verrieth , erkennen wir sie . Es ist Lucinde ... Drei Jahre älter , als wir sie verlassen haben . Sie trägt das dunkle Haar in Flechten wie sonst , aber mit einem hohen Thurm , wie eine Krone ; ihr Wuchs ist hoch wie sonst , aber elastischer in der Haltung ; ihre Augen sind glühdunkel , doch etwas spitz und stechend ; ihr Lächeln verschönt noch immer die frühern plastischen Formen der Nase , der Lippen , des Kinns , aber zuletzt verliert es sich in eine Bitterkeit um die Mundwinkel ; ihr Unternehmungsgeist scheint wiedergekehrt , wie in der Zeit , wo sie zu Pferde saß ; das ganze Wesen hat die alte Unreife und Unfertigkeit verloren , womit freilich auch der Reiz des Mädchenhaften abgestreift ist . Lucinde ist eine Dame geworden , zu deren Erscheinung unzertrennbar die Glacéhandschuhe zu gehören scheinen , die sie selbst während des Essens nicht abzieht . Mit einer an ihr uns ganz neuen Versunkenheit in sich selbst , die auf eine mächtige innere Gedankenarbeit schließen läßt , hat sie bald das bestellte und von Kellnern gebrachte Mahl mechanisch eingenommen . Zur letzten Schüssel war der Wirth zurückgekehrt und hatte auch den verlangten Wagen in Aussicht gestellt . Kennen Sie den Pfarrer von St.-Wolfgang ? fragte sie . Von St.-Wolfgang ? Gewiß ! Es ist ein Herr von Asselyn ? Von Asselyn ! Was wissen Sie von ihm ? Man nennt ihn einen Heiligen ... Ist er ' s nicht ? Einen jungen Mann kann noch keiner einen Heiligen nennen ! Warum nicht ? Wer heilig genannt werden will , muß sich ' s in der Jugend verdienen ; im Alter sind wir alle Heilige ! Ein curioses Gespräch , das den Wirth lachen machte . Der Wirth sprach fort , nur um zu sprechen oder die Fremde ferner so spaßhaft antworten zu machen . Er erzählte , daß die Dame in St.-Wolfgang zu einem Leichenbegängnisse ankommen würde . Kein gutes Omen ! Wer ist gestorben ? fragte sie . Ein Häusler , den die Leute in der Gegend für reich hielten , ohne daß er einen Pfennig mehr hinterlassen hat , als zu seinem Begräbniß nöthig sein wird . So werden an seinem Grabe keine lachenden Erben stehen ! Lucinde war mit ihren Speisen schon fertig und wählte sich bereits von dem schönen Obst aus , das ihr auf einigen Tellern zum Dessert gebracht worden war . In der kurzen , ihr jetzt eigenen inquisitorischen Art fragte sie , eine Birne schälend : Wie konnte man einen Häusler für reich halten ? Man schickte ihm , erzählte der Wirth , was er brauchte , aus Welschland oder der Schweiz . Das übertrieben dann die Leute ! Er hinterließ nichts als einen Sarg , den er sich selbst gezimmert hat . Er war nur in die Sechzig gekommen . Seinen eigenen Sarg ? fragte Lucinde und biß in die Birne . Man erzählt ' s , berichtete der Wirth . Den Sarg hat der alte Mevissen , so hieß er , in St.-Wolfgang in seiner eigenen Stube gehabt , hat auch drinnen schon seit Jahren geschlafen . Der Pfarrer hat ihm feierlich versprechen müssen , ihn auch in diesem Sarge zu begraben und zu weihen . Er hat ihn wirklich sich selbst gezimmert ! Da nichts Unheiliges dabei sein soll , so wird er wol heute gegen Abend in die Erde kommen in diesem seinem selbstgezimmerten Sarge . Hm ! Hm ! Ei ! Ei ! sagte Lucinde . Der Wirth bemerkte , daß sie ein scharfes Lächeln durch ihre Mienen spielen ließ . Warum lachen Sie ? fragte er . Wenn der Mann vermögend war und sich um keine Erben kümmern wollte , so würd ' ich die Wände des Sarges untersuchen lassen . Es gab schon manchen Geizhals , der seinen Mammon in die andere Welt auf diese Art mit hinübergenommen hat ! Damit wählte sie zum Schälen eine zweite Birne . Sie warf sie weg , weil sie darin einen Wurm fand . Als sie von Würmern murmelte , konnte es ebenso sein als sagte sie : Die andere Welt ... ich meine die Würmer ! Der Wirth mußte seine Teller , die er eben wegnehmen wollte , niedersetzen vor Befremden über diese Erklärung wegen des Sarges . Der Einfall der so kurz angebundenen Dame kam ihm nicht unwahrscheinlich vor und schon hatte er eine weitere Ausführung der Vermuthung begonnen , als er durch einen langgezogenen Ruf dicht in der Nähe unterbrochen wurde . Man hörte die Worte rufen : Figuri kauf ! Figuri kauf ! Ein italienischer Gipsverkäufer ging mit einem Knaben unten an der Balustrade vorüber und bot hinaufgrüßend seine Waare an , die er und sein Begleiter auf den Köpfen trugen . Diese Leute setzen bekanntlich voraus , daß man in einem Postwagen selbtsechs reisen kann und doch noch Platz findet , sich die Gruppe des Laokoon mitzunehmen . In Venedig rennen die Fischer den Fremden nach und bieten ihnen Frutti di Mare an , Seespinnen , Quallen und Krebse , die man , frisch wie sie vom Lido kommen , in ein Taschentuch binden und in seinem Hotel sich kochen lassen soll . Miracolo ! rief Lucinde den ältern Italiener an , ihres Gesprächs über den Sarg und die Wirkung auf den Wirth vom Weißen Roß nicht weiter achtend , Miracolo ! Si vede che venite direttamente dalle Santa Casa di Loretto ! Sie deutete auf die nur mit Gegenständen religiöser Verehrung geschmückten beiden Tragbreter der Verkäufer . Und noch ehe der Italiener erwiderte , fuhr sie fort : Nessuna Minerva ! Ne Amore col arco ! Tutti santi del Cielo ! Nach der keine Antwort schuldig bleibenden Weise seines Volks erwiderte der Figurenhändler bejahend und lächelnd : Si ! Si , Signora ! Siamo in un mondo pieno di peccati ! Sein Kleiner rief dazwischen : Figuri kauf ! Lucinde erhob sich und betrachtete die Heiligen und Muttergottesbilder , die theils von geringem