! Wenn ich sie vor Jahren Ihnen zugeführt hätte , vor Monaten noch - - « » Und wenn es noch jetzt nicht zu spät wäre , mein Freund ? « fragte ich . Er aber schüttelte den Kopf und antwortete : » Es ist zu spät . « Ich versprach ihm darauf , die Nacht bei Dorothee zu wachen , und bat ihn , für einige Stunden die Ruhe zu suchen , deren er so dringend bedürfe . » Auch ich werde Ihnen folgen , « sagte er und ging nach einem wehmütigen Blick auf die Schlummernde in sein Zimmer . Von Viertelstunde zu Viertelstunde erschien er indessen lauschend unter der Tür , bis er endlich mit dem Entschlusse , schlafen zu wollen , in ein paar Stunden ungestörter Ruhe die erschöpften Kräfte wiederfand . Ich saß allein bei der Kranken , ihre Hände in den meinen , und Gott weiß ! in welchem Aufruhr der Gedanken ! Was für eine Ironie in dem beglückenden Wahne des getäuschten Mannes ? Was für eine Strafe in dem gräßlichen Wahne der täuschenden Frau ! Aber sie lag so still , sie atmete so gleichmäßig leise ; sollte es wirklich zu spät sein , Wahrheit und Frieden an Stelle der Irrung walten zu lassen ? Nein , ich hoffte noch , hoffte noch , als ich mich beim grauenden Morgen erhob , um die Lampen zu löschen und die Fensterbehänge zurückzuziehen . Als ich aber nach wenigen Minuten auf meinen Platz zurückkehrte , da gewahrte ich jene plötzliche , unbeschreibliche Wandlung , welche jede Hoffnung vernichtet . Ich hätte Siegmund Faber herbeirufen mögen zum letzten Lebewohl . Aber Dorothee schlug jetzt die Augen zu mir auf , nicht mehr im Flimmer des Wahns , nein , die fragenden Kinderaugen aus ihrer schuldlosen Zeit . Sie tastete nach meiner Hand und flüsterte in mein Ohr : » Glaubst du , daß Gott barmherzig ist , Hardine ? « » Ich glaube es , Dorothee , « antwortete ich bestimmt . » Auch gegen eine , die nicht mehr Vater zu ihm sagen darf ? « » Gegen jedes schwache , irrende Geschöpf , das sich nach seiner Vaterliebe sehnt . « » Und er lebt , hast du gesagt , er lebt ? « » Er lebt , und ich werde meine Augen über ihn halten und ihm sagen , daß im Vaterreiche eine liebende Mutter seiner Heimkehr harrt . « Kaum hatte ich diese Worte gesprochen und Dorothee mit letzter Lebenskraft ihre Lippen auf meine Hand gedrückt , als Siegmund Faber in das Zimmer trat und mit einem herzdurchdringenden Schrei an dem Sterbebette niederstürzte . Sie schlug das brechende Auge noch einmal zu ihm auf , ein letztes Beben erschütterte den halberstarrten Leib . » Faber ! « röchelte sie . » Barmherzigkeit , Faber ! Herr , mein Heiland , Barmherzigkeit ! « Und alles war zu Ende . Ich entfernte mich unbemerkt . Als ich aber nach etlichen Stunden wiederkehrte , um Abschied von dem Freunde zu nehmen , da fand ich ihn noch auf der nämlichen Stelle , umklammernd die tote Gestalt , die er bis zum letzten sein Kind und nicht einmal sein Weib genannt hatte . Doch faßte er sich , sobald er mich bemerkte , und begleitete mich aus dem Sterbezimmer , nachdem ich mit einem langem Blicke von dem auch im Tode noch schönsten Weibe Abschied genommen hatte . » Solange ich lebe , Fräulein Hardine , « sagte er » werde ich Ihnen diese sanfte Erlösungsstunde danken . Sie war meine Lebensfreude , mein ganzes Glück ! « Ich trennte mich von Siegmund Faber mit dem heiligen Vorsatz , die Erinnerung an seinen Sonnenstrahl rein zu erhalten vor jedem trübenden Hauch . Meine Seele war erfüllt von dem Schauerbilde einer beleidigten und sich rächenden Natur , aber auch - ich sehe deine Tränen fließen , mein Kind ! - , aber auch von einem Versöhnungsglauben , wie ich ihn niemals stärker an einem Sterbebette empfunden habe . Sie hatte den Frevel gegen Gottes ewige Ordnung erkannt und mit allen Qualen eines armen Menschenherzens hienieden gebüßt ; der Wahn war dem Leben voraus geflüchtet , mit dem Flehen , in dem sie geschieden ist , wird sie jenseit begonnen haben und Vater sagen dürfen , den wiedergefundenen Sohn an ihrer Hand . In dieser Stimmung nahm ich es als eine trostreiche Erfüllung , daß ich bei meiner Heimkehr nach Reckenburg alsobald an ein zweites Sterbebett berufen ward , zu einem Scheiden , so klar und gefaßt , wie das tapfere Herz es sich dereinst , wenn auch in mächtigerer Umgebung , gewünscht hatte . » Fräulein Hardine , « rief mir August Müller entgegen , » Sie sind nicht meine Mutter , ich weiß es jetzt , denn der Tod macht hell . Vergeben Sie mir die Unehre , welche meine Torheit über Sie verbreitet hat . « » Du suchtest eine Mutter und irrtest in gutem Glauben . Du hast mich nicht beleidigt , August , « versetzte ich aufrichtig , indem ich ihm die Hand reichte . Er drückte sie kräftig , lag eine Weile in Nachdenken versunken und sagte dann : » Eins noch , Fräulein Hardine : jene weiße Frau mit dem gelben Haar , die ich bei der Leiche Ihres Vaters sah , ist sie - ? « » Sie war deine Mutter , August . Sie ist dir in Liebe vorangegangen . Ich aber werde an ihrer Statt für deine Tochter Sorge tragen . « Einschaltung des Herausgebers Ja , unser tapferer Invalid ist tot ! Drei Tage , nachdem er hoffnungstrunken das Waldhaus Muhme Justines wiedererkannte , ist er dahin , und wohl ihm ! rufen wir ihm nach . Wir hätten ihm den Todesstreich von einem Türkensäbel gegönnt ; aber zehn Friedensjahre hatten sein Lebensmark aufgezehrt . Nun starb er rasch , wie er gelebt , gut gepflegt auf heimischem Grund , und sein brechender Blick fiel