schrie das Mädchen und sank auf die breite Ofenbank zurück . Das Mathisle stand lange stumm und bewegungslos , als ob es sich auf das eben Vorgegangene besinne . Dann wollte es sehen , was dem Kinde fehle , welches wie leblos auf der Bank lag . Da bellte der Hund noch wilder . Wer um Gottes willen kam denn jetzt ? Es eilte , wieder mit dem Stuhl bewaffnet , ans Fenster und sah nun den Krämer mit einem überkindeten Bauern vorüber- , vermutlich seinem Walde zu schreiten . Die beiden warfen dem treuen Wächter Steine nach und machten ihn so wütend , daß ihn auch das noch immer zitternde Mathisle kaum zu beschwichtigen vermochte . Bis es ihm gelang , unbemerkt an den Vorübergehenden das aufgeregte Tier zu sich ins Haus zu locken und zum Schweigen zu bringen , hatte sich seine Stimmung bedeutend gemildert . Mit einer gewissen Scheu ging er langsam in die Stube zurück , wo er Dorotheen noch gerade so traf , wie er sie - nach seinem Dafürhalten schon vor langer Zeit - verlassen hatte . So leise wie nur möglich setzte sich der Mann auf die knarrende Bank und wagte kaum zu atmen , bis das Mädchen , endlich sich langsam aufrichtend , wie im Traume sagte : » Ach Gott , wie war das eine böse , eine schreckliche Stunde ! « » Ich bin weit getrieben worden « , stammelte der Vater . » Ich will und muß auch Gewalt brauchen , wie der Krämer . Der aber hat ' s angefangen und ist viel der größere Sünder als ich ; den müßte Gott zuerst , lange vor mir strafen . Einmal hab ' ich an die Gerechtigkeit geglaubt , jetzt aber weiß ich , daß man sich selber helfen muß , so gut oder so schlecht man kann . « » So will ich meinen Vater nun nicht mehr hören ! « rief Dorothee . Mit furchtbarer Kraftanstrengung sprang sie auf und verließ die Stube . Der Vater suchte sie nicht mehr daran zu hindern . » Wir haben uns verstanden « , sagte er scharf . » Gewalt für Gewalt , wenn die göttliche Gerechtigkeit schläft . Solang die Reichen mit den Menschen machen , wie sie wollen , solange Gott dem Krämer sein Handwerk nicht legt , gilt zwischen uns , was wir eben ausgemacht haben . « Unter der Stubentür kehrte Dorothee sich noch einmal um und schien etwas sagen zu wollen . Sie warf einen langen , wehmütigen Blick in die dunkle , unfreundliche Stube . Dann plötzlich drehte sie sich um und verließ das Häuschen so schnell , als ob der Boden unter ihren Füßen zu brennen begonnen hätte . Einundzwanzigstes Kapitel Wie Dorothee die Lossprechung bekommt Als Dorothee wieder im Freien war und sich von einem frischen , kräftigen Lufthauch angeweht fühlte , wollte das eben Erlebte ihr nur noch wie ein schrecklicher Traum vorkommen . Hatte sie so Ungeheures wirklich gesehen und gehört , oder war es nicht vielmehr eine Vorstellung aus jenem Zustande , in dem sie ziemlich lang auf der breiten Ofenbank gelegen sein mochte ? Sie besann sich , wie es denn vorher gewesen , bis sie wirklich den Vater wiedersah mit dem Stuhl in der Hand und seine Worte nochmals zu hören meinte . Es war aber alles das so - närrisch , daß sie selbst diesen Vorstellungen , wie sie sie auch erbeben machten , noch immer nicht glauben wollte . Das fromme Mädchen war , wie beinahe jede Bregenzerwälderin , von der Schule auf gewöhnt , in allen Ereignissen einzig bloß Belohnung und Strafe des gerechten Gottes zu sehen . Das heutige Erlebnis aber wußte sie mit nichts aus ihrer Vergangenheit in Zusammenhang zu bringen . Hatte sie , der traurigen Lage der hilflosen Ihrigen gedenkend , sich in der letzten Zeit auch als Herrin auf dem Stighofe gewünscht , so tat sie das gewiß niemals aus Selbstsucht , und es war zu hart , daß der Vater , für den sie sich opfern wollte , sogar an den guten Jos zu denken verbot . Unrecht , ja wohl sogar Sünde - das gestand sie sich nach langer , sorgfältiger Gewissenserforschung - war es freilich gewesen , daß sie schon ganz im Ernste an eine Verehelichung mit Hansen dachte . Sie schätzte den Burschen - und vermutlich nur der erhaltenen Wohltaten wegen - zu hoch und verzieh ihm zu viel . Hatte sie es doch noch gar für eine Gnade gehalten , daß er sie nicht aus dem Dienste jagte , nachdem sie ihm wegen seiner Treulosigkeit gegen Jos ein wenig die Meinung gesagt . Und schon vor Jahren fand sie es ganz in der Ordnung , daß der Bruder seine Freiheit , seine Zukunft um ein Sündengeld an den reichen Burschen verkaufen mußte . War ' s zum Verwundern , wenn man jetzt , wo das erhaltene Geld verbraucht sein mochte und sich an Hansjörgen die Folgen jenes Bluthandels zeigten , vom Stighof einen weiteren Ersatz zu fordern sich berechtigt wähnte ? Mußten Vater und Bruder nicht annehmen , sie betrachte Hansen schon als den Künftigen , da sie nicht ein tadelndes Wort für jenen bedauerlichen Handel hatte ? Sie hätte mit Zusprechen und Bitten das alles verhindern können . Auch der Bruder war , wie sie , zu einem furchtbaren Eide gezwungen worden , der alle seine Hoffnungen zerstörte und ihn , den trotzig gewordenen , zum Kriege trieb gegen die gesellschaftliche Ordnung . Nun hatte das Mädchen die Schuld gefunden , welche es büßen zu müssen meinte . Schaudernd blickte es zum tiefblauen Himmel empor und dankte dem Gerechten für diese Erkenntnis , die ihm in diesem Augenblicke wirklich ein großer Trost war und Kraft verlieh , auch dem Ärgsten mutig und voll Vertrauen auf den weisen Leiter der Menschenschicksale entgegenzugehen . Jetzt mußte sie die Folgen früherer Herzlosigkeit tragen ; einmal hätte sie es anders machen können . Freilich wäre dadurch all