Mutter Möller , die Kuchenfrau in der Rathhaushalle , die ihren Kram sonst mit dem Glockenschlage fünf zusammenpackte , that es jetzt regelmäßig schon um ein halb fünf , weil sie behauptete , es wehe sie nach Dunkelwerden immer wie eitel Leichengeruch an , und das Laken auf ihrem Tische flattere so hin und her , daß es unmöglich mit rechten Dingen zugehen könne . Dagegen versicherte Vater Rüterbusch , der Nachtwächter : er habe weder auf seinem Stand in der Halle , noch in dem Gäßchen etwas Besonderes bemerkt , nicht einmal zwischen zwölf und ein Uhr , wo es doch von Amts wegen spuken dürfe , geschweige denn zu andern Stunden . Indessen war man mehr geneigt , der alten Kuchenfrau , als dem noch älteren Nachtwächter zu glauben , da die Erstere , wenn sie auch je zuweilen einnicke , doch im Ganzen mehr wache als schlafe , während von dem Letztern die Stammgäste des Rathskellers , welche nächtens an seinem Posten vorüber mußten , einstimmig das Gegentheil aussagten . Die Stammgäste des Rathskellers kränkten durch solche Rede das gute Herz von Vater Rüterbusch tief und bitter , widerlegten ihn aber nicht . » Denn sehen Sie , « sagte Vater Rüterbusch , » zum Exempel schläft ein vereidigter Nachtwächter überhaupt niemalen , sondern stellt sich zum Exempel schlafend , um gewisse Herren nicht in Verlegenheit zu setzen , die sich vor mir altem Manne ob ihres lüderlichen Lebenswandels schämen müßten . Posito bin ich bereit , meine Aussagen auf meinen Diensteid zu nehmen , und das können die Herren nicht . Denn wenn auch manche von ihnen , zum Exempel der Rathszimmermeister Karl Bobbin , bereits zwanzig Jahre lang allabendlich , perspective allnächtlich , denselben Weg kommen , perspective gehen , so ist eine Gewohnheit doch kein Amt : ich zum Exempel habe noch nie gehört , daß die Stammgäste des Rathskellers vereidigt wären oder würden , und habe doch schon letzte Ostern mein fünfzigjähriges Jubiläum gefeiert und bin mit Karl Bobbin seinem Vater , der zum Exempel auch schon nichts getaugt hat , zusammen in die Schule gegangen . « Dem sei nun wie ihm wolle ; darüber herrschte während der Wintermonate von dreiunddreißig auf vierunddreißig in Uselin nur Eine Meinung , daß , wenn es im Rathhausgäßchen nicht geheuer sei , sich , wie die Dinge nun einmal lagen , kein Mensch darüber wundern könne . Die Dinge aber lagen schlimm und für Niemand schlimmer als für mich , der ich , wie von Jedermann zugegeben wurde , weitaus die Hauptperson in dem großen Contrebande-Prozesse war , zu dem sich - Dank dem inquisitorischen Genie des Untersuchungsrichters , Justizrath Heckepfennig - eine in meinen Augen so unendlich einfache Sache mittlerweile entwickelt hatte . Als ob es nur im allermindesten darauf angekommen wäre , wie die Sache in meinen Augen aussah ! Als ob es sich irgend der Mühe verlohnt hätte , zu untersuchen , was ich denn eigentlich gewollt ! Aber nein ! Ich will dem Justizrath Heckepfennig und dem Correferenten , Justizrath Bostelmann vom Obergericht , nicht unrecht thun ! Sie kümmerten sich wohl sehr eifrig darum , nur daß sie leider die Wahrheit nie finden wollten , wo sie lag und wo ich sie dieselbe suchen ließ . Weshalb war ich von meinem Vater fortgegangen ? Weil er mir die Thür gewiesen ! - » Ein schöner Grund ! Zornige oder erzürnte Väter weisen ihren Söhnen oft die Thür , ohne daß es den Söhnen einfällt , in die weite Welt zu laufen . Da steckte ohne Zweifel mehr dahinter . Man wollte vielleicht fortgeschickt sein ? « - » Ich gebe das gewissermaßen zu . « - » Sie geben es vielleicht unbedingt zu ? « - » Ich gebe es unbedingt zu ! « - » Sehr gut ! Herr Actuar , notiren Sie gefälligst die Aussage des Inquisiten , der unbedingt zugiebt , er habe von seinem Vater fortgeschickt sein wollen . - Und wo und wann haben Sie die Bekanntschaft des Herrn von Zehren gemacht , die erste Bekanntschaft ? « - » An dem Abend bei Schmied Pinnow . « - » Hatten Sie ihn nie zuvor gesehen ? « - » Nicht daß ich wüßte . « - » Auch nicht bei Schmied Pinnow ? Derselbe behauptet , Herr von Zehren sei so oft des Abends bei ihm gewesen und Sie ebenfalls , daß es mit einem Wunder zugehen müßte , wenn Sie sich nicht vorher schon einmal getroffen hätten . « - » Das lügt Pinnow und er weiß sehr gut , daß er lügt . « - » Sie bleiben also dabei , daß Ihr Zusammentreffen mit Herrn von Zehren ein rein zufälliges war ? « - » Allerdings . « - » Wie viel Geld hatten Sie bei sich , als Sie Ihren Vater verließen ? « - » Fünfundzwanzig Silbergroschen , wenn mir recht erinnerlich ist . « - » Und hatten Sie irgend eine Aussicht , ein dauerndes Unterkommen zu finden ? « - » Nein . « - » Sie hatten keine derartige Aussicht , hatten fünfundzwanzig Silbergroschen im Besitz , legten es darauf an , daß Ihr Vater Sie fortschickte , und behaupten noch , daß Sie an dem bewußten Abende mit dem Manne , bei dem Sie sofort Aufnahme fanden , bei dem Sie bis zur Katastrophe geblieben sind , zufällig zusammentrafen ? Sie sind scharfsinnig genug , einzusehen , wie unwahrscheinlich dies ist , und ich frage Sie deshalb zum letzten male , ob Sie auf die Gefahr hin , Ihre Glaubwürdigkeit schwer zu verdächtigen , obige Behauptung aufrecht zu erhalten versuchen ? « - » Ja . « Justizrath Heckepfennig warf Herrn Actuarius Unterwasser einen Blick zu , als wollte er sagen : Begreifen Sie diese Unverschämtheit ? Herr Actuarius Unterwasser lächelte mitleidig und schüttelte wehmüthig den Kopf und rasselte mit der Feder über das Papier , als sei es für ihn eine moralische Beruhigung ,