zu meiner Überraschung erhielt ich Deinen Brief . Ich war gar nicht mehr gefaßt darauf , schon die ganze Zeit schreibe ich meine Blätter als ein verzweifelter Liebhaber , der sie dem Sturmwind preisgibt , ob der sie etwa hintrage zu dem Freund , in den mein krankes Herz Vertrauen hat . So hat mich denn mein guter Genius nicht verlassen ! Er durchsauset die Lüfte auf einem schlechten Postklepper , und am Morgen einer Nacht voll weinender Träume erblick ich erwachend das blaue Kuvert auf meiner grünen Decke . So tretet denn , ihr steilen Berge , ihr schroffen Felswände , ihr kecken , racheglühenden Schützen , ihr verwüsteten Tale und rauchenden Wohnungen bescheiden zurück in den Hintergrund und überlaßt mich einer ungemessenen Freude , die elektrische Kette , die den Funken von Ihm bis zu mir leitet , zu berühren , und unzähligemal nehm ich ihn in mich auf , Schlag auf Schlag , diesen Funken der Lust . - Ein großes Herz , hoch über den Schrecken der Zeit , neigt sich herab zu meinem Herzen . Wie der silberne Faden sich niederschlängelt ins Tal zwischen hinabgrünenden Matten und blühenden Büschen ( denn wir haben ja Mai ) , sich unten sammelt und im Spiegel mir mein Bild zeigt , so leiten Deine freundlichen Worte hinab zu mir das schöne Bewußtsein , aufbewahrt zu sein im Heiligtum Deiner Erinnerungen , Deiner Gefühle ; so wag ich ' s zu glauben , da dieser Glaube mir den Frieden gibt . - O , lieber Freund , während Du Dich abwendest vor dem Unheil trüber Zeit , in einsamer Höhe Geschicke bildest und mit scharfen Sinnen sie lenkest , daß sie ihrem Glück nicht entgehen , denn sicher ist dies schöne Buch , welches Du Dir zum Trost über alles Traurige erfindest , ein Schatz köstlicher Genüsse , wo Du in feinen Organisationen und großen Anlagen der Charaktere Stimmungen einleitest und Gefühle , die beseligen , wo Du mit freundlichem Hauch die Blume des Glücks erweckst und in geheimnisvoll glühenden Farben erblühen machst , was unser Geist entbehrt . - Ja , Goethe , während diesem hat es sich ganz anders in mir gestaltet . - Du erinnerst Dich wohl noch , daß die Gegend , das Klima meiner Gedanken und Empfindungen , heiter waren , ein freundlicher Spielplatz , wo sich bunte Schmetterlinge zu Herden über Blumen schaukelten , und wie Dein Kind spielte unter ihnen , so leichtsinnig wie sie selber , und Dich , den einzigen Priester dieser schönen Natur , mutwillig umjauchzte , manchmal auch tiefbewegt allen Reiz beglückter Liebe in sich sammelnd zu Deinen Füßen in Begeisterung überströmte . Jetzt ist es anders in mir , düstere Hallen , die prophetische Monumente gewaltiger Todeshelden umschließen , sind der Mittelpunkt meiner schweren Ahnungen ; der weiche Mondesstrahl , der goldnen Birke Duft dringen da nicht ein , aber wohl Träume , die mir das Herz zerreißen , die mir im Kopf glühen , daß alle Adern pochen . Ich liege an der Erde am verödeten Ort und muß die Namen ausrufen dieser Helden , deren schauerliches Geschick mich verwundet ; ich seh ihre Häupter mit Siegeslorbeern geschmückt , stolz und mächtig unter dem Beil niederrollen auf das Schafott . Ach Gott , ach Gott ! welch lauter Schrei der Verzweiflung durchfährt mich bei diesen einbilderischen Träumen . Warum muß ich verzagen , da noch nichts verloren ist ? - Ich hab ein Fieber , so glüht mir der Kopf . Auf dem tonnenförmigen Gipfel des Kofels , Speckbachers Horst , der schlaflos , keiner Speise bedürfend , mit besserer Hoffnung beflügelt , leicht wie ein Vogel schwebt über dem Augenblick , da es Zeit ist . Auf dem Brenner , wo Hofers unwandelbarer Gleichmut die Geschicke lenkt , die Totenopfer der Treue anordnet . Am Berge Isel , wo der Kapuziner den weißen Stecken in der Hand , alles erratend und vorbeugend , sich allen voranwagend , an der Spitze des Landvolks , siegbewußt über die Saaten niederjagt ins Tal . Da seh ich auch mich unter diesen , die kurze grün und weiße Standarte schwingend , weit voran auf steilstem Gipfel , und der Sieg brennt mir in den Gliedern , und da kommt der böse Traum und haut mit geschwungener Axt mir die feste Hand ab , die niederstürzt mitsamt der Fahne in den Abgrund , dann ist alles so öde und stumm , die Finsternis bricht ein und alles verschwunden , nur ich allein auf der Felswand ohne Fahne , ohne Hand , verzeih ' s , daß ich so rase , aber so ist ' s. Heute morgen noch mein letzter Traum , da trat einer zu mir auf dem Schlachtfeld , sanft von Gesicht , von gemessenem Wesen , als wär es Hofer ; der sagte mitten unter Leichen stehend zu mir : Die starben alle mit großer Freudigkeit . In demselben Augenblick erwachte ich unter Tränen , da lag Dein Brief auf dem Bett . Ach , vereine Dich doch mit mir , Ihrer zu gedenken , die da hinstürzen ohne Namen , kindliche Herzen ohne Fehl , lustig geschmückt wie zur Hochzeit mit goldnen Sträußern , die Mützen geziert mit Schwungfedern der Auerhähne und mit Gemsbärten , das Zeichen tollkühner Schützen . Ja ! Gedenke ihrer ; es ist des Dichters Ruhm , daß er den Helden die Unsterblichkeit sichere ! 6. Juni Gestern , da ich Dir geschrieben hatte , da war die Sonne schon im Untergehen , da ging ich noch hinaus , wo man die Alpen sieht , was soll ich anders tun ? Es ist mein täglicher Weg , da begegne ich oft einem , der auch nach den Tiroler Alpen späht . An jenem späten Abend , ich glaub es war in der Mitte Mai , wo Schwatz abbrannte , da war er mit auf dem Turm , da konnte er sich gar nicht fassen , er rang die Hände und jammerte leise