werther geworden , ohne daß er deßhalb größere Ansprüche an sie machte . Er erlaubt ihr gern , ihren Launen zu folgen , ihren Aufenthalt nach Belieben zu wählen , wenn sie nur zuweilen zu ihm zurückkehrt . Dieses thut sie und ist dann freundlich und angenehm , da sie bei Ottokar keinen Widerspruch antrifft . Im übrigen ist sie sich völlig gleich geblieben . Sie erklärt Rom für ein weites ödes Grab , in dem die Gespenster füglich bei hellem Tage herumwandeln könnten , und behauptet , die Lüneburger Haide sey in Anmuth der römischen Campagna bei weitem vorzuziehen . Deshalb lebt sie bald in Neapel , bald in Florenz oder Venedig . Einen Sommer brachte sie in der Schweiz zu , einen Winter in Paris , wo die Gräfin Rosenberg nach einem kurzen Besuch in Deutschland , sich für immer niedergelassen zu haben scheint . « Es ward noch vieles über Ottokars Leben in Rom gesprochen , von welchem Ernesto manche angenehme Einzelheiten zu erzählen wußte . Im fernern Laufe des Gesprächs bemerkte Frau von Willnangen bedauernd , wie wenig Aurelia doch eigentlich beitrage , dieses Leben zu verschönern . » Sie irren , theure Frau , « erwiderte schnell Gabriele , » oder vielmehr Sie vergessen , wie liebenswürdig Aurelia erscheinen kann , sobald sie es will , und bei Ottokar , diesem nachsichtigsten aller Menschen , muß sie immer es wollen . Gewiß bemerkt er ihre kleinen Schwächen nur , um durch sie ihr Freude zu bereiten und ist dann zwiefach glücklich in ihrem Ergötzen . « Alle hefteten bei diesen Worten aufmerksam und gerührt den Blick auf Gabrielen . Sie bemerkte es und fuhr mit glänzenden Augen weiter fort . » Ich danke Gott , daß keine neidische Regung je in meinem Gemüthe Raum fand ; auch danke ich Ihnen , Ernesto , daß Sie das freundliche Bild Ottokars mit seinem Knaben mir zum Troste hinstellten an meinen einsamen Lebenspfad , dessen einziger Schmuck Mitgefühl ist und Erinnerung . Jetzt weiß ich , daß alles , was ich je liebte , glücklich ist , dort oben oder hier . Um mich her hat der Sturm ausgetobt , es ist und bleibt jetzt stille . Was kann ich mehr wollen ? In meinem Gemüth regt sich kein Wunsch zu einem andern Glück , ich glaube sogar , daß ich keines andern fähig wäre , selbst nicht an Ottokars Seite . Darum bitte ich Euch alle , meine Lieben ! seyd in Zukunft ruhig um mich ; ich wandle zwar einsam meinen Pfad , aber ich blicke von ihm in die hellerleuchteten Häuser meiner Freunde in Rom und hier , und auch dort hinauf , « sprach sie mit einem zu dem eben aufgehenden Abendstern gehobenen Blicke . » Und so , « fuhr sie nach einer kleinen Pause fort , » und so fühle ich mich weder allein , noch betrübt und verlassen . « Ruhe des Himmels leuchtete bei diesen Worten aus Gabrielens Zügen und alle fühlten sich näher zu ihr hingezogen . Auguste schmiegte mit ihrem Knaben sich an sie , während Frau von Willnangen unter Thränen sie umarmte und Ernesto ihre Hand ergriff und liebend und bewundernd mit glänzenden Augen sie betrachtete . Moritzens lärmende Ankunft scheuchte die Gruppe auseinander , seine Stirne umwölkte sich , so wie er sie erblickte und noch am nehmlichen Abend kündigte er den dritten Tag nach diesem als den zur Abreise unwiderruflich bestimmten an . Es war nicht Eifersucht , was zu diesem plötzlichen Entschluß ihn bewog , aber er vermochte es nicht , die bittere Empfindung niederzukämpfen , welche sich allemal seiner bemächtigte , wenn er Gabrielen im kleinen stillen Kreise ihrer Freunde erblickte , in Liebe sie umfassend und von ihnen umfangen . Ein dumpfes Bewußtseyn , wie fremd und fern er selbst ihr bleiben müsse , obgleich es ihm vergönnt war , sie die Seine zu nennen , regte ihn stets zu einer Art Ingrimm gegen diese Freunde auf , und unerachtet der Gefälligkeit und Güte , mit der man ihm entgegenkam , ergriff er freudig die erste Veranlassung , ihnen mit Gabrielen zu entfliehen . Am Morgen ihrer Abreise stand Ernesto vor dem Schlosse , unter den nehmlichen Säulen , wo sie vor zwei Abenden noch alle im herzlichen Vereine versammelt waren . Sinnend blickte er dem Wagen nach , in welchem Moritz , triumfirend über Gabrielens Freunde , sie ihnen entführte , bis auch die letzte Staubwolke seinem Blick entschwand . Dann wandte er sich , schmerzlich aufseufzend , und gewahrte dicht neben sich Frau von Willnangen , die forschend ihn betrachtete . » Sie sind betrübt , « sprach sie , » und ich bin es mit Ihnen , denn seit ich Gabrielens liebe Gestalt in diesen Räumen einmal erblickte , werde ich sie immer um so schmerzlicher vermissen . Da wir aber scheiden mußten , so gereicht es mir doch zum Troste , daß sie nicht mehr allein mit dem langweiligsten Narren der Welt in jenem alten Raubschloß am Rhein hausen wird . Sie geht , wenn gleich nicht einer glücklichen , doch einer heiterern Existenz entgegen , wie ihre Jugend sie fordert . Sie scheinen meiner Meinung nicht zu seyn , Ernesto ? Sie der Geselligste , Lebensfrohste unter uns . Ich glaube fast , Sie fürchten den Eindruck , welchen die Vergnügungen der Residenz auf Gabrielen machen könnten , und ich gestehe es Ihnen , ich begreife weder Sie noch Ihre Sorgen . Was kann die große Welt einem so erprobten Gemüthe , wie das von Gabrielen ist , anhaben ? Ach ! leider wissen wir es ja , es giebt für sie weder Hoffnung noch Gefahr ; der kurze Frühling meines armen Kindes ist dahin und wird nie wieder erwachen . « Schweigend stand Ernesto eine Weile da , dann nahm er , nach seiner gewohnten Art , zu einem Gleichniß seine Zuflucht . » Hörten Sie nie , « sprach er zu seiner Freundin , »