Amme wieder das Wort : so etwas , Richard , hast Du nie gesehn . Wie die kleinen Händchen den Zügel fassen ! wie sie das Pferd zu regieren weiß , wie sie es tummelt ! und wie das kluge Thier jedem ihrer Winke sich fügt und unter ihr einher tanzt , schnell , gewandt , behend wie ein Sonnenstrahl , oder vielmehr wie ein Blitz . Das muß der Kaiser , die Kaiserin , der ganze Hof , meinetwegen die ganze Welt muß das sehn ! Weder die Welt , noch der Hof wird dieses wundervollen Schauspiels sich erfreuen , denn es giebt diesmal bei Beleja Tserkoff weder Revue noch Fêten , der Kaiser hat diesen Mittag alles wieder abbestellt , fiel Helena der in ihrem Lobe sich verjüngenden Amme lachend ein . Die Alte brach in bittre Klagen darüber aus , und Richard benutzte diesen Augenblick , um nochmals um nur eine ungestörte Viertelstunde mit Helena anzuhalten , doch abermals vergebens . Du siehst mich so glücklich ! wahrlich , nur Erfreuliches solltest Du heute von mir vernehmen , keine Frage sollte Dich belästigen , warum darf ich Dir nicht mittheilen , was mein ganzes Herz so freudig bewegt , warum Dir nicht zeigen , welche zentnerschwere Last ihm abgenommen ward ? bat er . Ich freue mich mit Dir , ohne den Grund dazu erfahren zu wollen ; erwiederte Helena freundlich aber fest , und Richard fühlte zum erstenmale durch den kalten Ernst , mit welchem diese wenigen Worte ausgesprochen wurden , sich verletzt . Unfähig , den Mißmuth gänzlich zu unterdrücken , der in ihm sich mächtig zu regen begann , eilte er sich zu entfernen , um Helenen zu verbergen , wie schwer es ihm falle den Zwang zu ertragen , der gerade in dem Augenblicke , wo er ihrer Theilnahme am bedürftigsten war , den Mund ihm verschloß . Wie immer , wenn das äußere Leben ihn drückte , führte sein Herz ihn zu seinem Freunde Stephan , obgleich er wenig Hoffnung hatte , bis zu ihm selbst durchzudringen . Diesmal fand er den Vorhof und die untern Räume des Hotels wunderbar verödet ; überall herrschte die ungestörteste Stille , keine lebende Seele ließ sich blicken , sogar der Portier hatte seinen gewohnten Platz verlassen . Unheimlich schaudernd , mit unhörbar leisem Schritte stieg Richard die breite Treppe hinan , ging durch die lange Reihe von Zimmern und Sälen , alle standen offen , alle waren öde und leer , bis er in die Nähe des zu dem Appartement der Gräfin gehörenden Vorsaals gelangte . Hier weiter zu gehen wagte er nicht ; Weihrauchdüfte quollen durch die verschlossene Thüre ihm entgegen , ein seltsam dumpfes Geräusch , wie unterdrücktes Weinen und Schluchzen vieler Stimmen wurde hörbar , er glaubte dazwischen den tiefen murmelnden Ton leise betender Priester zu unterscheiden , und fühlte von bangen Vorahnungen sich ergriffen . Jetzt flogen die Flügelthüren auf : er sah die ganze hier versammelte Dienerschaft des Grafen dicht zusammen gedrängt den weiten Vorsaal erfüllen . In Thränen , leise jammernd und schluchzend , lagen sie Alle auf den Knieen , tief gebeugt berührten ihre Häupter den Boden . Eine leichengleiche Gestalt wurde sorgsam zwischen den Weinenden hindurch getragen , Graf Stephan ; bis zum Unkenntlichen durch langen Schmerz entstellt , lag er in den Armen seiner Diener ; selbst einem Sterbenden ähnlich wankte Walter neben seinem geliebten Herrn einher , zu entkräftet , um einen Theil der Last auf sich nehmen zu können . Todt ! todt ! rief Richard , und eilte auf die entseelte Gestalt des seit vielen Wochen entbehrten Freundes zu . Ruhe ! Ruhe ! gebot der ihn zurückhaltende , ihm wohlbekannte Hausarzt : noch lebt er , aber ein einziger unvorsichtiger Hauch kann den schwachen Lebensfunken auf immer verlöschen . Blicken Sie dorthin , die Gräfin ist so eben verschieden , und gönnen Sie ihrem armen Freunde den todtenähnlichen Schlummer , die starre Gefühlslosigkeit , durch welche die immer gütige Natur über diesen fürchterlichen Augenblick ihm hinaushilft . Stephan hatte muthig bis zum letzten Hauche der Sterbenden ausgehalten ; seine zitternde Hand hatte die Augen zugedrückt , welche bis dahin die Sonne seines Lebens gewesen , und erst nachdem er dieses vollbracht , war er zusammen gesunken . Die Dienerschaft war als Zeuge des letzten , zum Übergange in die Ewigkeit sie einweihenden Sacraments , an das Sterbebette ihrer Herrin berufen worden ; die treuen Seelen hatten jede zu laute Äußerung ihres Schmerzes , aus Schonung für ihren Gebieter , bis dahin unterdrückt ; doch jetzt , da sie auch ihn anscheinend entseelt durch ihre Reihen tragen sahen , glaubten sie sich doppelt verwaist , und brachen in lautes herzzerreißendes Jammergeschrei aus . Richard warf einen Blick über die zum Boden gebeugten Häupter der Knieenden hinweg in das Sterbezimmer , dessen weit geöffnete Thüren die in schmerzloser Ruhe still da liegende Hülle der Freundin ihm zeigten , die als rührendes Beispiel duldender Ergebung ihm stets vorgeleuchtet , deren milde Rede , deren sanftes Auge , einst auch ihm Trost und Hoffnung in das Herz gesprochen . Der Tod hatte jede Spur der jetzt überstandenen herben Leiden vertilgt , die Anmuth in ihren Zügen war wieder erblüht , die in glücklichen Jugendtagen als eine der lieblichsten Erscheinungen sie bezeichnete . Das vom hellen Scheine hoher geweihter Kerzen beleuchtete Sterbezimmer , war ein heiliger Tempel geworden ; umgeben von Priestern in ihrem reichen , im Glanze der Kerzen hell schimmernden Ornate , schien ihr Lager , vor Kurzem noch der Zeuge unsäglichen Leidens , jetzt zum Altar umgewandelt , auf welchem sie selbst als das rührendste Bild einer schlummernden Heiligen ruhte . Ein Strahl belebenden Trostes dämmerte bei diesem Anblicke in Richards weherfülltem Gemüthe auf ; das Grab nebst seinem düstern Grauen vergessend , sah er hier nur den Eingang zum Hafen ewiger Ruhe , und sank weinend aber hoffend neben den laut jammernden Dienern auf die Kniee . Still nachdenkend saß Richard in der