ich fragte , wohin man mich verlange , wer erkrankt sei ? Ich selbst bin krank zum Sterben und ich wollte , ich wäre todt , antwortete der Unbekannte . Ich sah ihn prüfend an . Eine verfallene Gestalt , verfallene Züge und wenig , fast ergrautes Haar - obgleich der Mann so alt nicht schein , um diesen gänzlichen Verfall zu rechtfertigen . Sie kennen mich nicht mehr , oder wollen Sie mich nicht kennen ? fragte er höhnisch . Aber ich hatte ihn bereits erkannt , trotz der fast unglaublichen Veränderung in seinem Aeußern . Es war Ferdinand . Ich nöthigte ihn , sich niederzusetzen . Ich fragte nach seiner Frau . Nennen Sie das Weib nicht ! rief er und sein Gesicht zuckte krampfhaft . Mit dem Wenigen , das man mir als Almosen hinwarf , vermochte sie sich nicht zu begnügen . Ihre Vorwürfe , ihre Ansprüche brachten mich zur Verzweiflung . Ich war krank , ein Fieber nahm mir die Besinnung und diesen Zeitpunkt benutzte sie , mir Alles zu rauben , was ich noch besaß , und mich zu verlassen . Ich hatte ja nichts mehr zu verschenken , zu verschwenden ! sagte er , und wieder flog das krankhafte Zittern durch seine Züge . Ich sah , daß seine körperliche Erschöpfung aufs Höchste gestiegen war , und redete ihm zu , die Nacht bei mir zu bleiben , zu ruhen ; wir könnten das Nöthige dann am Morgen überlegen . Er betrachtete mich mit einem Mißtrauen , das mich befremdete , da er mich doch aufgesucht hatte , und sagte : Wollen Sie erst von der Familie Horn Verhaltungsbefehle holen ? Nun wußte ich , wie ihm beizukommen war . Es gelang mir , ihn zu beruhigen . Ich ließ eine Mahlzeit auftragen , denn er bedurfte dringend einer Erquickung . Mit gieriger Hast griff er nach den Speisen und brach dann , als er sich gesättigt hatte , in ein lautes Weinen aus . So komme ich in meine Heimath zurück ! rief er und fing darauf an , mir zu erzählen , wie er seit gestern fast keine Nahrung zu sich genommen , den Postwagen nicht verlassen hätte , aus Scheu , hier in der Nähe seiner Vaterstadt Bekannten zu begegnen . Auch hatte ich kaum , wovon eine Mahlzeit zu bezahlen , sagte er . Sie hat mir Alles genommen , ehe sie mich verließ . Als ich zum Bewußtsein erwachte , war ich allein , ein Bettler . Seit Monden war unser Credit erschöpft , Niemand wollte uns mehr borgen . Ich erfuhr , daß sie einem Russen gefolgt war , der ihr lange nachgestellt hatte und ihr glänzendere Aussichten versprach , als sie bei mir erwarten konnte . Ein Ring , den ich nie abgelegt und den ich jetzt verkaufte , bot mir die Mittel , sie zu verfolgen - doch bald sah ich die Thorheit dieses Unternehmens ein . Ich mag sie nicht wiedersehen . Eine unbezwingliche Sehnsucht trieb mich hieher . Ich will hier sterben , wo ich geboren und jung gewesen bin . Erschöpft fiel er in den Sopha zurück , und da ich absichtlich schwieg , schlief er bald ein , obgleich er heftig fieberte . Seitdem hat sich unverkennbar ein nervöses Fieber heraus gebildet und die Krankheit ist im Steigen . Er hat nur wenige klare Augenblicke , in seinen Phantasien aber spricht er mit dem tiefsten Haß von seiner Mutter , der er sein Unglück zuzuschreiben scheint . Wenn nicht besondere Zufälle dazwischen treten , hoffe ich auf seine Herstellung . Indessen halte ich es für rathsam , den Eltern die Anwesenheit Ferdinand ' s zu verbergen , bis er körperlich und geistig im Stande ist , ein Wiedersehen mit ihnen zu ertragen . Jetzt , da die Trennung von seiner Frau erfolgt ist , wird es uns ein Leichtes sein , ihn allmälig seinen Eltern und seinen früheren bürgerlichen Verhältnissen wieder zu geben . Beruhige Deine Frau deshalb und sage ihr , daß es ihm an der Pflege und Sorgfalt , die sein Zustand erfordert , nicht fehlen soll . Ich bürge dafür und hoffe , Dir bald tröstlichere Nachrichten geben zu können . Mit der Entschlossenheit , die William ' s ganzes Wesen charakterisirte , erklärte er gleich nach Lesung dieses Briefes sich bereit , nach Clara ' s Vaterstadt zu reisen , um nicht Eduard allein die Sorge für den Unglücklichen aufzubürden , und unter strömenden Thränen beschwor ihn seine Frau , sie mit zu nehmen , es ihr zu vergönnen , daß sie selbst die Pflege des Bruders übernehmen und seine Rückkehr in das väterliche Haus einleiten könne . Auch dazu war William geneigt , nur die Unmöglichkeit , mit den Kindern eine so schleunige Reise zu machen , wie sie hier erforderlich war , schien ihren Wünschen ein Hinderniß in den Weg zu legen , bis Jenny mit ihres Vaters Zustimmung sich erbot , die Kinder unter ihre Obhut zu nehmen und mit sich nach Hause zu bringen . So ward es beschlossen , noch an demselben Nachmittage abzureisen , und in trauriger Stimmung sah Clara der Stunde entgegen , in der sie zum ersten Mal sich von den Lieblingen ihres Herzens trennen sollte , während William und Jenny ihr Muth zusprachen und das Nöthige besorgten . Natürlich mußten Walter ' s persönliche Wünsche vor diesen Ereignissen in den Hintergrund treten . Jenny schien des vorigen Abends vergessen zu haben . Sie war eifrig um Clara bemüht und gönnte sich nicht eher Ruhe , bis sie die Freundin wohlversorgt auf dem Wege in die Heimath wußte . Dann ließ sie die Kinder in ihre Zimmer bringen , richtete sie dort gehörig ein und traf endlich zur Theestunde mit dem Grafen und ihrem Vater zusammen . Jetzt erst fühlte sie , wie sich seit gestern ihr Verhältniß zu Walter geändert hatte . Sie wußte nun , daß er sie liebte , und obgleich er ihr sehr werth war