und fühlten sich sehr unbehaglich . Der Leutnant Rudolf ließ sich nicht blicken ; im Grünen Baum , wo sich Hans erkundigte , wußte niemand Bescheid von ihm zu geben : im Hause des Geheimen Rates wurde sein Name niemals erwähnt ; ob Franziska Nachricht oder Briefe von ihm erhielt , blieb für Hans unklar . Wenn es der Fall war , so mußten sie ihr jedenfalls wenig Trost geben . Hans Unwirrsch fühlte sich täglich jenem Star ähnlicher , der in » Yoricks sentimentaler Reise « an den Stäben seines Käfigs rüttelt und jammert : » Ich kann nicht heraus ! Ich kann nicht heraus ! « Um die alten Leute in der Heimat nicht zu beunruhigen , hatte er immer an sie gemeldet , daß es ihm gut , sehr gut gehe , daß er nach seinem Wunsche in einer großen Stadt unter vielen Menschen und in einem vornehmen Hause lebe , und dergleichen mehr . Aber es ging ihm nicht gut ! Er konnte nicht heraus aus dem verzauberten Kreis , den das Schicksal um ihn her gezogen hatte . Er fühlte , daß die Zeit nicht fern sei , wo er Moses Freudenstein hassen , wo er Franziska Götz - lieben werde , und er befand sich auf einer ewigen Flucht vor seinen eigenen Gedanken . Es ging dem armen Hans Unwirrsch gar nicht gut . Der Sommer war frostig und regnicht ; eine mit dem Doktor Stein verabredete Badereise wurde von der Familie aufgegeben ; man blieb zu Hause , um grämlich und langweilig auf den triefenden , tröpfelnden Park und die kotigen Spazierwege hinauszusehen oder um mit Theophile , dem Professor Blüthemüller und einer langen Reihe ähnlicher Bekannten und Freunde beiderlei Geschlechts die Tage in gewohnter , winterlicher Weise hinzubringen . Kleophea wäre ohne den Doktor Theophile in einem solchen Sommer verloren gewesen ; sie würde erst ihre Mama , dann den holden Aimé und zuletzt sich selbst umgebracht haben . Theophile aber erzählte ihr jetzt , wenn die Mama nicht anwesend war , Pariser Geschichten und erhielt sie sowie die beiden lieben Angehörigen dadurch am Leben . Unter den strengen Augen der Geheimen Rätin unterrichtete der Hauslehrer nach wie vor den Sohn des Hauses und duldete schrecklich . Er fing allmählich an , auch körperlich sich unwohl zu fühlen , litt an Schwindel und Kopfweh und wurde von Tag zu Tag mehr zum Hypochonder . Er litt am Herzen und wußte es , aber mehr und mehr bildete er sich auch ein , an der Lunge zu leiden , fragte jedoch wenig danach . Er hatte keinen Hunger mehr nach irgendeinem Dinge ; nur dem Fränzchen hätte er sein ganzes Herz klar darlegen mögen , und dann - dann ? Einerlei ! Der Tod war ja Ruhe , und Ruhe , Ruhe wünschte sich Johannes Unwirrsch , den Moses Freudenstein den » Hungerpastor « genannt hatte . Es war ein Sonnabendnachmittag in den letzten Tagen des Augusts , und es hatte wieder einmal vom frühesten Morgen an unaufhörlich geregnet . Am Fenster seines Stübchens saß Hans , dessen Kopfweh heute heftiger als gewöhnlich war und der Gott dankte , daß er heute keine Lektionen mehr zu geben hatte . Der Zögling befand sich im Zimmer der Mutter und zerfetzte zu den Füßen des Doktor Stein ein schönes Bilderbuch , welches dieser Herr ihm mitgebracht hatte . Der Doktor Stein hatte für Aimé sehr häufig irgendein Spielzeug oder dergleichen in der Tasche ; er wußte , daß es in der Diplomatie nichts Großes und nichts Kleines gibt . An diesem Sonnabendnachmittag , an welchem Kleophea Götz trotz der geistreichen Unterhaltung Theophiles mürrisch war und blieb , an diesem Tage , an welchem der Kandidat Unwirrsch von seiner baldigen Auflösung fest überzeugt war , an welchem es nicht nur draußen , sondern bis tief in seine Seele hinein regnete , an diesem Sonnabendnachmittag erhielt der Kandidat Unwirrsch von der Post ein Paket aus Neustadt , künstlich geschnürt und nicht nur mit Siegellack , sondern auch zu größerer Vorsicht mit Pech verpicht , ein Paket , das Jean mit Ekel und Verachtung auf den nächsten Stuhl neben der Tür fallen ließ . In diesem Paket befanden sich ein Paar neuer Stiefel von Rindshaut , ein Schächtelchen mit halbwelken Blumen , ein Brief von der Base Schlotterbeck und ein Brief von dem Oheim Nikolaus Grünebaum . Des Oheims Schreiben aber ging folgendermaßen seinen Weg : » Hochzuverehrender Nevö , insbesonderegeliebter Herr Theologus Kantidatiä , Studio und Hauspräzeptor , Wohlgeboren ! Insbesondere von wegen dem nassen Sommer , das ewige Geregne , dem Dreck und die verwandtschaftliche Liebe und Affektion übersende ich ein Paar Stiebeln mit doppelte Sohlen und dem Wunsch , daß sie mit Gesundheit verrissen werden möchten . Lieber Hans ! Es freut mich sehr , zu vernehmen , daß Du noch bei Kräften bist , und ich danke für die gütigst zum Präsent geschickte Weste und Dabacksbeutel mits Porträt vom Mohrenkönig . Mir gehts hundeübel und elend , man wird älter mit jedem Tage , der Magen will nicht mehr fort , und die Augen sind auch nichts mehr wert , und auf der Brille habe ich mir vorgestern hingesetzt , weswegen ich von wegen diesem Brief um Verzeihung bitte , wenn er nicht zu lesen sein sollte . Dein Vater hats ganz recht gemacht , daß er früh abgefahren ist aus diesem Jammertal . Was will der Mensch drin , wenn er sich den letzten Zahn an einer trockenen Brotrinde ausgebissen hat und der Podagra in seine Zehen murxst ; welches mich darauf bringt , daß der Nachbar Murx auch erlöst ist , und ich habe sein Spanisches erstanden in der Auktion . Lieber Hans , sonsten gehts gut und wir sind ganz fidel ; aber der alte Bieräugel im Roten Bock hats Geschäft abgegeben an seinen Sohn , so das Haus verputzt hat innerlich und auswendig und Dapeten eingeklebt hat und Bilder in goldem Rahmen aufgehängt hat undn großen Spiegel ; weswegen das