie seit Jahren in der Stille qualvoll mitempfunden hatte , und der war selig bei seinem Herrn . Für eine Ottilienseele ein erträglicher Schicksalsschlag ; unter einer schweren Mutterlast wäre sie zusammengebrochen . So fand sie sich denn auch leichter , als man gefürchtet hatte , in die Trennung von ihrem Liebling , welche gemäß des Vaters letztem Willen in dieser Zeit stattzufinden hatte ; leichter zumal auch dadurch , daß der ungestüme Knabe sich aus der Eintönigkeit des Trauerhauses bereitwillig in einen neuen Zustand versetzen ließ . Phöbe war schon zu Ostern von dem Vater eingesegnet worden ; der bisherige Informator schied daher aus der Familie , um in einer kleinen lutherischen Gemeinde der alten Heimat das Seelsorgeramt zu übernehmen . Martin war zu seinem Regiment zurückgekehrt ; nur seine beiden jüngsten Schwestern wurden dann